Die Wende in Bulgarien - durch die Augen eines Kindes

Zur Entdeckung der neuen Welt gehörte auch die Musik von Michael Jackson. Archivfoto: dpa

Ein kalter sonniger Morgen Anfang März. Der Platz vor der Kaserne ist voll mit Erstklässlern. Sie stehen in Reihen und warten...

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. Ich mache ein paar Schritte zum Mikrofon. Die Sonne blendet mich, mein Herz schlägt schnell, der Mund ist trocken. "Ich bin Bulgarin. Ich liebe unsere grünen Berge. Mich Bulgarin zu nennen, ist meine größte Freude", rezitiere ich die erste Strophe des Gedichts, das ich Tage zuvor auswendig gelernt habe. Meine Stimme kommt verzerrt zurück aus den großen Lautsprechern am Rande des Platzes. Die anderen Kinder applaudieren. Ich kehre in meine Reihe zurück. Einige ältere Schüler kommen, um uns die blauen Halstücher umzubinden. An diesem Tag werde ich in die Reihen der Bulgarischen Jungpionierbewegung aufgenommen. Es ist der 3. März 1988 und ich bin fast sieben Jahre alt.

Anderthalb Jahre später fiel die Mauer in Deutschland. In den bulgarischen Nachrichten wurde am 10. November 1989 berichtet, dass Staats- und Parteichef Todor Zhiwkow nach über 30 Jahren von allen seinen Posten zurücktritt. Wir gaben unsere Pionierhalstücher ab, meine Grundschullehrerin hieß nicht mehr Kameradin Petrova, sondern Frau Petrova. Es gab keine Morgengymnastik auf dem Schulhof mehr und auch keine Uniformen.

Oma weinte vor dem Fernseher

An Weihnachten jenes Jahres wurden dann in Rumänien Nicolae Ceausescu und seine Frau erschossen. Der kurze Prozess und die Exekution wurden live im Fernsehen übertragen. Ich habe die Sendung im Wohnzimmer meiner Großeltern gesehen. An diesem Tag sah ich zum ersten Mal meine Oma weinen. Nicht weil sie Ceausescu mochte, sondern weil sie nicht begreifen konnte, dass jemand einfach so, vor laufenden Kameras getötet werden kann. Ich hatte Angst.

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Der Winter 1990 war schlimm. Es gab täglich Stromausfälle und fast alles wurde rationiert. Meine Eltern und Großeltern standen oft stundenlang Schlange, um die uns zugeteilten Mengen an Brot, Käse und Yoghurt zu kaufen. Ich schrieb meine Hausaufgaben bei Kerzenlicht.

Die neue Welt entdecken

Langsam hat sich die Lage gebessert und wir fingen an, die neue Welt, die wir bisher nicht kannten, zu entdecken. Der Russischunterricht in der Schule wurde durch Englisch ersetzt. Ich fand es schwierig, mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. In jedem Laden konnte man Coca Cola kaufen. Ich habe zum ersten Mal Kokosnuss und Ananas gegessen. Die ersten Jeans, nachgemachte Levi´s Modelle, produziert in der Türkei, kamen auf den Markt. Es gab Kaugummis mit Stickern, die wir eifrig sammelten und tauschten. Ich hörte die Musik von Michael Jackson, Sandra und Sabrina Salerno. Plakate der nackten Samantha Fox hingen als Deko in jedem Linienbus in meiner Stadt.

Anfang der Neunziger starteten auch die ersten privaten Fernsehsender und brachten die westliche Kultur in unser Wohnzimmer. Bald litten wir, gemeinsam mit den Charakteren von "Dallas", "Reich und schön" und "Lassie" und hofften auf den großen Gewinn beim "Glücksrad". Die Wende war vollbracht.

Neli Mihaylova