Der Dauerstreit um den Astrazeneca-Impfstoff

aus Coronavirus-Pandemie

Thema folgen
In Berlin wurde die Priorisierung für den Impfstoff von Astrazeneca aufgehoben.  Foto: dpa

Schon wieder Wirbel um Corona-Impfungen: Einzelne Bundesländer stoppen den Einsatz des Mittels von Astrazeneca für Jüngere. Wie geht es nun mit den Impfungen weiter?

Anzeige

BERLIN. Eigentlich sollten die Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca endlich Fahrt aufnehmen - und nun das. Nach einigen vorsorglichen Warnungen unter anderem aus großen Kliniken preschte am Dienstag zunächst das Land Berlin vor und setzte den Einsatz von Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahre vorerst aus. Dabei gab es mit dem Mittel schon so viel hin und her: zugelassen, eingeschränkt, erweitert, ausgesetzt, wiederaufgenommen. Über das weitere Vorgehen wollten Impfexperten, Bund und Länder beraten. Klar ist: Die gesamte schwierige "Impfkampagne" wird nicht einfacher.

Was ist das Problem? Wieder geht es um Auffälligkeiten mit Fällen von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen, die vor allem bei jüngeren Frauen gemeldet wurden. Erst Mitte März hatte die Bundesregierung alle Astrazeneca-Impfungen nach einer Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) ausgesetzt - wie mehrere andere Länder auch. Nach erneuten Prüfungen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) gaben Bund und Länder nach vier Tagen Pause dann wieder grünes Licht - aber verbunden mit neuen Warnhinweisen für Ärzte und Patienten auf das Thrombose-Risiko.

Anzeige

Worum geht es genau? Es gibt Verdachtsfälle für eine spezielle Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie). Das Paul-Ehrlich-Institut, das solche Meldungen sammelt, konstatiert in seinem Sicherheitsbericht "eine auffällige Häufung" in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astrazeneca.

Wie viele Verdachtsfälle gibt es bislang? Dem Institut wurden bis Montagmittag 31 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca gemeldet. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopesanrnie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang tödlich.

Was weiß man über diese Verdachtsfälle? Mit Ausnahme zweier Fälle betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt. Laut Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bis einschließlich Montag 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von Astrazeneca verimpft.

Wie häufig ist diese Komplikation? Gemeldet wurde dem Paul-Ehrlich-Institut etwa ein Fall pro 100.000 Astrazeneca-Impfungen (Stand 19. März). Das ist wenig, aber dennoch häufiger als zu erwarten wäre, denn in der Normalbevölkerung ist es noch seltener: "Diese sehr seltene Gerinnungsstörung trat unter den Geimpften häufiger auf, als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre."

Anzeige

Wie entstehen solche Thrombosen? Andreas Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald zufolge könnten in seltenen Einzelfällen über die Immunantwort des Körpers die Blutplättchen aktiviert werden. Auch andere Forscher vermuten, dass die Bildung der Gerinnsel über eine starke Immunantwort und dabei entstehende Antikörper, die an die Blutplättchen andocken und diese aktivieren, laufen könnte.

Ist die Impfung die Ursache? "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nicht klar, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Berichten über Immunthrombozytopenie gibt", heißt es beim PEI. Bisher gebe es keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen durch den Impfstoff verursacht wurde. Es würden aber weitere Untersuchungen durchgeführt, um das aufzuklären.

Wie haben die Behörden die Sache bislang beurteilt? Für die Europäische Behörde EMA sind die Vorteile des Vakzins deutlich größer als die Risiken. Es wurde aber beschlossen, zu diesen sehr seltenen Ereignissen einen Warnhinweis in die Fach- und Gebrauchsinformationen aufzunehmen.

Wieso gibt es keine Klagen aus anderen Ländern? Dem Paul-Ehrlich-Institut zufolge werden mehr Verdachtsfälle nach Astrazeneca gemeldet als für die anderen Impfstoff-Produkte. Daraus könne man aber "nicht zwangsläufig auf eine höhere Reaktogenität des Impfstoffes geschlossen werden", berichtet das Institut. Die erhöhte Melderate könne "auch mit der erhöhten medialen Aufmerksamkeit" zusammenhängen.

Wie ist es in Großbritannien, wo viel Astrazeneca eingesetzt wird? In Großbritannien sind laut Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) bis Mitte März vier Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten, keine davon soll tödlich verlaufen sein. Insgesamt sind bereits Millionen Menschen mit dem Impfstoff geimpft worden. Mehr als 30 Millionen Menschen in Großbritannien haben mittlerweile eine erste Dosis erhalten - entweder Biontech oder Astrazeneca. Da die Impfkampagne schon weit vorangeschritten ist, werden zurzeit 50- bis 59-Jährige geimpft. Großbritannien hatte zu keinem Zeitpunkt die Impfungen mit Astrazeneca pausiert. Angesichts der großen Zahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise aufträten, gebe es keinen Anlass für einen Stopp, so die MHRA.

Welche Rolle spielt die Altersgruppe? Bei den Altersempfehlungen für Astrazeneca gab es inzwischen schon Änderungen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte das Mittel zuerst nur für Menschen unter 65 Jahre empfohlen - wegen mangelnder Studiendaten für Ältere. Etwas später wurde dies aber aufgehoben und die Impfung für alle ab 18 empfohlen. Im Licht der jüngsten Fälle beriet das Gremium nun darüber, das Mittel erst ab 60 zu empfehlen. So sah es ein Entwurf vor. Überhaupt geimpft wurden bisher Menschen aus zwei Gründen: wegen ihres Alters oder wegen ihres Berufs, etwa im Gesundheitswesen oder im Bildungswesen. Wegen der Stiko-Empfehlung bekamen Ältere eher Biontech/Pfizer, Jüngere eher Astrazeneca.

Wie geht es weiter? Die Auswirkungen für den Fortschritt der Corona-Impfungen insgesamt waren vorerst unklar. Astrazeneca spielt allerdings eine wichtige Rolle, auch für die nach Ostern angestrebte stärkere Einbeziehung der Arztpraxen. Im ganzen Jahr werden mehr als 56 Millionen Dosen erwartet. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte: "Damit die Impfkampagne endlich Fahrt aufnehmen kann, müssen Impfwillige die Wahlfreiheit bei den Seren erhalten." Doch damit dürfe nicht die ethische Reihenfolge beim Impfangebot aufgegeben werden, sagte Vorstand Eugen Brysch. "Sonst kommen immobile, schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen unter die Räder."

Von dpa