Das Ende der Fastenzeit?: Warum auch Heidi Klums Topmodels...

Ideale ändern sich, wie Rubens "Urteil des Paris" zeigt. Foto: Städel Frankfurt

„Size Zero“ nennt sich das, was in der Modebranche jahrzehntelang gefragt war. Das ist Kleidergröße 32. Doch ist das magere Frauenbild noch zeitgemäß? Nach jahrelanger...

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WIESBADEN. In drei Tagen ist Ostern. Hand aufs Herz: Haben Sie gefastet? Süßigkeiten vielleicht? Alkohol? Fette Speisen? Ist es Ihnen schwer gefallen? Dann stellen Sie sich jetzt mal vor, Sie müssten das immer. Das nämlich kennzeichnet eine ganze Berufsgruppe: Model. Aber entsprechen Hungerhaken tatsächlich den heutigen Vorstellungen von Schönheit?

„Size Zero“ nennt sich das, was jahrzehntelang gefragt war. Das ist Kleidergröße 32. Aber wer hat die schon. In aller Regel nur Zwölfjährige. Wenn die allerdings so bleiben wollen, kann Magersucht entstehen – eine Krankheit, die auch Models bekommen können. Seit Jahren muss sich auch Heidi Klums Castingshow „Germany‘s next Topmodel“ (GNTM) den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ein einseitiges Schönheitsideal unterstütze. Aber dieses supermagere Frauenbild sei nicht mehr zeitgemäß, kritisierte jüngst die Freiburger Soziologin Nina Degele. Anlass dafür war die YouTube-Aktion von Schülerinnen aus Hamburg, die einen rebellischen Song gedichtet haben, der eine halbe Million Mal geklickt wurde: „I‘m not Heidi‘s girl“.

Branche nähert sich der Wirklichkeit

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An der Castingshow, die auch an diesem Donnerstag wieder auf ProSieben läuft, geht die Kritik offenbar nicht spurlos vorüber: Erstmals sind Kandidatinnen dabei, die deutlich mehr auf den Rippen haben. Pia zum Beispiel. Die patente Münchnerin – von Freunden laut ihrem Profil auf der ProSieben-Homepage nicht ohne Grund „Schnitzel-Pia“ genannt – punktet mit Natürlichkeit. Und Pfunden.

Es gibt zwar seit 2016 das RTL-II-Format „Curvy Supermodel“, aber dass das GNTM-Flaggschiff nun auch Kandidatinnen oberhalb von 90-60-90 eine Chance gibt, ist mehr als ein cleverer Schachzug gegen die Kritiker. Es ist auch ein Indiz dafür, dass sich die Branche der Wirklichkeit nähert.

„Die durchschnittliche Konfektionsgröße einer Frau in Deutschland ist Größe 42, deshalb sind solche Models sicherlich näher dran an der Realität“, sagt Jana Azizi, Sky Sport News HD-Moderatorin. Die gebürtige Mainzerin ist auch seit Jahren als „Curvy Model“ bei Brigitte Models erfolgreich. „Ein gutes Essen ohne Kalorienzählen macht mich einfach glücklicher, als mir Dinge zu verbieten, obwohl ich dann vielleicht ein Kilo weniger auf der Waage hätte. Das ist für mich ein Teil Lebensqualität, und darauf will ich nicht verzichten.“ Allerdings heiße das nicht, dass „man nur mehr Pfunde drauf hat und fertig“: Man müsse auch Sport machen, sich gesund ernähren.

Schönheits-OPs für mehr Kurven

Auch sie hat beobachtet, dass trendbildende Publikationen wie der Pirelli-Katalog oder die Vogue für ihr Cover „mutiger werden und sich dafür entscheiden, die Vielseitigkeit der Schönheit zu zeigen“.

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„Die Kundinnen wollen heute auch einfach mehr Models sehen, die ihrer eigenen Konfektionsgröße entsprechen,“ ist auch die Erfahrung von Carlos Streil von „East West Models“, einer großen Agentur in Frankfurt. Seit 1989 werden hier Models und Unternehmen zusammengebracht. Und auch hier sind Kurven gefragt: „Das ist ein Riesenmarkt – vor allem in den USA und in England.“ Wobei dort „Curvy“ schon mal heißen könne: Größe 48 bis 52.

Bei solchen Aussichten – gibt es da nicht auch Schönheits-OPs, bei denen nicht nur Fett abgesaugt, sondern auch zugesetzt wird? „Das Spektrum der Operationen hat definitiv zugenommen,“ sagt Nuri Alamuti. Der Facharzt für Plastische Chirurgie aus Wiesbaden sieht sich aber „bei manchen Eingriffen als Advokat, der das Menschen ausreden will“. So gebe es den aus Südamerika stammenden Trend, mit eigenem Fettgewebe das Hinterteil aufzupolstern. „Brasilian Butlift“ (brasilianischer Poheber) heißt das – und ­ist brachial und schmerzhaft.

Eine Frage des Zeitgeschmacks

Wieso nur unterziehen sich immer mehr Menschen einer Schönheits-OP? „Das kommt vom dauernden Vergleichen“, meint Alamuti. Im Zeitalter von Facebook und Selfie wolle jeder „mit seinem Äußeren einen Eindruck hinterlassen – und der soll möglichst jung, schön und straff sein“. Wer das nicht ist, hilft nach. Mit allen Risiken. Schockierendes Beispiel: „Südkorea ist das Land mit den meisten Schönheits-OPs – und der höchsten Selbstmordrate.“ Bedeutet: Nicht jeder wird durch einen plastischen Eingriff glücklich? „Und umgekehrt: Es bedarf einer labileren Persönlichkeitsstruktur, um sich unters Messer zu legen,“ glaubt Alamuti.

Alles auch eine Frage des Zeitgeschmacks. Oder der Möglichkeiten: Wer in der aktuellen Rubens-Schau des Frankfurter Städels die voluminösen Leiber und prallen Schenkel sieht, der begreift, dass und warum in einer Zeit von Hungersnöten vor 400 Jahren Hüftgold so kostbar war.

Und wir? Haben in unseren Breiten ein Luxusproblem. Dennoch kann die Frage, wer nun bei Heidi Klums Casting-Format siegt, etwas bewirken ­– für die jungen Frauen, die die Sendung sehen und sich davon in ihrem Essverhalten beeinflussen lassen. Pia, die GNTM-Kandidatin, die so gerne Schnitzel isst, möchte „ein Vorbild sein“, so ihr ProSieben-Steckbrief. Und das ist sie tatsächlich jetzt schon.