Der lange Weg nach Deutschland

Die Erstaufnahmeeinrichtung in Staffel war nur eine von vielen Stationen auf Yahya al Sabouhs Weg von Syrien nach Weilburg.  Archivfoto: Glotz

Zwischen Syrien und Deutschland liegt ein langer, beschwerlicher Weg – und das nicht nur in geografischer Hinsicht. Vor drei Jahren haben Yahya al Sabouh und Maysa...

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Weilburg. Zwischen Syrien und Deutschland liegt ein langer, beschwerlicher Weg – und das nicht nur in geografischer Hinsicht. Vor drei Jahren haben Yahya al Sabouh und Maysa Yousef ihre vom Bürgerkrieg gezeichnete Heimat verlassen und sind über Umwege in Weilburg gelandet.

Es ist ein heiß;er Frühsommertag. Auf der Couch ihrer Wohnung in der Frankfurter Straß;e sitzen Maysa Yousef und ihre fünf Kinder. Auf einem kleinen Holztisch steht ein Tablett mit arabischem Kaffee für die Gäste, gleich daneben ein groß;es Glas Wasser. Maysas Lebensgefährte Yahya al Sabouh beugt sich nach vorne und gieß;t die kleinen Keramiktassen etwa halb voll. Die syrische Familie selbst trinkt nichts, vor zwei Wochen hat der muslimische Fastenmonat Ramadan begonnen. Durch das Wohnzimmer wandern interessierte Blicke, hier und da zuckt ein schüchternes Lächeln über die Gesichter der Kinder. "Bei uns zu Hause ist jeder herzlich willkommen", sagt Yahya und stellt den Kaffee zurück auf das Tablett. Doch so selbstverständlich dieser Satz auch klingt, er ist es nicht. Denn "zu Hause" war für die Flüchtlingsfamilie nicht immer in Weilburg. Der Ankunft in der neuen Heimat ging eine beschwerliche Reise voraus.

Deren Verlauf folgt – zumindest in Deutschland – einem einheitlichen Schema. "Zuständig ist zunächst das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Von dort werden die Flüchtlinge auf die Bundesländer verteilt", erklärt Hartmut Bock, der sich um die Familie in der Frankfurter Straß;e kümmert. "In den Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder erfolgen dann unter anderem die Registrierung und Asylantragstellung sowie die Übergabe persönlicher Daten und eine Gesundheitsprüfung."

In einem nächsten Schritt ziehen die Flüchtlinge von den Landes- in Gemeinschaftsunterkünfte (GU) um, für die wiederum die Landkreise zuständig sind. "Die Häuser werden mit zehn bis 30 Personen belegt. Es gibt allerdings auch größ;ere GUs", sagt Bock. Organisiert wird die Unterbringung der Flüchtlinge von den Sozialämtern des Kreises, die Finanzierung läuft über das "Asylbewerberleistungsgesetz". Die Versorgung beispielsweise mit Essen und Trinken müssen die Flüchtlinge allerdings selbst organisieren. Zudem gelten in den GUs strenge Regeln, die die Flüchtlinge unter anderem dazu verpflichten, an einem bestimmten Ort zu wohnen.

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"Erst wenn die Ausländerbehörde einen Aufenthaltstitel ausstellt, können sie die GUs verlassen und sich auf dem freien Markt eine Wohnung suchen – unter Berücksichtigung der jeweils geltenden Mietpreisobergrenzen", erklärt Bock. Für die Flüchtlinge sind von da an nicht mehr die Sozialämter, sondern die Jobcenter verantwortlich. Die Finanzierung (Wohnung, Lebensunterhalt) erfolgt nun nach den Regeln des Sozialgesetzbuchs II (Grundsicherung für Arbeitssuchende). "Die Flüchtlinge kommen in Qualifizierungsprogramme für Sprache und Eingliederung und müssen in der Folge eine Arbeit aufnehmen", sagt Bock.

Dass sich die Wege der Flüchtlinge und die damit verbundenen Erlebnisse jedoch trotz der staatlichen Regulierung unterscheiden, zeigen die Geschichten von Yahya al Sabouh und Maysa Yousef.

