Euro, bis der Notarzt kommt

Die beiden Staaten, die neben Griechenland am dichtesten vor dem Bankrott stehen, stehen im EM-Finale. Wir in Deutschland setzen offenbar die völlig falschen Akzente.

Anzeige

. Wir in Deutschland schaffen die Kohle ran, um Italien vor der Pleite zu bewahren. Damit es in Italien noch Banken gibt, bei denen die Herren Fußballer ihre Milliardengagen parken können, ehe sie sie unter ganz merkwürdigen Umständen ins Wettbüro tragen. Wir nennen keine Namen, nicht wahr, Herr Buffon? Schließlich gilt sogar in solchen Fällen die Unschuldsvermutung. Italien ist ja praktisch das Mutterland der Unschuldsvermutung. Sie lautet: Wir vermuten, dass Luca Brasi, der jetzt bei den Fischen schläft, vorher im Wettbüro war.

*

Kommen wir zu lustigeren Themen. Es ist ja jetzt irgendwie so, dass mindestens 150 Staaten samt ihrer Banken unter die diversen Euro-Rettungsschirme wollen, obwohl die EU bislang Gott sei Dank nur 27 Mitglieder hat. Das erinnert uns an das alte Volksgedicht von dem Würmchen, das mit seinem Schirmchen unter dem Ärmchen auf einem Türmchen saß und von einem Sturm heruntergeweht wurde. Auf gut rheinland-pfälzisch-hessisch: Uffem Termsche//sitzt e Wermsche//mit em Schermsche//unnerm Ermsche//Kummt e Stermsche//bläst des Wermsche//vun soim Termsche. So geht es demnächst jedem armen Wurm, das sich an den Euro-Rettungsschirm klammert.

*

Anzeige

Reden wir von unser aller Kanzlerin. Wie meinen? Nein, sie ist noch nicht auf dem Türmchen. Höchstens auf der Palme. Wegen Italien und Spanien. Dieser Tage sprach sie mit der FDP-Fraktion, was sie angesichts der Stimmungslage in dieser Koalition auf die Vorschlagsliste für den Friedensnobelpreis bringen könnte. Angela Merkel sagte, mit ihr werde es keine gesamtschuldnerische Haftung der Euro-Staaten, also keine Euro-Bonds geben, "solange ich lebe". Man hätte sich vorstellen können, dass der italienische Torwart Buffon in sein Wettbüro rennt und einen Monatslohn, also so zwei, drei Millionen, gegen Merkel setzt.

*

"Solange ich lebe" weckt natürlich eine Flut von Assoziationen, und wieder mal hängt alles mit allem zusammen. Uns erinnert "solange ich lebe" spontan an "Leben und Sterben lassen", den James-Bond-Film von 1973. Klar: Bond-Film - Euro-Bonds! Ferner gibt es einen Schlager mit dem Titel "Solange ich lebe", er erreichte 1973 Platz 13 der deutschen Charts und wurde gesungen von Bata Illic, geboren 1939 in Belgrad, in Fachkreisen auch als "Jopie Heesters des Balkans" bekannt. Illic studierte Philologie, Englisch und Italienisch, war zwei Jahre lang Lehrer und damit optimal gerüstet für den deutschen Schlagermarkt, auf dem er mit bekannten Weisen wie "Michaeeelaa-a-ha" (1972) oder "Diiich erkenn ich mit verbuundnen Augen" (1968) überzeugte. Im Januar 2008 dann der vorläufige Höhepunkt: Er wurde Dritter im RTL-Dschungelcamp.

*

Aber es kommt noch viel besser: Auch die internationalen Stars Ella Fitzgerald und Johnny Cash, wir Älteren erinnern uns, sangen Lieder mit dem Titel "As Long As I Live". Bei Johnny Cash liegt die Verbindung zum pekuniären Thema natürlich so was von auf der Hand, zumal er 1969 eines seiner berühmtesten Konzerte in einer Strafanstalt, San Quentin, gab. Im Text von Ella Fitzgerald heißt es, dass sie jemanden, den sie "Baby" nennt, lieben wolle, solange sie lebe. Sie habe aber Angst, dass sie nicht lange genug lebe, dass sie deshalb fortan, um gesund zu bleiben, wenn es regne Gummigaloschen trage und: "eat an apple every day//then see the doctor away", also: jeden Tag einen Apfel essen, dann wird der Arzt überflüssig. Und da haben wir natürlich den ultimativen Zusammenhang mit Merkel und der FDP-Fraktion auf dem Obst-, respektive Präsentierteller. Denn einer der legendären, auch von uns immer wieder gerne zitierten Weisheiten des FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle lautet bekanntlich: "Two glasses a day//keep the doctor away." Also ungefähr: "Am Tag zwei Gläschen Wein//erspar‘n dir den Arzt und manche Pein."

Anzeige

*

Die Sache mit "solange ich lebe" lüftet natürlich ganz nebenbei auch noch das bislang bestgehütete Geheimnis der deutschen Politik, nämlich: Was befindet sich eigentlich in der unglaublich tollen Einkaufstasche, die Angela Merkel seit geraumer Zeit mit sich herumschleppt? Das Grundgesetz? Kochrezepte? Haar-Föhn? Ersatz-Blazer? Das vorformulierte Entlassungsschreiben für den Entwicklungshilfeminister, Teppich-Dirk Niebel, Little Aladin, wie wir ihn nennen? Nein, in der Tasche sind vielmehr Erste-Hilfe-Präparate, auch zur Selbstmedikation, um länger zu leben. Kleine Sauerstoffflaschen, zwei Weingläser und so weiter. Wir werden die Tasche künftig "Muttis Überlebenskoffer" nennen. Motto: Euro, bis der Notarzt kommt.