Aggro-Fußball und Neymar allein werden Brasilien nicht reichen

Brasiliens Fußballer feiern mit ihren Fans den Einzug ins WM-Viertelfinale. Foto: dpa

Brasilien ist dem Tod von der Schippe gesprungen, rumpelt und zittert sich ins Viertelfinale der WM. Der Traum von der "Hexacampeao" geht weiter, die Zweifel an der Qualität...

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. Von Ulrich Gerecke

Wir wissen nicht, wie viele Kerzen am Samstag in Brasilien angezündet worden sind für die heimischen Kicker. In jedem Fall hat es geholfen - zuerst bei Mauricio Pinillas Lattenkracher kurz vor Ende der Verlängerung, dann bei Gonzalo Jaras Pfostentreffer im Elfmeterschießen. Zweimal war das kleine Chile drauf und dran, ein neues "Maracanazo" herbeizuführen. So nennt man in Brasilien die nationale Katastrophe des verlorenen Endspiels bei der Heim-Weltmeisterschaft 1950. Diesmal jedoch hatte der Fußballgott ein Einsehen mit der "Selecao", das Gebälk in Belo Horizonte war offenbar brasilianisch geweiht. 4:3 nach Elfmeterschießen - die Fußballer vom Zuckerhut stehen im Viertelfinale.

Sportlich war der Auftakt in die K.o.-Runde allerdings unbefriedigend. Chile konnte nicht annähernd an die starken Leistungen der Vorrundenspiele gegen Australien und Spanien anknüpfe, kam vor allem zu selten zum Abschluss, verlor sich in fruchtlosem Passspiel.

Diese "Selecao" hat keinen roten Faden

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Das war jedoch noch relativ verzeihlich im Vergleich zu jener spielerischen Magerkost, die Brasilien anbot. Erneut zeigte sich: Diese Mannschaft hat keinen Plan, keine Strategie, keinen roten Faden, sie steht für nichts.

Wobei - das stimmt nicht ganz. Für zwei Dinge steht sie dann doch: Erstens für Neymar, dessen Geistesblitze über weite Strecken das einzige Mittel waren, auf das sich der fünffache Weltmeister verlassen konnte und wollte. Und zweitens ein phasenweise brutaler Aggro-Fußball voller Wille, Härte und purer Physis, der mit dem "Jogo Bonito", für das Brasilien eigentlich immer stand und stehen will, überhaupt nichts zu tun hat. Diese Hyper-Aggressivität war übrigens auch im Verhalten des Trainers zu beobachten, dem man den mutmaßlich unmenschlichen Druck bei der Heim-WM zunehmend anmerkt. Wie ein Rumpelstilzchen gebärdete sich Luiz Felipe Scolari phasenweise an der Seitenlinie.

Heraus kam ein insgesamt unglaublich verbissenes, fast obsessives, aber selten kreatives oder schön anzuschauendes Kampfspiel, das allein von Intensität und Spannung lebte. Bezeichnend, dass die beiden Treffer zum 1:1 nach 90 Minuten nicht das Ergebnis flüssiger Kombinationen waren. Brasilien verbuchte ein Eigentor nach einer Ecke; dem chilenischen Ausgleich ging ein alberner Fauxpas von Hulk voraus, dem der Ball in F-Jugend-Manier versprang.

Scolaris Stil wird nur akzeptiert, so lange die Ergebnisse stimmen

Brasilien ist also weiter dabei, aber dieser Sieg wird die Zweifel an der Qualität von Scolaris Truppe eher mehren denn mindern. Die verwöhnten Fans der "Selecao" dürften diesen schmucklosen Spielstil allenfalls so lange akzeptieren, wie die Ergebnisse stimmen. So war es auch schon bei Scolaris Vorgänger Carlos Alberto Parreira, der mit ähnlich durchwachsenem Gekicke, aber einem herausragenden Romario 1994 in den USA den Titel holte. Und die Konkurrenz aus den Niederlanden, Argentinien, Deutschland oder Frankreich wird sich die 120 Minuten von Belo Horizonte ganz genau anschauen. Alle vier haben das Potenzial, dieses Brasilien zu entzaubern.

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Dass das Südamerika-Duell Brasilien - Chile übrigens so physisch heftig verlief, hatte auch etwas mit dem Schiedsrichter zu tun. Um es klar zu sagen: Howard Webb machte keine dicken Fehler, zeigte obendrein viel Rückgrat, als er in diesem Hexenkessel Hulk zurecht ein Tor wegen Abseits aberkannte und den Gastgebern einen möglichen Elfmeter verweigerte. Aber die Fifa muss sich schon fragen lassen, warum sie für ein derart vorhersehbar hitziges Duell einen Referee nominierte, der spätestens seit dem WM-Finale 2010 (Spanien - Niederlande) berühmt-berüchtigt dafür ist, extrem viel laufen zu lassen. Webb blieb sich auch am Samstag treu, griff zu selten hart durch. Die Spieler konnten mit den Freiheiten, die der Brite ihnen gewährte, nicht immer angemessen umgehen. Auch wenn's nicht spielentscheidend war - der Qualität der Partie hätte ein bisschen mehr Führung vielleicht ganz gut getan.