Königliche Höhen und ein Hauch Wilhelm Tell

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen“, lässt Friedrich Schiller im Drama „Wilhelm Tell“ den Protagonisten sagen. Kurz danach gibt es einen Toten. Nein, nein, Lebensgefahr besteht auf unserer Tour nicht, keine Sorge. Doch wo der Kerkerbachtal-Radweg bei Hofen durch den Fels gebaut ist , da wähnt sich auch der Radler in einer hohlen Gasse und die Fahrt endet nicht tödlich, wie bei Tell, sondern vergnüglich.  Foto: Reeber

Wie war das noch bei Schillers Wilhelm Tell? "Durch diese hohle Gasse muss er kommen." Nun führt Teil 8 der Reihe "Heimat Erfahren" nicht in Tells Heimat – die...

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Leun/Greifenstein/Runkel. Wie war das noch bei Schillers Wilhelm Tell? "Durch diese hohle Gasse muss er kommen." Nun führt Teil 8 der Reihe "Heimat Erfahren" nicht in Tells Heimat – die Schweiz. Durch die hohle Gasse müssen wir trotzdem. Und zwar unbedingt.

Lahn kann jeder. Egal, ob flussauf- oder abwärts: Eine Tour auf dem Lahntalradweg ist in etwa so fordernd wie das Aufpumpen eines Reifens. Vergnüglich wird eine Tour mit Start und Ziel am Fluss dann, wenn mittendrin auf zwei alten Bahnstrecken gefahren, ein Höhenzug bezwungen und ein Abstecher in die Literaturgeschichte gemacht wird. Und das ist gar nicht so schwer.

Die Tour ist fix erklärt: Von Stockhausen aus geht es auf der Trasse der ehemaligen Ulmtalbahn bis Beilstein, weiter auf der Höhe bis Arborn. Dort wechseln wir von einem Seitental der Lahn ins nächste: Vom Ulm- ins Kerkerbachtal. Und folgen ab Mengerskirchen erneut einer alten Bahnstrecke – der Kerkerbachbahn. Beide sind lange stillgelegt, die Ulmtalbahn seit 1988, die Kerkerbachbahn seit 1960. Während der heutige Ulmtalradweg fast komplett auf der alten Bahnstrecke verläuft, alte Brücken, Viadukte und Hektometersteine noch zu erkennen sind, orientiert sich der Radweg am Kerkerbach eher grob an der Strecke. Bauten oder Infrastruktur sind kaum noch da – und die wirklich sehenswerte alte Lok, die in Heckholzhausen für die Bahnstrecke wirbt, ist eine "Täuschung": Das normalspurige Fahrzeug war auf der schmalspurigen Kerkerbachbahn nie im Einsatz. Ein prima Fotomotiv ist das Stahlross aber allemal.

