Der Ball ist wund

Mit Spieltheorie kann man zum Wirtschaftsnobelpreisträger werden. Oder zum geföhnten Jogi.

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. "Unkontrolliertes Taumeln, defekte Technik, belastete Physis." So steht es geschrieben bei Spiegel online. Es sei darum gegangen, "äußerst heikle Situationen zu überstehen - es ging um Leben und Tod." Wie meinen? Dieses unfassbare, widerliche 4:4 des deutschen angeblichen Fußballnationalteams gegen Schweden? Diese sogenannte Mannschaft, die ihren Trainer ab der 60. Minute zum Jogi machte, sodass ihm fast die Tönung aus der Haarwelle geflogen wäre - Berlin, 10 Uhr abends, die Frisur ist im Eimer? Nicht doch, der Eingangssatz stammt doch lediglich aus der Schilderung des Fluges, den in dieser Form wahrscheinlich nur ein Österreicher übersteht, von Geburt an gegen schlimmste Umweltbedingungen gewappnet, den Tod täglich vor Augen: Felix Baumgartner sprang aus gefühlt 87000 Kilometern in ein ein Quadratmeter großes Kinderplanschbecken in der großen Wüste....Quatsch, so schlimm war es dann doch nicht. Aber fast wäre der Sprung an einem technischen Detail gescheitert, müssen wir entsetzt lesen. Die Heizung an Baumgartners Helm-Visier funktionierte nicht. Kein Wunder, bei den Strompreisen. * Auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) war mächtig beeindruckt: "So schnell und von so hoch ist noch kein Mensch im freien Fall Richtung Erde gerast." Oh, doch, doch. Da kennen wir noch ganz andere Fälle. Zum Beispiel aus der Politik. Denken wir nur an Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff, Stefan Mappus, oder unseren französischen Freund, Dominique "für-die-Frauenquote-springe-ich-aus-jeder-Hoteldusche" Strauss-Kahn. Und für den freien Fall im Fußball gelten ja seit Mittwoch ganz neue Maßstäbe. Wie sagte schon Michael Ballack einst bei "Wetten, dass...?": "Keiner verliert ungern." Ferner gilt, was der berühmte Trainer Arsène Wenger (Arsenal London) im Munde führte: "Manchmal muss man das Unschluckbare schlucken." Englands Ex-Nationalcoach Terry Venables befand: "Es ist immer ein Fehler, Fehler zu machen." Und gerne denken wir auch an die Trainer-Ikone Uwe Klimaschefski (FC Homburg/Saar), der in den siebziger Jahren eine Pressekonferenz vorzeitig mit dem Hinweis verließ, er müsse jetzt weg, seine blinden Spieler zum Bus führen. * Wobei wir uns ja gegen die Schweden schon manchmal schwergetan haben. Wir Älteren erinnern uns noch gut an die WM 1958, als Sepp Herbergers Mannen im Göteborger Halbfinale gegen den Gastgeber vor allem deshalb 1:3 unterlagen, weil sie gegen eine hysterisch aufgepeitschte Zuschauermasse die Nerven verloren. Ja, liebe Nordmanntannen, das haben wir nicht vergessen. Danach war diplomatische Eiszeit. In Hamburg wurde "Schwedenplatte" von den Speisekarten verbannt. Eng wurde es auch bei der Qualifikation zur WM 1966, bei der bekanntlich das dritte englische Tor in Wembley im Finale Deutschland - England nicht drin war. Erst durch einen Gewaltakt von Uwe Seeler holte die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön das England-Ticket. Wobei heutzutage trotz allem Völkerfreundschaft angesagt ist. Das heißt konkret: Ikea. In Anlehnung an deren berühmte Möbelnamen - gab es nicht mal den Beistelltisch "Björn"? - könnte man nun mit Blick auf die deutschen Abwehrrecken Badstuber, Boateng, Mertesacker und Neuer nach diesem Spiel neue Modelle einführen: den Handtuchhalter "Holger", das Stehpult "Jerome", die Salzsäule "Per" und die Bahnschranke "Manuel". * Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Wir weinen vor Enttäuschung, denn eigentlich hätte ganz alleine Griechenland den Preis verdient. Stattdessen kommen zwei Amerikaner zu Ehren. Einer von ihnen, Lloyd Shapley, gilt als einer der Väter der sogenannten "Spieltheorie". Quasi eine Mischung aus Jogi Löw, Lehman Brothers und Griechenland. Aber im Ernst. Wir lesen, Schapley habe 1994 mit seinem Studienfreund John Forbes Nash ein Gesellschaftsspiel erfunden, das "So long, Sucker" hieß. Und bevor uns hier jetzt wieder prüde Leser Pornographie unterstellen: Die Übersetzung lautet: "Mach‘s gut, Dummkopf". Anfang der sechziger Jahre habe Shapley dann den "Gale-Shap¬ley-Algorithmus" untersucht. Und da fällt uns siedend heiß ein, dass ein Algo-Dings angeblich dafür verantwortlich war, dass bei Google immer, wenn man "Bettina Wulff" eingab, als erstes Anklick-Angebot "Prostituierte" erschien. (Übrigens: Am 19. Oktober kam als erstes "Bettina Wulff", und erst als zweites "Prostituierte". Kurz danach stürzte der Kurs der Google-Aktie massiv ab.) Wir lesen aber, dass es beim Gale-Shap¬ley-Algorithmus darum ging, auf einem virtuellen "Heiratsmarkt" möglichst viele Männer und Frauen so zueinander zu bringen, dass sie ihren bevorzugten Partner abbekommen. Oder das, was sie dafür halten. Quasi parship.de auf Nobelpreis-Niveau. Bauer sucht Algorithmus, oder so. * Ja, ja, manch einer verschreibt sich dem Algo-Dings, manch einer dem Fußball oder den schönen Künsten, manch einer bei der eigenen Doktorarbeit. Bei Annette Schavan soll es da den einen oder anderen Tippfehler gegeben haben. Logisch, damals, in den achtziger Jahren, das Gefummel mit Tippex. Ja, liebe Kinder, fragt eure Mutti, was das war. Doktoren, vor allem solche der Medizin, waren dafür berüchtigt, dass man ihre Klaue kaum lesen konnte. Soll man doch froh sein, dass man bei Doktorarbeiten aus den Achtzigern überhaupt was erkennen kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage oder schlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.