Nach Kinderwagen-Vorfall am Mainzer Hauptbahnhof wird der...

Die wartenden Reisenden stehen korrekterweise hinter der grauen Abstandslinie, während der Zug einfährt. Doch viel zu oft halten sich Reisende daran nicht, bringen sich in Gefahr und versetzen die Lokführer in Angst und Schrecken. Die Gefahren werden unterschätzt. Foto: Harald Kaster

Am Mainzer Hauptbahnhof ging es am Dienstag nochmal gut aus - der Kinderwagen, der auf die Gleise rollte, war leer. Gegen die Mutter läuft nun eine Ermittlung wegen...

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MAINZ. Für den Lokführer war es sicher einer der schrecklichsten Momente seines Lebens: Gerade fährt er auf Gleis 5 in den Mainzer Hauptbahnhof ein, da sieht er, wie auf dem Bahnsteig ein Kinderwagen ins Rollen kommt. Er löst die Schnellbremsung aus, doch es reicht nicht. Obwohl die Bremsen kreischend zupacken, rutscht der Zug weiter und der Mann muss hilflos mit ansehen, wie der Kinderwagen ins Gleis stürzt, sein Triebwagen das zierliche Gefährt unter sich begräbt. Und in diesen Sekunden, weiß der Fahrzeugführer nicht, dass der Kinderwagen leer ist ... Es vergehen grausame Minuten, bis er das erfährt. Doch der Lokführer erleidet einen schweren Schock.

Der Vorfall ereignet sich am Dienstag kurz vor 13 Uhr, als die Vlexx-Regionalbahn Saarbrücken-Frankfurt einfuhr. Eine 21-jährige Frau hat kurz zuvor ihr einjähriges Baby aus dem Kinderwagen genommen, hat es auf dem Arm. Als die junge Mutter kurz unachtsam ist, rollt der Wagen aufs Gleis. Um eine Strafanzeige kommt die junge Frau nicht umhin: „Es handelt sich um einen gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr und auch um eine Körperletzung, denn der Lokführer hat einen Schock erlitten“, erklärt Alina Rickhof von der Bundespolizeidirektion in Kaiserslautern.

Da es sich beim gefährlichen Eingriff um eine Straftat handelt, hat die Bundespolizei keinen Spielraum und muss Strafanzeige stellen. Wie es dann für die Frau weitergeht, entscheidet zunächst die Staatsanwaltschaft, die das Verfahren einstellen, zur Ordnungswidrigkeit herabstufen oder aber Anklage erheben kann: Dann droht eine Freiheitsstrafe nicht unter sechs Monaten, bei einer schweren Gesundheitsschädigung des Lokführers nicht unter einem Jahr. Wie es dem Lokführer derzeit geht, darüber möchte das Bahnunternehmen Vlexx mit Rücksicht auf den Kollegen im Moment nichts sagen. Nur so viel: Der psychologische Dienst würde in solchen Fällen aktiv und könne jederzeit in Anspruch genommen werden.

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Unbedachtes Verhalten auf Bahnhöfen Alltag

Was sich genau zutrug, wird im Moment ermittelt. Auf gesichteten Videoaufzeichnungen soll auf jeden Fall zu erkennen sein, dass kein Dritter den Wagen in Bewegung gesetzt hat. Warum er dann losrollte, das werden weitere Untersuchungen und Vernehmungen zeigen. Ebenso stellt sich die Frage, warum die Mutter das Baby aus dem Wagen nahm? Wenn sie in diesen Zug einsteigen wollte, wäre es kein Problem gewesen, denn die Vlexx-Triebwagen haben stufenlose Eingänge. Aber vielleicht wollte die junge Frau auch einen anderen Zug nehmen, von denen viele oft noch Stufen haben, was Reisenden mit Kinderwagen oft große Probleme bereitet.

Das unbedachte Verhalten vieler Menschen auf Bahnhöfen und an den Strecken, ist für die Bundespolizei Alltag. „Die Gefahren sind vielen gar nicht mehr bewusst“, sagt Sprecherin Alina Rickhof. So würde zu oft die weiße, im Mainzer Hauptbahnhof graue Linie auf dem Bahnsteig ignoriert, stünden Menschen oder auch Gegenstände zu nahe an der Bahnsteigkante, „mit der Gefahr, dass sie von der Sogwirkungen eines einfahrende oder gar durchfahrenden Zuges mitgerissen werden“.

Immer wieder würden Jugendliche auf Bahnsteigkanten sitzen oder Steine auf Gleise legen, ohne zu bedenken, dass so ein Stein einen Zug zum Entgleisen bringen kann. Dazu käme es auch vor, dass auf abgestellte Wagen geklettert würde – mit der Gefahr, dass es auch ohne Berührung der Oberleitung zu schweren, auch tödlichen Stromschlägen kommen könne.

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Tempo von Zügen wird oft unterschätzt

Auch Vlexx-Sprecherin Svenja Reuther bestätigt, dass zu viele Menschen sich fahrlässig verhalten: „Jede Woche haben wir einen Vorfall, bei dem Menschen in kleinen Bahnhöfen über die Gleise rennen, um einen Zug zu erwischen.“ Dabei würden diese oft nicht bedenken, dass ein Zug auch von der anderen Seite kommen könne: Das Tempo von Zügen würde ebenfalls oft unterschätzt.

Die Bundespolizei betreibt Präventionsarbeit, geht in Schulen, versucht, den über die Jahrzehnte oft verloren gegangenen Respekt vor den Gefahren der Bahn wieder aufzufrischen. An den Bahnhöfen selbst, findet man allerdings seit Jahrzehnten immer weniger Bedienstete der Bahn, die auf die Situation ein Auge werfen könnten.