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Teil 8 der Serie "Heimat Erfahren" im Jahr 2017 beginnt in Stockhausen, wo die frühere Ulmtalbahn von der Lahntalbahn abzweigte. In Biskirchen wird der namensgebende Ulmbach erreicht. Der Wegweiser am Beginn des von Manfred Köhnlein privat angelegten Radweges, der "Via Manni" belegt, wie viele Ziele von hier aus zu erreichen sind.
Der Radweg durchs Ulmbachtal verläuft auf der Trasse der früheren Eisenbahn. Daher sind die Steigungen äußerst moderat, viel mehr als drei Prozent muss kein Radler fürchten. Die von 1919 bis 1924 erbaute Ulmtalbahn war zwischen Stockhausen und Beilstein etwa 15 Kilometer lang. Auf dieser Distanz stieg die Bahn von 140 Metern Höhe bei Stockhausen auf 386 Meter bei Beilstein an.
Erinnerung an früher: Oberhalb des Dorfes ist an der Stelle des ehemaligen Haltepunkts Ulm eine Wartehalle wieder aufgebaut worden. Bänke und Fahrradständer als Edelstahl sind hier für die heutigen Nutzer der Trasse - die Radler - ebenfalls ein willkommener Punkt zum Halten.
Bis zur Einstellung des Personenverkehrs im Ulmtal im Jahr 1976 genossen Zugreisende auf der Fahrt in Richtung Beilstein diesen Blick ins Land.  Wir befinden uns zwischen Allendorf und Ulm.
Berühmter Sohn: Ein junges Denkmal am ehemaligen Haltepunkt und heutigen Rastplatz Ulm  erinnert an den Regisseur Erwin Piscator, der im Dorf geboren wurde.
Blick auf Ulm vom Streckenrand. Rund 700 Menschen leben auf etwa 215 Metern Höhe.
An solchen Stellen wird besonders deutlich, wo wir unterwegs sind: Die gemauerte Brücke über den Radweg, die frühere Bahntrasse, dürfte noch auf der Bauzeit der Eisenbahn stammen. Der Bau der Bahnstrecke von Stockhausen nach Beilstein soll etwa 3,65 Millionen Mark gekostet haben.  
Kurz vor dem Ende: Der Hektometerstein markiert Kilometer 13,8 der Bahnstrecke, deren Kilometrierung in Stockhausen begann. Der Bahnhof Beilstein als Endpunkt der Strecke wäre bei Kilometer 15,1 zu finden.
Der Ulmtalradweg geht hinter Beilstein noch weiter und leitet die Radler bis nach Arborn, wo der Hessische Radfernweg 8 erreicht wird. Die Beschilderung ist überwiegend gut.
Oberhalb von Beilstein befindet sich einer der vielen Rastplätze am Ulmtalradweg - mit besonderer Einrichtung: Ein Tretbecken macht die müden Radler-Beine wieder munter.
Kurz hinter Odersberg: Wir haben den Ulmtalradweg verlassen, sind auf dem Weg über Arborn nach Mengerskirchen und genießen den Ausblick nach Süden mit dem Feldberg (ganz rechts) am fernen Horizont.
In der alten Schule findet sich heute das Heimatmuseum von Arborn. Die Denkmalpflege schreibt: "1717 errichteter zweigeschossiger Fachwerkbau, Satteldach mit mittigem quadratischem Dachreiter, der von einem Pyramidenhelm bekrönt wird. Der Bau liegt etwas zurückgesetzt und begrenzt so zusammen mit dem Backhaus eine kleine platzartige Aufweitung des Straßenraums."
Blick zurück: Arborn liegt etwa 400 Meter hoch im Westerwald, der "Knoten" mit 605 Metern Höhe ist eine der höchsten Erhebungen in diesem Teil des Mittelgebirges,
Besonderer Platz: Der "Dicke Baam", eine rund 500 Jahre alte Linde, steht auf der Höhe zwischen Arborn und Mengerskirchen. Hier oben sind auch die Reste der früheren Heiligkreuzkirche zu finden, die Reste des Gotteshauses befinden sich heute auf Arborner Grund und Boden, der Baum hingegen gehört schon nach Mengerskirchen, wie einem Bericht im Jahrbuch des Dillkreises von 1965/66 zu entnehmen ist. Beide Ziele sind von der Radstrecke aus gut beschildert.
Oberhalb von Arborn wechseln wir vom einen in das andere Tal und vom einen auf den anderen Bahnradweg. Ab hier begleitet uns die schwarze Lok auf weißem Grund - Erkennungszeichen des Kerkerbachtalradwegs. Auch die Kerkerbachbahn zweigte von der Lahntalbahn ab - daher wird der Bahnhof Kerkerbach, wo dieser Abzweig lag, am oberen Ende des Weges als Ziel angegeben.
Erster Halt: Mengerskirchen, hier das Schloss, heute Rathaus. In Mengerskirchen endete die Kerkerbachbahn, nach 35 Kilometern Strecke vom Start, dem Bahnhof Kerkerbach aus. Die schmalspurige Bahn folgte dem Bach sehr dicht und vollführte viele Schleifen und Kurven auf ihrem Weg hinauf.
Von Mengerskirchen nach Fussingen folgen wir dem Kerkerbachtalbahnradweg absichtlich nicht - die Führung ist nicht besonders schön und recht umständlich. Stattdessen geht es weitgehend flach und abseits des Verkehrs durch den Wald.
In Fussingen betrachten die Radler, wie es weiter geht. Die Route ist bestens beschildert. Für kurze Zeit verlaufen der Bahnradweg und der Radfernweg 8 auf einer Trasse.
Auf dem Weg von Hintermeilingen hinab nach Heckholzhausen: Im Wald ist einer der Gründe zu sehen, warum Strecken wie die am Ulmbach und die am Kerkerbach gebaut wurden - der vielen Bodenschätze wegen, wie hier an der Grube Maria, wo Ton abgebaut wurde.
Sichtbarste Erinnerung an die Kerkerbachbahn ist diese Lok an der Hauptstraße in Heckholzhausen,  die aber nie hier unterwegs war, sondern bloßer Werbeträger ist und eigentlich in Düsseldorf im Einsatz war. Die Lokomotive ist eine Dauerleihgabe des Unternehmers Rudi Schäfer.
Südlich von Heckholzhausen kommt die Lahn näher und der Radweg wird enger, verläuft dichter am Kerkerbach und fährt sich außerordentlich idyllisch.
Immer wieder erinnern alte Mauerreste oder Stolleneingänge daran, wie viele Bodenschätze hier einst aus dem Boden geholt wurden.  Die nördlich von Eschenau gelegene Grube Eisensegen, besser, das Grubenfeld, wurde 1940 aufgegeben.
"Durch diese hohle Gasse muss er kommen", lässt Schiller in seinem Drama "Wilhelm Tell" den Protagonisten sagen. Und so ergeht es kurz vor der Hofener Mühle auch den Teilnehmern dieser Tour. Hier müssen sie durch - doch diese Fahrt endet nicht wie in der Geschichte von Wilhelm Tell tödlich sondern vergnüglich.
Gernot Dorn erklärt auf "seinem" Kulturdenkmal, der Hofener Mühle direkt am Kerkerbach, wie lange hier Korn gemahlen und seit wann mit der Kraft des Wassers Energie gewonnen wird.
Im Hof der Mühle gibt es Kaffee, Kuchen und kleine Speisen - kurz vor dem Ende der Tour ist das genau der richtige Zeitpunkt für eine Einkehr. Geöffnet ist an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen ab 13 Uhr und sonst immer dann, wenn das Schild "Café geöffnet" zu sehen ist. Das gesamte Anwesen steht heute unter Denkmalschutz.
Und wieder die Lahn: So wie beim Start der Tour der Ulmbach in die Lahn floss, so tut dies einige Kilometer flussabwärts beim Ort Steeden der Kerkerbach. Wir sind also von der Lahn zur Lahn gefahren, aber eben nicht auf dem direktesten Weg.  Zurück geht es aus Gründen der Bequemlichkeit zum Beispiel mit der Eisenbahn, die im Lahntal noch fährt.

