Flexitarier - genussvoll und gesund essen!

Fleisch ja oder nein? Flexitarier entscheiden das jeden Tag bewusst aufs Neue.

Fleisch essen: ja oder nein? Lange habe ich mit dieser Frage gerungen.

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. Schließlich bin ich ein großer Tierfreund, bin gegen Massentierhaltung und Tierquälerei. Und die Vorstellung, Medikamente oder Hormone unwissend durch tierisches Eiweiß zu mir nehmen, ist ekelhaft und beängstigend. Auf der anderen Seite mag ich aber auch den Geschmack von Fleisch, habe das Gefühl, dass es meinem Körper ab und an gut tut und komplett auf Fleisch und Fisch zu verzichten fällt mir ehrlich gesagt schwer. Dogmatische oder extreme Ansichten sind mir fern und ich denke, wie bei so vielem, liegt die Wahrheit in der Mitte. Daher auf die Frage: Fleisch ja oder nein, habe ich für mich die momentan passende Antwort gefunden: Jein! Ich bin Flexitarier und das ist auch gut so.

Flexitarisch zu leben bedeutet für mich bewusst zu essen und den Fleischkonsum massiv zu reduzieren. Habe ich bis vor wenigen Monaten noch täglich Fleisch gegessen, so kommen tote Tiere heute nur noch zwei bis drei Mal im Monat auf den Teller. Und wenn, dann nur Bio-Fleisch. Das ich nur kaufe, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Tiere bis zur Schlachtung ein schönes und erfülltes Leben hatten. Klar, das werde ich nie zu hundert Prozent wissen können, aber zumindest kann ich damit mein Gewissen beruhigen. Für diese tierische Entwicklungshilfe zahle ich dann auch gerne überdimensionierte Preise von knapp zehn Euro für 400 Gramm Fleisch.

Massentierhaltung nicht unterstützen

Massentierhaltung unter unwürdigen Bedingungen möchte ich nicht länger verantworten. Auch die Vorstellung, dass Schweine innerhalb weniger Monate auf das Vierfache ihres Gewichts gemästet werden, nie das Sonnenlicht sehen und auch sonst sozial verkümmern, macht mich traurig und ich bekomme ein sehr schlechtes Gewissen - besonders, wenn ich daran denke, wie viele dieser Schweine ich wohl schon selbst gegessen habe. Daher gibt es für mich kein Fleisch mehr in der Kantine, auf Pizzen, im Dönerladen und überall dort, wo die Herkunft ungewiss ist. Und ja, es war eine Umstellung. Mit der Salami auf dem Brot begann früher mein Tag, dann meistens Fleisch in der Kantine und auch am Wochenende habe ich gerne und viel Fleisch gegessen. Das ist jetzt nicht mehr so und ich vermisse es nicht, sondern fühle mich besser. Ich hab ein gutes Gewissen und weiß, dass mein Körper auch gut fleischlos leben kann. Ich sage mir, dass jetzt weniger Tiere meinetwegen sterben müssen und ich keine Hormone, Medikamente oder gar Viren über das Fleisch zu mir nehme.

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Dennoch, dogmatisch möchte ich einfach nicht auf Fleisch verzichten, zumindest noch nicht. Ein richtiger Vegetarier zu werden ist zwar der nächste logische Schritt, aber ich bin einfach noch nicht so weit. Vor ein paar Tagen war ich in einem kleinen Ort in Österreich Skifahren. Ursprünglich wollte ich in dieser Zeit vegetarisch leben - die regionale Spezialität war übrigens Speck. Die Gastwirte in dieser Region pflegen das Motto: "Bio ist gut, regional ist besser", und so handhaben sie es auch mit dem Fleisch. Sie versicherten, dass das Fleisch von freilaufenden Tieren und aus einer Bioproduktion stammte und priesen die gute Qualität. Das überzeugte mich und ich aß Fleisch. Geschmacklich waren das Steak und der Speck wirklich sehr lecker, so dass ich keinen Zweifel an der guten Qualität hatte und es heißt ja auch, dass Fleisch von glücklichen Tieren mit viel Auslauf und artgerechter Haltung einfach besser schmeckt. Das Fleisch dieser Tiere in der österreichischen Idylle zu essen war nicht schwierig für mich. Außerdem habe ich damit die regionalen Bauern unterstützt.

Was passiert, wenn wir alle auf Fleisch verzichten?

Denn was könnte eigentlich passieren, würden wir alle komplett auf Fleisch, vielleicht sogar auf tierische Produkte verzichten? Der Viehwirt würde bald verschwinden, der klassische Bauer aussterben. Ob ein Bauernhof noch Lebensraum für Kühe, Schweine und Hühner wäre, wenn es nur noch Veganer gäbe? Wohl kaum, wofür auch. Diese "Nutztiere" könnten wir dann vermutlich nur noch im Zoo besuchen. Die komplette Landwirtschaft würde sich wandeln, auch global. Zunächst gäbe es keine Massentieraltung mehr. Das wäre gut. Die Futter-Anbauflächen verschwänden, ebenso die Weideflächen. Ganze Landstriche würden ohne das Abgrasen von Kühen und Schafen verwildern oder würden als Bauland genutzt. Die Produktion von Nahrung müsste sich umstellen: Statt Viehäcker und Futteranbauflächen entstünden riesige Soja- und Gemüseflächen. Plantagenfelder aus Gemüse und Gewächshäusern dominierten zunehmend das Landschaftsbild. Vielleicht würde die Lebensmittelindustrie dann auch verstärkt in Genveränderungen und Nahrungszusätze investieren, um die gesteigerte Nachfrage an veganen Produkten zu befriedigen. Und die Felder müssten komplett mit chemischen Flüssigkeiten gedüngt werden, da es kaum mehr tierischen Mist gäbe. Ganze Berufszweige wie Hirte, Metzger, Viehwirt und Milchbauer fielen weg. Der Ziegenpeter von Heide wäre endgültig Geschichte.

Ein Szenario das mir nicht gefällt und eine Welt, in der ich nicht leben möchte. Dennoch kann es kein "Weiter so" geben. Denn wir müssen uns mehr Gedanken darüber machen, was wir essen und woher es kommt. Massentierhaltung sollte EU-weit verboten, die Standards zum Schlachten sollten massiv erhöht werden. Tiere, auch Nutztiere, haben meiner Erfahrung nach eine Seele, Gefühle und dürfen nicht länger nur als das Mittel zum Zweck der menschlichen Nahrungsaufnahme gesehen werden. Wo bleibt da die Ehrfurcht vor dem Leben? Der Respekt vor fühlenden und intelligenten Lebewesen? Er ist leider vielen von uns gänzlich verloren gegangen. Ich werbe für ein neues Bewusstsein für Tiere und alle Lebewesen, auch, wenn wir sie weiterhin essen. Ich bin für eine artgerechte Haltung, auch wenn sie mehr kostet und ich bin dafür, dass wir bereit sein sollten, auch mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Ein Umdenken findet selten von heute auf morgen statt, doch die vielen Diskussionen, online sowie offline, die Medienberichte, die Zunahme von alternativen Produkten, das alles führt zu einer neuen Einstellung der Menschen. Doch noch ist viel zu tun und noch immer versündigen wir uns - auch durch Nichtstun - an den Lebewesen, die von uns abhängig sind. Aber wir alle können uns Gedanken machen. Jeder von uns kann heute mit einer neuen, lebensbejahenden und tierfreundlichen Einstellung in den Tag gehen. Für die Umwelt, für das Leben und für sich selbst.

Nadja Baran