Druck auf Lokalpresse wächst

 Illustration: Birgit Weber

In eigener Sache: Gesprächspartner unserer Redaktionen fordern immer öfter "Freigaben" von Artikeln ein - es geht vor allem um die Deutungshoheit.

Anzeige

DARMSTADT / MAINZ. Neulich war es eine Schulmutter. In höflichem, aber drängendem Tonfall meldete sich die Frau per Mail bei der Lokalredaktion. Ihre Kinder sollten nach der großen Corona-Pause wieder an die Schule zurückkehren. Dazu habe sie vorab ein Schreiben der Schulleitung bekommen, das die vielen Bedingungen für den neuen Alltagsbetrieb auflistete. Eine Zumutung, fand die Leserin. Der Fall klang interessant, vielleicht eine Sache von öffentlichem Interesse. Die Redaktion begann mit der Recherche, fragte bei den Beteiligten des Konflikts nach. Die Schulmutter wollte bei alledem anonym bleiben. Kein Problem - sowas läuft im Journalismus unter "Quellenschutz".

Nach mehreren Mails und Gesprächen dann aber plötzlich der schriftliche Nachtrag: "Bitte senden Sie uns den Artikel, in dem wir erwähnt werden, bevor er gedruckt wird, zu und bitte warten Sie auf unser Einverständnis." Das könne zwei Tage dauern. Einverständnis wofür? Dass ihre eigenen - anonymisierten - Angaben verwendet würden? Dass die recherchierten Fakten veröffentlicht würden? Dass das Thema überhaupt in die Zeitung käme?

Was für manchen vielleicht wie eine Bagatelle klingt, behindert mehr und mehr den journalistischen Alltag - auch in der Lokalredaktion. Die Schulmutter reiht sich ein in eine wachsende Schar von Zeitgenossen, die ihre Informationen an Bedingungen knüpfen. Das reicht von höflichen Anfragen bis zu Forderungen, deren Tonfall man von Sprechern multinationaler Konzerne kennt. Und auch da nicht schätzt.

Nutzung zu eigenen Konditionen

Die Attitüde, Artikel abnicken zu wollen, Gesagtes glattzubügeln, die Formulierungen von Journalisten mit dem Brennglas untersuchen zu müssen, eignen sich immer mehr Menschen an, die die Zeitung zwar gern als Plattform nutzen - aber bitte zu ihren Konditionen. Das Spektrum ist breit. Schülergruppen fordern die Freigabe ihrer Zitate, Klimaschutz-Bündnisse und Träger der Jugendhilfe pochen auf ihr Recht auf "Freigabe" von Texten. Bedeutet: Man will der freien Presse Genehmigungen erteilen. Engagierte aller politischen Lager sind mit dabei.

Anzeige

Die populistischen "Querdenker" fordern, bevor sie überhaupt etwas sagen, persönliche Daten der Redakteure ein und eine Selbstverpflichtung, "wahrheitsgemäß, unparteiisch und vollständig zu berichten" - heißt: im Sinne der "Querdenker". Da verzichtet man doch gerne aufs Gespräch. Aber auch tendenziell linke und alternative Gruppen sind nicht frei von dieser Haltung.

Ein alternativer Kulturveranstalter verlangt vom Stadtmagazin, einen Ankündigungstext vor Abdruck vorzulegen. Man wolle es sich mit dem Haupt-Unterstützer nicht verscherzen. Ein freier Träger der Jugendarbeit schickt eine Mitteilung zu seinem 50-jährigen Bestehen. Politisch eher unbrisant, denkt man. Am Fuß des Schreibens aber die Zeile: "Zitate dürfen nur nach Genehmigung verwendet werden." Traut man nicht mal dem, was man selbst Schwarz auf Weiß formuliert hat?

"Tipps" für die Recherche

Manchmal bekommt die Redaktion auch schon vorab hilfreiche Hinweise, wie die Recherche bitteschön zu laufen hat. Der Veranstalter eines Anti-Rassismus-Festivals, zugleich Referent bei einer gar nicht kleinen Gewerkschaft, gibt auf die redaktionelle Anfrage nach möglichen Gesprächspartnern den "Tipp", die Fragen doch lieber anders zu formulieren und überhaupt die Perspektive auf das Thema zu wechseln. Sonst könne es Missverständnisse geben.

Gut, dass es so wache Köpfe bei den Pressebeauftragten da draußen gibt, die sich Gedanken über die mögliche Wirkung von Texten machen, die weder geschrieben noch recherchiert sind. Warum aber machen die sich diese Gedanken? Warum diese Anmaßung, warum dieser Nerv?

Anzeige

Der viel besungene Vertrauensverlust in Bezug auf "die Medien" wäre als Begründung schnell zur Hand. Aber das erklärt nicht alles. Vor allem, weil das Vertrauen in die Öffentlich-Rechtlichen Sender und die Tageszeitungen als Qualitätsmedien eher steigt. Das sagt eine Langzeit-Studie der Mainzer Gutenberg-Uni zum "Medienvertrauen" der Bundesbürger. 43 Prozent der Befragten glauben den etablierten Medien demnach in wichtigen Fragen (Stand Herbst 2019), 2016 waren es 41 Prozent. Die Zahl derer, die der Presse "nicht" oder "überhaupt nicht" vertrauen, sank von 22 auf 17 Prozent. Zugleich stellen die Forscher aber eine "polarisierende Debattenkultur" fest. Die hat Folgen.

Ungefilterte Wortwahl

Denn oft geht es selbst bei lokal begrenzten Debatten - Westwald, Bürgerpark, Schul-Neubau - gleich ums große Ganze. Schwere rhetorische Geschütze werden aufgefahren, um den Gegner niederzumachen. Viel geht es dabei um die Deutungshoheit über Worte, Begriffe, Äußerungen. Wenn die unabhängige Presse sich dabei nicht sofort auf die eine oder andere Seite schlägt, sondern objektiv berichtet, mit eigener, ungefilterter Wortwahl - dann wird das mit Argwohn gestraft. Und mit Auflagen, wie im Sinne der jeweiligen Partei künftig zu berichten wäre. Zitate bitte nochmal vorlegen, zur Freigabe.

Was wäre damit gewonnen, wenn die freie Presse sich Freigaben erbetteln müsste für jeden einzelnen Artikel, für jedes Zitat mit Drumherum? Wenn alles von außen abgeschliffen wäre, woran man sich reiben könnte? Im Ringen um die Deutungshoheit würden die Texte bis zur Bedeutungslosigkeit umformuliert. Ein "Tipp" aus der Redaktion: Besonders jene, die noch aus geringstem Anlass auf ihr Recht am gesprochenen Wort pochen, dürfen hin und wieder einen Gedanken daran verschwenden, was all das mit der Pressefreiheit macht.

Es würde übrigens praktisch auch keine Tageszeitung mehr erscheinen, wenn alle 100 bis 150 längeren Texte, die pro Tag für diese Zeitung recherchiert werden, sämtlichen Quellen nochmal zur Genehmigung vorgelegt würden. Dieses Argument, immerhin, hat auch die Schulmutter überzeugt. Sie hat auf ihrem Einverständnis zum Abdruck des Artikels nicht bestanden. Der Konflikt an ihrer Schule hat sich übrigens schnell befrieden lassen. Vielleicht hat diese Zeitung mit ihrer Art der Berichterstattung dazu beigetragen.