Corona-Reportage gewinnt Gutenberg-Recherchepreis

Ausgezeichnete Rechercheure: Franziska Klemenz (Sächsische Zeitung), Katrin Langhaus (Ippen Investigativ) und Aaron Niemeyer (Main-Post) (erste Reihe von links). In der zweiten Reihe Vertreter der Volontäre der Mittelbayerischen Zeitung, die von der Jury des Gutenberg-Recherchepreis U35 eine Anerkennung erhielten. Foto: Stephan Dinges / VRM Marketing

Nachwuchsjournalisten aus ganz Deutschland wurden mit dem Gutenberg-Recherchepreis ausgezeichnet. Sie schrieben unter anderem über Intensivstationen und Querdenker.

Anzeige

MAINZ. Sie haben nicht nur außerordentlich viel Zeit in ihre Recherchen investiert, sondern sich auch selbst hohen seelischen Belastungen ausgesetzt – und dem Risiko, Opfer von Gewalt zu werden. In Zeiten von Shitstorms, Hate Speech und Fake News kann Qualitätsjournalismus auch solche Auswirkungen haben. Wie sehr es ihn dennoch braucht, verdeutlicht der Gutenberg-Recherchepreis U35, den VRM und Lingen Stiftung nun zum zweiten Mal auslobten. Im Rahmen einer Feierstunde wurden im Verlagshaus auf dem Mainzer Lerchenberg am Donnerstag die Preisträger des Jahres 2021 gekürt.

Die Arbeiten zeigten einmal mehr, wie dicht die ausgezeichneten Nachwuchsjournalisten die Hand am Puls der Zeit hielten, erklärte Werner Schulte, Geschäftsführer des Kölner Lingen Verlags. Aber auch, wie schnell sich die beherrschenden Themen der Zeit änderten: 2020 fokussierten sich die Beiträge beispielsweise auf dubiose Immobiliengeschäfte und moderne Landwirtschaftsnutzung. 2021 setzen sich zwei Arbeiten mit Aspekten der Pandemie und einer mit einem medizinischen Skandal auseinander.

Franziska Klemenz gewinnt Recherchepreis

Zur Siegerin kürten die Juroren Franziska Klemenz, die für die Sächsische Zeitung den Alltag einer Corona-Intensivstation in Dresden schildert – ein erschütternder, aber niemals reißerischer Text, „in dem der Tod so gegenwärtig ist wie sonst nur in Kriegsreportagen“, heißt es in der Urteilsbegründung. „Ich würde diesen Artikel gerne dem ein oder anderen Corona-Leugner empfehlen, dem ich ebenfalls schon zuhören musste“, so die Preisträgerin.

Anzeige

Aaron Niemeyer, der mit dem dritten Preis bedacht wurde, hat sich für die Main-Post mit solchen „Querdenkern“ auseinandergesetzt. Er unterwanderte eine Würzburger Gruppierung und entlarvte nicht nur ihre gefährlichen Denkweisen, sondern auch Kommunalpolitiker, die sich mit den Corona-Leugnern gemein machten. Als seine Identität enthüllt wurde, wurde ihm Gewalt angedroht. Dies sei unangenehm, für ihn aber auch nicht überraschend gewesen, so der Journalist. Weshalb er ein solches Risiko auf sich genommen hätte, fragten Friedrich Roeingh, Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, und Annette Binninger, Mitglied der Chefredaktion der Sächsischen Zeitung, die die Feierstunde moderierten. „Man muss für eine Idee brennen“, antwortete Niemeyer. „Und wenn wir in den lokalen Redaktionen dies nicht tun, wer soll es dann tun?“

Differenzierter Umgang mit Fakten entscheidend

In seinem Festvortrag hatte Uwe Bollmann, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin, bereits dargelegt, wie differenziert der Umgang mit Fakten nicht nur im Zeitalter der sozialen Medien zu sehen ist, sondern im Grunde schon seit Gutenbergs Zeiten gehandhabt werden musste. Nicht immer sei klar, was genau nun eigentlich „Fakt“ sei und was nicht, aber: „In einer offenen Gesellschaft, in einer freien Wissenschaft, in einem unabhängigen Journalismus kann Erkenntnis immer nur im Diskurs entstehen, einem Diskurs freilich, der bestimmten Regeln und Konventionen folgt.“

Anzeige

Zur zweiten Siegerin kürten die Juroren Katrin Langhans, Redakteurin im Team Ippen Investigativ. In ihrem Artikel „Riskante Dosis“, der unter anderem in der Süddeutschen Zeitung erschien, wies die Medizinjournalistin nach, dass viele Ärzte mit „Cytotec“ ein Medikament bei der Geburtshilfe anwenden, das in Deutschland gar nicht zugelassen ist und sich fatal auswirken kann: Einige Kinder erlitten durch kurzzeitigen Sauerstoffmangel schwere Hirnschäden. „Eine Recherche-Leistung, die Leben retten kann“, urteilte die Jury.

Bayrischer Volontärsjahrgang behandelt aktuelle Themen

Eine „lobende Erwähnung“ erhielt ein Rechercheprojekt des 13-köpfigen Volontärsjahrgangs der Mittelbayrischen Zeitung. Im Vergleich zu den prämierten Beiträgen mutet der Titel „So steht es um die Bahn in Ostbayern“ zwar unspektakulär an, doch behandelt die Arbeit ebenfalls brandaktuelle Themen wie die Bedeutung des Öffentlichen Nahverkehrs gerade auch für die Umweltpolitik, Pendler-Nöte und Corona-Sicherheit.

Zu entscheiden hatten die Preisrichter diesmal zwischen insgesamt 56 Einsendungen – „ein Dutzend mehr als im vergangenen Jahr“, wie Friedrich Roeingh feststellte. Das könne sich sehen lassen, doch habe der Gutenberg-Recherchepreis U35 noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Neben Friedrich Roeingh, Annette Binninger und Werner Schulte komplettieren die Jury Franz Sommerfeld, ehemaliger Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, sowie Anke Vehmeier, Leiterin des Lokaljournalistenprogramms bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Die drei Hauptpreise sind mit 7000, 5000 und 2000 Euro dotiert.