Die 34-Jährige flieht Ende 2015 mit ihrem damaligen Mann und den gemeinsamen Kindern aus Aleppo nach Deutschland. Von der größ;ten Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen in Gieß;en kommt die Familie im April 2016 in die GU nach Steeden, in der sie insgesamt ein Jahr verbringt. In dieser Zeit trennt sich Maysa von ihrem Mann, der ihr daraufhin immer wieder "Probleme bereitet", wie Bock erklärt. Eine Flüchtlingshelferin aus Steeden habe ihn damals angerufen und gesagt, dass es dort eine Familie gebe, die unbedingt ausziehen wolle, egal wohin. "Diese Helferin hat Maysa dann eine Wohnung in einer ehemaligen Gaststätte in Hasselbach vermittelt und ich habe den Transport organisiert", erzählt Bock.

Doch auch in der neuen Bleibe gibt es bald Probleme: Das Dach ist undicht, die Heizung läuft nur fünf Stunden pro Tag. Der Vermieter vertröstet Maysa immer wieder mit den Reparaturen, der Schaden am Dach wird erst nach eineinhalb Monaten behoben. Hinzu kommt die schlechte Nahversorgung. Die Familie hat kein Auto und ist beim Einkaufen auf den Bus angewiesen, der allerdings nur unregelmäß;ig fährt. Vor diesem Hintergrund entscheidet sich Maysa schließ;lich für einen weiteren Umzug, doch der Vermieter entlässt sie zunächst nicht aus dem Mietvertrag. "Er hatte dort eine rechtswidrige Klausel eingefügt, die eine Kündigung frühstens nach drei Jahren ermöglicht hätte", erklärt Bock. Erst als sich ein Mieterschutzverein einschaltet, gibt der Mann nach, behält jedoch bis heute die Kaution der Familie ein.

"Ich wurde dann nach Staffel gebracht, wo ich mit mehr als 100 anderen Menschen in Zelten gelebt habe"

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Diesen Widerständen zum Trotz, unterstützt durch Hartmut Bock und die Caritas, begibt sich Maysa in der Folge erneut auf Wohnungssuche. "Wir sind dann irgendwann auf das Angebot in der Frankfurter Straß;e gestoß;en. Zu dem Vermieter hatten wir direkt einen sehr guten Draht", erzählt Bock. Es habe einen "offenen Umgang mit der Situation" gegeben – und der trägt Früchte: Seit September 2017 wohnen Maysa und ihre Kinder nun in der Weilburger Kernstadt, in einer Wohnung, mit der sie "sehr zufrieden" sind.

Während die Familie ihren Platz in Deutschland also vorerst gefunden hat, bleiben Integration und Unterbringung von Flüchtlingen für die Kreise weiterhin eine Herausforderung – auch wenn die Zahl der Migranten, die in Deutschland ankommen, in den letzten beiden Jahren gesunken ist.

Dem Landkreis Limburg-Weilburg wurden nach Angaben des Pressesprechers Jan Kieserg 2015 insgesamt 1749 Flüchtlinge zugewiesen, 2016 waren es 1174, im vergangenen Jahr dann nur noch 469. "Für 2018 erwarten wir Neuzuweisungen von rund 600 Personen", sagt Kieserg. Derzeit leben in den GUs des Kreises etwa 1000 Flüchtlinge im laufenden Asylverfahren. Hinzu kommen rund 900 Personen, die bereits eine Anerkennung erhalten haben. Durch eigene Suche sowie mit Unterstützung der Ehrenamtler und sozialer Betreuer könnten monatlich etwa 65 Personen aus den GUs in privaten Wohnraum umziehen. "Über den Verbleib von Personen im Kreis nach einem Auszug aus den GUs können wir jedoch keine Angaben machen", erklärt Kieserg.

In der Frankfurter Straß;e hat Yahya die leeren Tassen in der Zwischenzeit ein weiteres Mal mit Kaffee gefüllt. Der 23-Jährige, den Bock als bildungsinteressierten jungen Mann beschreibt, hat in Weilburg zwar eine eigene Wohnung, verbringt einen Groß;teil seiner Zeit aber dennoch bei Maysa und den Kindern. Wie die Yousefs stammt auch er aus dem Nordwesten Syriens, lebte dort in einem kleinen Ort zwischen Aleppo und Hama. Seine jetzige Lebensgefährtin hat Yahya allerdings erst im Januar 2017 in Deutschland kennengelernt, dem Land also, das er im Gegensatz zu Maysa erst über Umwege erreichte.

