Binger Gymnasiastinnen organisieren Kinderbetreuung

aus Coronavirus-Pandemie

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Franziska Hassemer (l.) und Paula Zachrich vor ihrem geschlossenen Gymnasium. Foto: Tscherner

Franziska Hassemer und Paula Zachrich wollen berufstätige Eltern in Zeiten von Corona entlasten. Für ihre Pläne ernten sie jedoch nicht nur Lob.

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BINGEN/GAU-ALGESHEIM. Wohin mit den Kindern, wenn Kindergärten und Schulen geschlossen bleiben? Die Folgen von Covid-19 stellen berufstätige Eltern vor massive Probleme. Die Binger Higa-Schülerinnen Paula Zachrich und Franziska Hassemer, beide 18, reagierten prompt: Sie bieten Babysitter-Service als Corona-Notfallplan an.

„Wir haben ja jetzt ohnehin nichts zu tun“, sagt Paula Zachrich schulterzuckend. Die Landesregierung gab die Schulschließungen am vergangenen Freitag bekannt. Die Zwölftklässlerin und ihre Freundinnen standen unverhofft vor sechs Wochen freier Zeit. Denn in Plattformen für Online-Unterricht müssen sich viele Lehrer erst einarbeiten. „Bis sich das einspielt, dauert es wahrscheinlich noch eine Weile“, vermuten die jungen Frauen.

Noch am selben Tag entwickelten sie eine Hilfsinitiative: Lasst uns Kinderbetreuung anbieten, den großen Garten und die leer stehende Ferienwohnung der Eltern nutzen und täglich gemeinsam kochen. Unbürokratisch Hilfe als Betreuer anbieten, das ist ihr Konzept. „In so einer schwierigen Ausnahmesituation müssen wir uns alle gegenseitig unter die Arme greifen“, schrieb Paula Zachrich auf Facebook. Mit fünf Euro pro Stunde darf der Dienst ihr Taschengeld gern aufbessern. Auch auf Vermittlungsplattformen wie Yoopies stellten die Schülerinnen ihr Angebot ein – und ernteten neben Lob auch Beschimpfungen. „Undurchdacht“ und „Profitgier“ waren noch die netteren Kommentare. Auch Stress mit dem Gesundheitsamt und sogar der Polizei kündigten Unkenrufer an. Bedenken wegen Versicherungsschutz und letztlich auch das Übertragungsrisiko ließen die beiden fast von der Idee wieder abrücken. Nach einer Testphase wollen sie weitersehen. „Unkonventionelle Lösungen und Nachbarschaftshilfe müssten doch gefragt sein“, sind die Oberstufenschülerinnen überzeugt. Schließlich sind offizielle Notgruppen ausschließlich für systemkritische Berufe reserviert: Krankenhauspersonal, hauptberufliche Feuerwehrleute, Busfahrer, Polizisten oder medizinisches Personal. Nur wenn beide Elternteile berufstätig sind und partout keine andere Lösung möglich ist, dann greift der Not-Kitaplan der Gemeinden und Städte.

„Kinder von Großeltern betreuen lassen, das ist ja im Moment der schlechteste Rat“, wissen die Schülerinnen. Die Mutter einer Vierjährigen hat die Babysitterinnen am Montag besucht und brachte am Folgetag ihr Kind vorbei. Drei Tage in der Woche kann die Versicherungskauffrau den Freiraum nun nutzen, um arbeiten zu gehen. Eine Interessentin wollte die Telefonnummer der Gau-Algesheimer jungen Frauen im Kollegenkreis verteilen. „Wir würden auch Kinder abholen oder bei Leuten daheim bei der Kinderbetreuung aushelfen“, zählt Paula Zachrich flexible Versionen auf.

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Ihre Mutter gab das Okay, die nächsten zwei Wochen die private Wohnung nutzen zu dürfen. „Sie ist gerade im Urlaub und danach sehen wir weiter.“ Paula Zachrichs Schwester sitzt indes auf den Philippinen wegen Flugausfällen und dem Coronavirus fest. „Im Moment stehen wir alle vor Situationen, für die wir kein Modell aus der Vergangenheit kennen“, sagt Paula Zachrich.

Der Abiball ist abgesagt, von den Kursarbeiten war bis zur Schulschließung erst ein Bruchteil geschrieben. Die Lernplattform Moodle müsse noch ins Laufen kommen. Und allein mit den Aufgaben der Lehrer per Mail könne ein schulfreier Tag längst nicht gefüllt werden. „Mit der Betreuung haben wir wenigstens eine Aufgabe“, sagt Franziska Hassemer. Beide Frauen haben Babysitter-Erfahrung, einen Erste-Hilfe- und einen Führerschein sowie ein vierwöchiges Praktikum in der Gau-Algesheimer Grundschule als Basis.

Zum Wochenstart kramten sie Spiele aus dem Privatfundus und setzten das Lieblingsessen des Startkindes auf den Einkaufszettel: Spaghetti Bolognese. Wichtiger als üblich beim Kindersitten wird die Hygiene werden. „Jedes Kind soll ein eigenes Handtuch fürs Händewaschen mitbringen“, sagen sie.