Der Lauf der Dinge

Die gekenterte Costa Concordia. Foto: dpa

Die tägliche Nachrichtenauswahl, das Sortieren in relevant und nicht relevant, ist unerbittlich, und sie macht Journalisten bisweilen zu Zynikern. Wie bei der Costa Concordia.

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. Die tägliche Nachrichtenauswahl ist unerbittlich. Da ist die Costa Concordia, wochenlang nichts als Costa Concordia, die Opfer, die Vermissten, der Kapitän, die Taucher - tragisch, und: so nah. Wer von uns hat nicht schon daran gedacht, wie das ist: eine Reise auf einem dieser Kreuzfahrtschiffe, entspannt im Rundum-Sorglos-Paket auf dem Meer, oder doch eher, buchstäblich, der Abtörn im Stahlkoloss. "Sorgen", die so nahe liegen.

Ein paar hundert Kilometer südlich geraten Anfang April 2011 mehrere Flüchtlingsboote aus Libyen in Seenot, ihr Ziel: Europa. Dutzende Menschen kommen ums Leben. Tragisch zwar, und nur ein Beispiel von vielen, aber: so fern. Niemand von uns kann sich vorstellen, wie das ist, zu fliehen, auf einem gottvergessenen Kahn, in der Nacht bei Sturm, am Tag bei sengender Sonne - wie es ist, alles zu riskieren.

Schlagzeilen, ja: am ersten Tag, vielleicht am Folgetag noch einen Zwanzig-Zeiler, vielleicht. Wobei, wenn sich die Regierungen zeitgleich über den Verbleib der Afrikaner zanken, die es lebend nach Malta oder aufs italienische Eiland Lampedusa schaffen, dann, ja dann kann man noch mal drüber nachdenken.

Die tägliche Nachrichtenauswahl, das Sortieren in relevant und nicht relevant, ist ganz sicher unerbittlich, und sie macht Journalisten bisweilen zu Zynikern. Menschen denken so, Journalisten (auch Menschen, Anm. d. Verf.) denken, die Menschen denken so. Dann ist doch alles okay, oder? Vielleicht mach ich mal ’ne Sonderseite über die Bootsflüchtlinge aus Afrika. Vielleicht. Ansonsten hilft die weltbeste Ausrede: Ich habe keine Zeit.

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Jens Hoffmann