Aus der Redaktion (3): Warum belästigen wir Sie mit Meinung?

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So viel Meinung... Tag für Tag schreiben die  Redakteurinnen und Redakteure der VRM auch ihre Sicht der Dinge auf.  Grafik/Montage: VRM

"In Ihren Kommentaren steht mir zu viel Meinung drin." Das schrieb uns ein empörter Leser. Und warum ist das so?

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. "In Ihren Kommentaren steht mir zu viel Meinung drin." Das schrieb uns ein empörter Leser. Warum müssen Journalisten ihre Klientel überhaupt mit ihren Ansichten belästigen? Reicht doch, wenn sie aufschreiben, was ist. Die Debatte um diese Frage wird hitziger, wenn jemand aus der Branche mal wieder ein "Prachtstück" des Meinungsjournalismus aufgetischt hat. Das ist ironisch gemeint und bezieht sich auf die Auslassungen einer Autorin der Zeitung taz, die sich herabwürdigend mit dem Beruf des Polizisten befasst hat.

Journalisten neigen dazu, bei ihren Kunden manches als selbstverständlich vorauszusetzen. Das ist nicht unberechtigt. Viele Leser sind seit Jahrzehnten Abonnenten "ihrer" Lokalzeitung. Sie kennen sich aus, wissen, wo was steht, können Artikel anhand ihrer Größe, ihrer Position, ihrer Typografie einschätzen. Doch Leser-Generationen lösen sich ab. Neue Interessenten schnuppern nur mal an den Online-Angeboten der Tageszeitungen. Ihnen sind scheinbare Gesetzmäßigkeiten nicht nur unbekannt, sondern auch schnuppe. Im Internet stehen diese Angebote neben den Erkenntnissen von Bloggern, Influenzern, aber auch Produzenten sogenannter Fake News. Will sagen: Online gelten andere Spielregeln, wenn es überhaupt Regeln gibt.

Zur Wahrheit gehört außerdem, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt. Fragen Sie mal drei Zeugen eines Autounfalls; Sie werden drei Versionen des Geschehens hören. Zeitungsredaktionen arbeiten daher möglichst transparent. Sie nennen die Quelle ihrer Nachrichten, sie zeigen zwei Seiten einer Medaille, und sie trennen die Nachricht von der Meinung. Bei der Nachricht, die zeigen soll, was ist, gibt es keine hundertprozentige Objektivität. Die Redaktion kann beispielsweise immer nur einen Nachrichtenstand bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wiedergeben; sie zitiert häufig nicht eigene Erkenntnisse, sondern Ansichten Dritter. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass Leser immer seltener erkennen, wo die Nachricht aufhört und wo die Meinung beginnt.

Unter Rubrikentiteln wie Kommentar oder Glosse, auch in einer Analyse konfrontieren wir unsere Leserinnen und Leser mit Einschätzungen und Einordnungen der Lage, die an anderer Stelle in der Zeitung möglichst neutral geschildert wurde. Offenbar entspricht das den Leserwünschen. Das Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg nennt nach einer repräsentativen Umfrage zwei Punkte, die den Teilnehmern an der Zeitung am wichtigsten sind: "Dinge so berichten, wie sie sind" und "aktuelles Geschehen einordnen und analysieren".

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Dass eine deutsche Tageszeitung Regeln unterworfen ist, die Fairness, Suche nach der Wahrheit, Beachtung der Menschenwürde und vieles mehr beinhalten, gilt für jeden einzelnen Mitarbeiter. Leserinnen und Leser müssen damit klarkommen, dass ein Meinungsangebot womöglich nicht ihrer Ansicht entspricht. Und Journalisten sollten sich diesen Satz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann mal durch den Kopf gehen lassen: "Jeder, der heute eine Meinung hat, denkt, er hätte auch ein Argument."

Von Stefan Schröder