Nächster Halt Abstellgleis

Die zweite Tour führt über 12,5 Kilometer an der Trasse der ehemaligen Kanonenbahn entlang. Ziel ist das Heimatmuseum im früheren Kinzenbacher Bahnhof, vor dem zwei alte Schienenbusse stehen.⋌ Foto: Reeber

WETZLAR/LAHNAU/HEUCHELHEIM In den sozialen Medien würde von einem "Fake" gesprochen, also von einer Fälschung. Denn das Stück Gleis, das in Dorlar am Jugendzentrum an die...

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. WETZLAR/LAHNAU/HEUCHELHEIM In den sozialen Medien würde von einem "Fake" gesprochen, also von einer Fälschung. Denn das Stück Gleis, das in Dorlar am Jugendzentrum an die Kanonenbahn erinnern soll, hat dort nie gelegen. Doch es gibt auch echte Spuren. Eine Suche.

Wie so oft sind es die Details, die viel verraten. Zumindest dem, der im Thema steckt. Thomas Kraft ist so ein Spezialist. Der Atzbacher hat Daten, Fakten und Anekdoten zur Bahnstrecke Wetzlar - Lollar im Kopf, die manchen Wikipedia-Artikel füllen würden. Und eine dieser Anekdoten ist eben diese: Das Stück Gleis, das in Dorlar gegenüber des alten Bahnhofs auf der Kanonenbahntrasse liegt, das lag eigentlich ein Stück weiter östlich - in der Straß;e: Die doppelten Schienen zeigen, dass es Teil eines Bahnübergangs war. Nach Stilllegung der Strecke - 1995 baute die Bahn die Gleise ab - wurde es hier platziert, um an die Bahn zu erinnern, die im Oktober 1878 eröffnet worden war und anfangs gar keine Halte hatte.

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Die gesamte Kanonenbahn von Berlin nach Metz war aus strategischen Gründen angelegt worden, diente der Landesverteidigung. Ein Personenverkehr, wie er sich später auch zwischen Lollar und Wetzlar entwickelte, war nicht vorgesehen. Erst nach und nach wurden Bahnhöfe und Haltepunkte angelegt.

Zwei davon sind heute noch in Betrieb: In Wetzlar und in Lollar rollen Züge, dazwischen verwildert die Trasse. Der Bahnhof in Wetzlar ist Startpunkt der Radtour. Auch hier gilt: Details sind Gold wert. In Wetzlar gibt es weder Gleis 1, noch Gleis 2. "Auf Gleis 1 fuhr früher die Kanonenbahn ein und aus", weiß; Kraft. "Gleis 2 war für die Taunusbahn und die Züge nach Beilstein gedacht."

Spurensuche in Garbenheim: Eine krumme Reihe von Steinen formt eine Kante - der Bahnsteig?!

Bis vor dem Umbau des Bahnhofs für den Hessentag war das Gleisbett dieser Gleise noch zu sehen, wurde dann abgeräumt. Heute rollen dort, wo früher Schienenbusse nach Lollar abfuhren, Räder: Der sündhaft teure Radweg auf der Rückseite von Forum und Arena liegt in etwa auf der alten Trasse.

Weniger Meter später: Auf einer Brücke kreuzt die Wolfgang-Kühle-Straß;e die Lahn. Was oben modern aussieht, ist unten alt. Die Brückenpfeiler trugen vorher zwei Gleise der Kanonenbahn, erzählt Kraft. Erst in Garbenheim verengte sich die Bahn, führte eingleisig weiter.

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Kurz hinter der Lahn, am Kreisverkehr mit der Garbenheimer Straß;e, lohnt der nächste Halt: Hier liegt, erklärt Kraft, das letzte Stück Kanonenbahn im Urzustand. In einem leichten Bogen verläuft der rostige Schienenstrang. Früher liefen hier Züge in den Wetzlarer Bahnhof ein. Heute steht dem ein Prellbock im Weg. Die Kanonenbahn im Jahr 2016: ein Abstellgleis.

