Kachelmann zum Ahrtal: „Niemand hätte sterben müssen“

Weitgehend zerstört und überflutet ist das Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter mit Hochwasser. Foto: dpa

Vor dem Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe an der Ahr haben einen Tag lang Meteorologen ausgesagt, ab wann das Unwetter absehbar war. Mit dabei: Jörg Kachelmann.

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MAINZ. Der Untersuchungsausschuss zur Hochwasserkatastrophe an der Ahr läuft seit sieben Stunden, da betritt Wetter-Experte Jörg Kachelmann den Landtag in Mainz. Kachelmann, Jeans, schwarzes Sakko, blauer Schal, nimmt Platz vor den Ausschussmitgliedern, beginnt seinen Vortrag, mit ruhiger, sachlicher Stimmlage, und macht schnell klar: „Viele Stunden vor dem Unglück war aus meteorologischer Sicht bereits klar, dass etwas passieren wird, was seit Anbeginn der Messung noch nie passiert ist.“

In der Nacht auf den 15. Juli hat im vergangenen Jahr ein Hochwasser die Städte und Dörfer an der Ahr, im Norden von Rheinland-Pfalz, schwer getroffen. Über 130 Menschen verloren in den Fluten ihre Leben, Hunderte verloren ihre Häuser, all ihre Besitztümer. Übrig blieb eine gigantische Schneise der Zerstörung. Der Untersuchungsausschuss des Landtages Rheinland-Pfalz will in den kommenden Wochen und Monaten nun herausfinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Entlang der Fragen: Ab wann war absehbar, dass es zu einer Sturzflut in dieser Größenordnung kommen würde? Wieso haben die Katastrophenwarnsysteme versagt? War es menschliches Versagen, war es Systemversagen?

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Gab es genügend Vorlauf?

Der erste Tag des Ausschusses in diesem Jahr war der Tag der Meteorologen und Hydrologen, also, der Sachverständigen für Wetter und Wasser. Der prominenteste Experte an diesem Tag war wohl Jörg Kachelmann, der Mann, der in den 90ern den Deutschen in den Nachrichten allabendlich Einblicke in die faszinierende Welt der Meteorologie ermöglichte.

Zum Unglück an der Ahr sagte Kachelmann: „Lange hatte sich angedeutet, dass ein Extremwetter auf uns zukommt mit einem Fokus auf die Eifel.“ Der Wetter-Experte macht zudem mehrfach deutlich, dass genügend Vorlauf bestanden hätte, Tage vorher und am Unglückstag selbst, eine Evakuierung der Bevölkerung einzuleiten. „Niemand hätte sterben müssen bei solch einer Wetterlage, wenn alle das Richtige machen“, so Kachelmann.

Sven Plöger (li.) und Jörg Kachelmann in der Sitzung des Untersuchungsausschusses des Landtags zur Flutkatastrophe. Fotos: dpa
Sven Plöger (li.) und Jörg Kachelmann in der Sitzung des Untersuchungsausschusses des Landtags zur Flutkatastrophe. (© Fotos: dpa)

Ein weiterer prominenter Sachverständiger an diesem Verhandlungstag war Sven Plöger, bekannt als Wetter-Erklärer bei der Tagesschau. Plöger berichtete, dass er in den Tagen vor dem Hochwasser im Dienst war – und in seiner Wetterprognose am 12. Juli bei der Tagesschau die Menschen in Westdeutschland und den Schwarzwald warnte. „Bleiben Sie den Flüssen fern“, waren damals seine Worte. Warum, das erklärte er im Untersuchungsausschuss.

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"Das Potenzial war im Vorfeld erkennbar."

Laut eigener Aussage spielte Plöger vor seinem Auftritt in der Tagesschau mehrere mögliche Niederschlagsmodelle durch. Ein Modell ergab, dass ein „extremes Ereignis“ am 14. Juli an der Ahr realistisch sei. In einer Größenordnung von 100 bis 200 Liter pro Quadratmeter, die dann auch Realität wurde. „Aber von der Heftigkeit war dann auch ich überrascht. Und ich sage auch, dass trotz der vorliegenden Daten das konkrete Ausmaß niemand in den Tagen zuvor hätte vorhersagen können.“

Plöger machte aber auch klar, dass es äußerst schwierig ist, regional präzise Vorhersagen für Starkregen zu treffen. „Das Potenzial war im Vorfeld erkennbar, aber wo genau diese Massen herunterkommen, das ist wahnsinnig schwer zu bestimmen.“ Das zeige auch, dass er für den Tag die Menschen im Schwarzwald gewarnt hatte, dort aber ein Starkregen wie an der Ahr ausgeblieben war.

Was laut Plöger hingegen wohl feststellbar war, war der Verlauf des Wetters am Unglückstag. „Am 14. Juli hätte man, wenn man Pegelstände und die aktuellen Niederschläge zusammengezählt hat, mit Sicherheit die Menschen früher vor dem Hochwasser warnen können, als es geschehen ist.“ Erst gegen 23 Uhr ist in der Nacht auf den 15. Juli eine Evakuierungswarnung herausgegangen, zu spät, wie Plöger bestätigte.

Spätestens bis 18 Uhr hätte gewarnt werden müssen

Eine Aussage, zu der auch Jörg Dietrich, Dozent für Hydrologie an der Universität in Hannover, vor dem Untersuchungsausschuss kam: „Spätestens zwischen 15 Uhr und 18 Uhr hätte an der Ahr vor dem Hochwasser gewarnt werden müssen“, so Dietrich. Zudem präsentierte der Wasserwissenschaftler dem Ausschuss Analysen des Europäischen Hochwasserwarnsystems, das bereits am 13. Juli für die Ahr ein extremes Risiko für eine Sturzflut vorhergesagt hatte. „Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von 74 Prozent“, so Dietrich.

Allerdings schaltete das Land Rheinland-Pfalz erst am 14. Juli, dem Tag des Unglücks, gegen 11 Uhr die Hochwasserwarnung von Stufe 2 auf 4. „Gegen 15 Uhr hatten dann im oberen Lauf der Ahr bereits die Pegel einen Höchststand erreicht. Das kombiniert mit den konstanten Regenfällen hätte Anzeichen genug sein müssen, um die Städte und Dörfer am Unterlauf zu evakuieren“, führte Dietrich aus. Und nicht, wie geschehen, erst um 23 Uhr.