"Ich bin Ende 2014 vor dem Bürgerkrieg in meinem Land geflohen und habe zunächst zehn Monate in der Türkei gelebt. Ich wollte dort mein Bauingenieur-Studium fortsetzen, das ich in Syrien abbrechen musste", erzählt Yahya. Doch dieses Vorhaben scheitert an der Finanzierung und einer fehlenden Zulassung. "Es ist schwierig, in der Türkei als Syrer einen Studienplatz zu bekommen. Sie verlangen alle möglichen Papiere aus meinem Heimatland, die ich ihnen wegen des Bürgerkriegs nicht besorgen kann", sagt Yahya, der in seiner Zeit am Bosporus fließ;end Türkisch lernt. Auf der Suche nach Alternativen entscheidet sich der 23-Jährige schließ;lich zur Weiterreise nach Deutschland, wo bereits Verwandte von ihm Zuflucht gefunden haben. Wie Maysa kommt auch er zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gieß;en unter, bleibt dort jedoch nur zwei Tage.

"Ich wurde dann nach Staffel gebracht, wo ich mit mehr als 100 anderen Menschen in Zelten gelebt habe", erzählt Yahya. Seine Zeit in der damals neu geschaffenen Erstaufnahmeeinrichtung beschreibt er heute als "schrecklich". Ständig sei die Polizei gekommen und habe Flüchtlinge aus dem Lager geholt, die abgeschoben werden sollten. Dort seien zudem viele Menschen gewesen, "denen man nicht vertrauen konnte".

Über seine neue Heimat Deutschland will der Syrer Yahya al Sabouh so viel wie möglich erfahren

32 Tage verbringt Yahya in Limburg, ehe er die Einrichtung verlassen darf und in einer GU in Löhnberg untergebracht wird – in der er allerdings einen weiteren Rückschlag verkraften muss. "Ich dachte, ich könnte dort zur Schule gehen und die Sprache lernen, doch ohne einen Aufenthaltstitel ging das nicht. Aber ich habe zumindest an einem Sprachkurs ehrenamtlicher Helfer in Wetzlar teilgenommen", sagt der 23-Jährige.

Zehn Monate lang wartet er auf den Bescheid des BAMF, zieht nach dessen Erhalt mit einem Freund nach Weilburg. "Ich wollte unbedingt hier bleiben, weil die Landschaft mich an die Gegend erinnert, in der ich aufgewachsen bin, und es hier nicht so viele Probleme gibt. Groß;e Städte sind nichts für mich", erklärt Yahya, der in Deutschland mittlerweile seine Heimat sieht. Über Land und Leute wolle er so viel wie möglich erfahren, lerne zudem jeden Tag ein neues Gesetz, um sich "richtig zu verhalten". Den Pflicht-Deutschkurs "B1" hat Yahya bereits bestanden, die Prüfung auf dem zweithöchsten Sprachniveau "B2" abgelegt. "Wenn ich die Sprache noch besser lerne, steigen auch meine Chancen, einen Job zu bekommen", zeigt sich Yahya überzeugt. Da er bislang auf seine Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz nur Absagen erhalten habe, sei er momentan jedoch "etwas durcheinander", und spiele nun mit dem Gedanken, an der Universität Arabisch zu studieren. "Auf diese Weise könnte ich die Kenntnisse über meine Muttersprache verbessern und gleichzeitig Deutsch lernen", sagt Yahya, der vor Kurzem einen Übergangsjob als Taxifahrer angenommen hat.

Mit seinen Bemühungen für eine gelungene Integration ist Yahya indes nicht allein. "Wir haben hier die Idealsituation eines stufenweisen Ankommens", sagt Bock über die Familie. Maysa hat den Sprachkurs "B1" ebenfalls erfolgreich absolviert und würde nun gerne Friseurin werden. "Sie versteht alles auf Deutsch, aber traut sich oft noch nicht, die Sprache selbst zu sprechen", erklärt Bock. Ähnlich verhalte es sich bei den Kindern, die allesamt Schulen oder Kitas in Weilburg besuchen.

Und so ist die Patchwork-Familie zwar noch nicht am endgültigen Ziel ihrer Reise angekommen, hat aber doch schon ein beachtliches Stück zurückgelegt auf dem Weg, den sie auch in Zukunft gemeinsam beschreiten will. "Ich bin heute schon oft bei Maysa und ab August will ich dann auch fest bei ihr und den Kindern einziehen", sagt Yahya.

Von Stefan Schalles