Idealer Startort für die knapp 60 Kilometer lange Strecke mit ihren (Auf- und Abstiege addiert!) 1300 Höhenmetern ist der Bahnhof Stockhausen. Wie die Ulmtalbahn fahren wir nach Biskirchen, biegen rechts ins Tal ab und werden sanft nach oben geführt, so wie früher der "Balkan-Express", wie die Bahn im Ulmtal im Volksmund hieß;.

In Beilstein endete 
die Ulmtalbahn, der heutige Radweg geht aber weiter und trifft bei Arborn auf den R 8

Bis hoch nach Beilstein ist es schwer, Höhepunkte herauszuheben: Beeindrucken können ganz sicher die Aussichten, denn die Bahn verlief an den Rändern des Ulmtals, also über den Dörfern. Beeindrucken kann auch der Zustand des Weges: Neuer Asphalt, deutliche Schilder, viele Rastplätze und Bänke, aus denen zwei herausragen: Der Rastplatz bei Ulm mit der Büste des Regisseurs Erwin Piscator und Nobelradständern aus Edelstahl. Und der Rastplatz über der Ulmtalsperre – kein Rastplatz, eher ein Balkon am Hang.

Ab Beilstein, seinerzeit Endstation des "Balkan-Express", geht der Ulmtalradweg über ausgebaute Feldwege weiter. Die Steigungen sind satter, die Route kantiger. Die Fahrt aber nicht weniger schön, weil sich königliche Ausblicke auftun und der raue Westerwälder Wind die Beine kühlt. Und frisches Wasser die Füß;e: Oberhalb Beilsteins wartet noch ein besonderer Rastplatz – mit Bänken, Aussicht, Tretbecken – und das alles prima gepflegt. Unbedingt besuchen!

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Am Eingang von Odersberg verlassen wir die ausgeschilderte Route, die weiter zum "Knoten" und auf den Radfernweg (R) 8 führen würde. Dorthin wollen wir zwar auch, der ADFC-Kreisvorsitzende Peter Fuess, der die Tour anführt und Wissenswertes erzählt, hat aber einen alternativen Weg ausbaldowert: Es geht runter nach Arborn und in seinen sehenswerten Kern, in dem eine Rast schon lohnt, weil man sich einmal an der Aussprache der alten Dorfnamen üben muss, die an den Häusern stehen. "Ahldschumerstersch" zum Beispiel.

Arborn und Mengerskirchen, der nächste Halt, liegen etwa gleich hoch. Dazwischen befindet sich die satteste Steigung der Tour. Einen guten Kilometer geht es steil bergauf und wieder steil bergab, dann schon auf dem R 8. Das lohnt sich – aller Quälerei zum Trotz –, weil oben zwischen den Dörfern ein markanter Ort wartet: Der "Dicke Baam", eine stattliche, uralte Linde, daneben die Reste eines Gotteshauses, der Heiligkreuzkirche.

Dort oben, mit Blick zurück auf Arborn, finden zudem drei Wechsel statt: Wir beenden den Westerwald-Aufstieg und fahren nun wieder talwärts. Wir kommen vom Lahn-Dill-Kreis in den Landkreis Limburg-Weilburg. Und: Wir wechseln vom Ulmtal in die Ausläufer des Kerkerbachtals. Endstation dieser Eisenbahn, die wie die Ulmtalbahn als Stichstrecke von der Lahntalbahn abzweigte, war Mengerskirchen. Beschildert ist der Kerkerbachtal-Radweg mit einer schwarzen Lok.