Weiter nach Garbenheim. 1908 erhielt der Stadtteil laut Denkmalpflege einen Halt an der Kanonenbahn, der schon 1977 wieder gestrichen wurde, als die Buslinie 17 ihren Betrieb aufnahm, wie Kraft sagt. Zu sehen ist die Bahnsteigkante noch: Kraft fährt hinter dem Sportplatz rechts einen Weg hinauf zu den Gleisen des noch aktiven Güterbahnhofs. Das äuß;erste Gleis muss das gewesen sein, auf dem Züge der Kanonenbahn fuhren. Eine krumme Reihe von Steinen formt eine Kante. Kraft sagt: Das hier war der Bahnsteig.

Bis zum nächsten Halt in Dorlar müssen Radler nun Abstand von der Bahn nehmen. Das Gleis führte auf einer Brücke über die Strecke nach Gieß;en und anschließ;end über die Lahn. Beide stehen noch, sind aber mit dem Rad nicht zu befahren. Also durch die Lahnaue gen Naunheim radeln, ab auf den Lahntalradweg und vor der A 45 wieder nach Süden. Im Schatten der Autobahnbrücke wirkt die Kanonenbahnbrücke über die Lahn winzig. Sie könnte ihre Oma sein.

Der Bahndamm kurz vor Dorlar: Ein dichtes grünes Band voller Bäume und Sträucher ragt aus dem Raps

Wir rollen ostwärts. Rechts bildet der Bahndamm ein grünes Band in der Landschaft voller Bäume und Sträucher. In Dorlar und Atzbach ist die Trasse "geschützter Landschaftsbestandteil". Hier kommt jetzt die Natur zum Zug. Der alte Bahnhof von Dorlar beherbergt heute das Jugendzentrum. "Ideal gelegen sind wir", sagt Mitarbeiterin Cornelia Collinet. "Wir haben die Bushaltestelle vor der Tür, liegen mitten zwischen Atzbach und Dorlar und haben keine Probleme, wenn es mal lauter wird." Denn nebenan ist das Gewerbegebiet. Früher wurden in Dorlar, das einen vollwertigen Bahnhof hatte, Güter umgeschlagen. Im ehemaligen Güterschuppen steht heute der Billardtisch. Wo der Fahrdienstleiter Signale stellte, kommt Essen auf den Tisch. Nur wenig weist auf die Geschichte des Hauses hin. Interessant ist die Lage: Als gemeinsamer Halt für Dorlar und Atzbach gedacht, liegt der Bahnhof weit östlich in Dorlar. Ein Trampelpfad führte aus Atzbach dorthin. Wo er war, steht heute die Lahntalschule, weiß; Kraft.

Nach dem 1881 eröffneten Dorlarer Bahnhof kam der Halt in Atzbach erst später hinzu - als reiner Haltepunkt mit Wartehalle, aber ohne Fahrkartenverkauf. Das kleine Häuschen gehört jetzt der Gemeinde, die es an den Kleintierzuchtverein verpachtet hat, der hier seine Schauen abhält. Im Gestrüpp vor dem Haus sind rostige Schienen zu erkennen und drei Steine, die einst die Bahnsteigkante formten. Lange vor den Schienenbussen zogen Dampfloks Züge mit 15 Waggons über die Strecke, sagt Kraft.

In Atzbach wird es nun idyllisch: Ein Trampelpfad führt vom alten Bahnhof ostwärts. Er bietet auch für Radler Platz - jedenfalls, wenn kein Gegenverkehr kommt. Auf der Bahntrasse und über das Viadukt an der Kinzenbacher Straß;e geht es weiter, nur wenige Minuten bis zum Ziel der Tour. Am früheren Kinzenbacher Bahnhof ist die Geschichte der Bahnstrecke lebendig. Im Gebäude befindet sich das Heimatmuseum, davor stehen alte Signale und zwei Schienenbusse aus den 50er-Jahren, wie sie auch zwischen Lollar und Wetzlar im Einsatz waren. Ein Modell im Inneren zeigt, wie der Bahnhof Kinzenbach, der Erste an der Strecke, einmal aussah. Die Kanonenbahnfreunde wollen das Andenken an die alte Bahn erhalten, erklärt Mitglied Raimund Hecker. Dazu hat der 1996 gegründete Verein 26 Meter Gleis neu verlegt und zwei ausgemusterte Schienenbusse aus Lich beschafft, die nun an den Öffnungstagen des Museums besucht werden können. In der Scheibe kleben alte Fahrpläne, darunter einer vom Sommer 1977. Nur werktags wurde damals von Wetzlar nach Lollar gefahren. Im Vergleich zu heute war das noch richtig viel.