Ein Kampftruthahn auf dem Kriegspfad

Die Briten außer Rand und Band - Elizabeth II. wird 90. Foto: dpa

Tierische Woche zwischen Schwalbenkönigen und königlich-schwänzelnden Corgis: Die Queen wird 90, nur das Saarland hat nichts zu feiern.

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. Von Christian Matz

Zu den Kuriositäten im deutschen Föderalismus zählt neben Bremen (klein und putzig), Bayern (groß und protzig) und Berlin (arm, aber sexy) insbesondere das Saarland: arm, noch nicht mal sexy, gefühltes Zonenrandgebiet, auch ohne Zone. Von dort kommt nun ein bemerkenswerter Vorschlag: CDU-Innenminister Klaus Bouillon plant einen Intelligenztest für Flüchtlinge, was gleich mehrere Fragen aufwirft. Erstens: Welchen Sinn hat eigentlich das Saarland? Zweitens: Muss ein Politiker, dessen Namen uns an einen tiefen Teller Suppe erinnert, die Suppe, die er anderen einbrockt, auch selbst auslöffeln? Und vor allem: Gibt es das überhaupt, intelligentes Leben im Saarland?

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Unter Wissenschaftlern jedenfalls ist das umstritten, ähnlich wie die Frage, ob es Wasser auf dem Mars gibt, wobei der Nachweis in beiden Fällen schwierig ist. Während aber mehrere Marsmissionen schon wichtige Hinweise geliefert haben, musste die bislang einzige, in der benachbarten Pfalz gestartete Saarlandintelligenzsuchexpedition (SISE) ohne Ergebnis abgebrochen werden. Teilnehmer berichteten anschließend von unüberwindbaren Sprachbarrieren und erfolglosen Kontaktversuchen („O, geh fort!“) am und um den Schwenkgrill, dem im Saarland bevorzugten Ritual der gemeinschaftlichen Nahrungsaufnahme.

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Sollten wir mit den vorherigen Zeilen die Intelligenz oder Gefühle saarländischer Leser beleidigt haben, so bitten wir um Verzeihung. Der Autor verweist entschuldigend auf seinen pfälzischen Migrationshintergrund, der, obwohl er seit Jahren im sicheren Drittstaat Hessen lebt, das Verhältnis zum Saarland nachhaltig geprägt hat. Vorsorglich entschuldigen wir uns deshalb für weitere nun folgende Beleidigungen.

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Über die Intelligenz von Arturo Vidal, chilenischer Fußballer beim FC Bayern München, können wir nur Vermutungen anstellen; demzufolge könnten wir ihn uns ganz gut irgendwo an einem Schwenkgrill im Saarland vorstellen, schwenkend und schwankend. Wären da nicht die vielen Tätowierungen und die Frisur, ein Irokesenschnitt. Der Auftritt erinnert insgesamt an einen Kampftruthahn auf dem Kriegspfad, und sowas findet man selbst im Saarland selten, nicht mal mit einer Suchexpedition. Jedenfalls hat er mit seiner Schwalbe im DFB-Pokalhalbfinale für den sportlichen Aufreger der Woche gesorgt. Eine echte Premiere: Der erste Chilene in der Rolle des „Fliegenden Holländers“ (künftig nur noch die Zweitbesetzung: Mitspieler Arjen Robben). Während Vidal nichts zu seiner Einlage sagen wollte, hat Mannschaftskollege Thomas Müller, optisch, motorisch und mental eine Mischung aus Karl Valentin und Gerd Müller, den Flug folgendermaßen beschrieben: „Es war eher so ein Schutzhochspringen.“ Wunderbar, ein echter Flachtiefwitz.

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Schutzhochspringer sind ja sowas wie die Warmduscher unter den Schattenparkern. Übrigens: Warmduscher gelten völlig zu Unrecht als verweichlicht. Denn gegen eine warme Dusche ist überhaupt nichts einzuwenden, man sollte nur eben unter der Dusche generell nicht allzu hoch schutzspringen, sonst landet man hart und sieht am Ende nur noch Schatten. Aber wir schweifen ab.

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Die in Großbritannien bevorzugte Variante des Schutzhochspringens heißt: Brexitisieren, also Ausstieg aus der EU, die inzwischen nun wirklich nichts mehr ist für Warmduscher. Doch bis es soweit ist, fließt noch viel Ale die Themse runter. Jetzt wird erstmal gefeiert, und deshalb stehen Millionen Briten Schwanzwede... Stopp. Millionen Briten stehen Spalier, ganze Rudel von Corgis, Dorgis, Cockerspaniels und sonstigen hundeähnlichen Wesen stimmen schwanzwedelnd und voll heller Freude aufbellend mit ein: Die Queen ist 90! Hammerfrau, topfit, „gute Zähne“, wie in unserer Zeitung zu lesen war. Hat bis zum heutigen Tag, also noch mitten in der ersten Hälfte ihrer Regentschaft, schon ganze zwölf Premierminister abgefrühstückt; so einen kleinen deutschen Minister wie Klaus Bouillon, der dann doch eher als Suppenkasper („a soup-caspar“) daherkommt, würde sie vermutlich kalt-lächelnd (die guten Zähne, es sind schon die vierten!) zum Lunch verspeisen.

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Bleiben noch folgende Fragen: Was nimmt Arturo Vidal zum Frühstück? Macht eine Schwalbe endlich den Sommer, nicht nur in Chile, sondern auch bei uns? Ist „Brexitisieren“ überhaupt ein Verb? Und schließlich: Sind zwei Corgis intelligenter als zwei Saarländer, oder reicht dafür schon einer, sofern er nachweislich im Takt schwanzwedeln kann? Wir kennen die Antworten auch nicht, sind aber in Teilen verunsichert.