Den Schildern folgen wir nur kurz, Peter Fuess will ein Teilstück mit scheuß;licher Führung und groß;em Umweg über Waldernbach vermeiden. Daher stürzen wir uns am südlichen Ende von Mengerskirchen in den Wald und kommen erst fünf Kilometer später in Fussingen wieder heraus – und waren mittendrin sogar mal kurz in Rheinland-Pfalz.

Der Bach mäandert
durch die Wiesen – und das muss auch der Weg, vorbei an Stollen und einem Steinbruch

Fussingen ist dann wieder ganz hessisch: Der Blick vom Hang reicht bis zum Feldberg und hier radelt es sich jetzt erstmals bewusst auf der alten Trasse der Kerkerbachbahn: Zwei Reihen Betonplatten, etwa im Abstand der Schienen verlegt, formen den Radweg.

Im Gegensatz zum Ulmtalradweg, der fast durchgehend asphaltiert und sehr breit ist, ist die Route am Kerkerbach eher schmal und besitzt oft eine geschotterte Oberfläche – die sich aber gut fahren lässt.

Spuren der Eisenbahn sind südlich von Hintermeilingen wieder zu sehen – rechter Hand im Wald werden die Verladerampen der Tongrube Maria von der Natur überwuchert. In Heckholzhausen, das als einziger Ort an der Strecke zwei Halte besaß;, passieren wir die eingangs erwähnte Lok, die seit 2011 hier steht. Von nun an bis hinab zur Lahn wird die Radroute sehr ursprünglich und der Weg verläuft, dicht an den Hang gepresst, meist einige Meter oberhalb des Kerkerbachs. Vor allem südlich von Schupbach mäandert der Wasserlauf durch die Landschaft und der Radweg folgt ihm. Links, rechts, links, rechts und immer so weiter: Es geht nicht sehr schnell voran, aber unheimlich kurzweilig. Stolleneingänge und ein noch aktiver Steinbruch verdeutlichen, warum die Kerkerbachbahn gebaut wurde: Um Bodenschätze abzutransportieren. "Eisensegen" steht über so einem Stollen nördlich von Eschenau, 1940 wurde das Grubenfeld aufgegeben.

Und dann zu Tell: Die Lahn ist fast erreicht, als der Weg in einer leichten Linkskurve eng zwischen Felsen hindurch führt. "Durch diese hohle Gasse muss er kommen", der bekannte Satz aus Schillers Drama "Wilhelm Tell", schieß;t in den Kopf. Nein, mit "müssen" hat das nichts zu tun. Hier will man mit Lust hindurch fahren.

Es ist nun nicht mehr weit bis zur Lahn. Die Kerkerbachbahn endete im gleichnamigen Bahnhof, der als Halt an der Lahntalbahn heute noch besteht. Wenige Minuten später in Runkel endet unsere Rundfahrt.

Wer zuvor noch etwas ruhen und sich stärken möchte, der kann dies zum Beispiel in der Hofener Mühle, denkmalgeschütztes Ensemble mitten in der Natur und nicht weit weg vom Radweg. Besitzer Gernot Dorn erklärt Besuchern gern, was die Besonderheiten des Anwesens sind, in dem heute kein Mehl mehr gemahlen, mit der Kraft des Wassers stattdessen Strom produziert wird. Aus dem Jahr 1710 stammt der älteste Teil der Anlage, die über eine eigene Trinkwasserquelle verfügt und früher eine Besonderheit war, wie Dorn erzählt: Eine freie Mühle, wo jedermann sein Korn mahlen lassen konnte, im Gegensatz zu den übrigen Mühlen, die als "Bannmühlen" eine Art Gebietsschutz hatten. Was man beim Radeln nicht alles lernt.

TOURINFOS

Name: Königliche Höhen und ein Hauch Wilhelm Tell

Start: Bahnhof Stockhausen

Ziel: Runkel

Länge: 58 Kilometer

Dauer: 4,5 Stunden

Höhenmeter: 1300

Steigung: moderat

Orte: Stockhausen, Biskirchen, Allendorf, Ulm, Holzhausen, Beilstein, Odersberg, Arborn, Mengerskirchen, Fussingen, Lahr, Hintermeilingen, Heckholzhausen, Eschenau, Hofen, Steeden, Runkel

ÖPNV: Bahnhof Stockhausen, RB-Linie 45

Höhepunkte: Rastplatz mit Gedenkstein bei Ulm, Steinbrücken und Tretbecken bei Beilstein, historisches Arborn, Dicker Baam, Eisenbahnspuren am Kerkerbach, hohle Gasse (pre)