Nachlass des Wormser Fotografen Leopold Hanselmann digitalisiert

Das Bild des Tauchers am Hafen entstand vor etwa 80  Jahren.Foto: Stadtarchiv   Foto: Stadtarchiv

Gestochen scharf ist das Bild, würde man noch dichter heranzoomen, könnte man wohl sogar noch das Gesicht des Tauchers unter seinem Helm erkennen. Tatsächlich wurde es um...

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WORMS. Gestochen scharf ist das Bild, würde man noch dichter heranzoomen, könnte man wohl sogar noch das Gesicht des Tauchers unter seinem Helm erkennen. Tatsächlich wurde es um 1936, 1938 aufgenommen, hat also gute 80 Jahre auf dem Buckel. Es wurde auf Glasplatte aufgenommen, ein Verfahren, bei dem heutige Archivare glänzende Augen bekommen. Denn es lassen sich von diesen Glasnegativen nach wie vor Abzüge von höchster Qualität herstellen, auch großformatige. Die Fotoabteilung des Stadtarchivs im Raschihaus besitzt einen wahren Schatz solcher Fotos. Jetzt konnten sie digitalisiert werden, womit sie ab sofort Historikern wie jedermann tatsächlich für Recherchen und zur Nutzung zur Verfügung stehen.

Alltagsleben, Straßenszenen, Propagandawerke

Unter den reichhaltigen Beständen ist der Nachlass des Fotografen Leopold Hanselmann (1900-1942) besonders bedeutsam: Der Berufsfotograf hat vor allem in den Jahren 1933 bis 1939 in Worms etwa 6000 Fotos gemacht, die fast komplett als Glasnegative und somit im Original erhalten sind. Nach längerer Planungsphase und Klärung der Finanzierung war es nun möglich, diesen qualitätsvollen Bestand durch eine externe Fachfirma hochwertig und vollständig digitalisieren zu lassen. Der Nachlass ist von großer Geschlossenheit, hoher fotografischer Qualität und überregionaler Relevanz für die NS-Zeit, weshalb sich auch die Stiftung „RWE für Worms“ zu einem Zuschuss zur Maßnahme entschlossen hat.

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Gleichzeitig mit der digitalen Erfassung der empfindlichen Glasplatten konnten die Negative in fachgerechter Verpackung umgelagert werden. Wenngleich die Digitalisierung der Archivbestände insgesamt immer nur ausgewählte Teile umfassen könne, so stellten gerade diese älteren Fotonachlässe doch einen besonderen kulturellen Schatz dar, sind die Fachleute im Stadtarchiv überzeugt. Dessen Digitalisierung mache eine Nutzung überhaupt erst möglich. Hier bleibe für das Stadtarchiv auch in Zukunft noch sehr viel zu tun.

Leopold Hanselmann wurde im Jahr 1900 in Mainz-Gonsenheim geboren und starb im Alter von nur 42 Jahren. Seit 1925 war er für die linksliberale Wormser Volkszeitung tätig gewesen und tat sich vor allem als Sportberichterstatter hervor. Seine Fotos erschienen auch in überregionalen Sportzeitungen, unter anderem im „Kicker“. Nach der Fusion von Volkszeitung und Wormser Zeitung 1936 wechselte Hanselmann zur Wormser Tageszeitung, ehemals Parteiorgan der NSDAP, die bald die Zeitungslandschaft dominierte. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kam Hanselmann in eine Propagandakompanie und wurde Kriegsberichterstatter. An den Folgen einer im Laufe des Westfeldzuges und der anschließenden Berichterstattung aus dem besetzten Frankreich erlitten Herzerkrankung verstarb Hanselmann am 21. 3. 1942 im Krankenhaus Martinsstift, wo ein Reservelazarett eingerichtet war, ist beim Leiter des Stadtarchives, Dr. Gerold Bönnen, nachzulesen.

In der Fotoabteilung des Stadtarchives lassen sich nun seine Bilder am Computerbildschirm nach Schlagworten auffinden. Ungezählte Aufnahmen der verschiedensten Straßen und Gebäude aus den 30er Jahren finden sich dort ebenso, wie Fotos aus dem ganz normalen Alltagsleben bis hin zu Propagandaaufnahmen wie Goebbels Auftritt bei den Nibelungenfestspielen.