Achterbahnfahrt mit Mutter Natur

Abfahrt von Oberwetz über den Napoleonstock nach Oberkleen: Der Blick fällt in eines der naturnahen Täler des Taunus, in dem sich die Felder, Büsche und Bäume in diesen Tagen in den verschiedenen Grüntönen zeigen. Die Abfahrt in den Langgönser Ortsteil, wo der Kleebachtalradweg erreicht wird, ist eines der schönsten Teilstücke der 54 Kilometer langen Ausfahrt in den Taunus.  Foto: Reeber

Die Augen tun schon weh. Ja, doch, wenn man sie ganz stark zusammenkneift, dann stellt sich der braune Fleck am Horizont als Schloss Braunfels heraus – weit hinter...

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Wetzlar/Langgöns/ Waldsolms. Die Augen tun schon weh. Ja, doch, wenn man sie ganz stark zusammenkneift, dann stellt sich der braune Fleck am Horizont als Schloss Braunfels heraus – weit hinter Schwalbach. Eine Tour in den Taunus fordert Augen und Oberschenkel.

Am Napoleonstock steht eine Pause an. 380 Meter über dem Meeresspiegel befindet sich dort mit dem Parkplatz an der Straß;e von Oberwetz nach Oberkleen ein Ort, der historische Bedeutung hat. Glaubt man alten Erzählungen, rasteten Teile der in der Völkerschlacht bei Leipzig unterlegenen französischen Truppen an dieser exponierten Stelle – und Napoleon höchstselbst ruhte sich aus. Er soll sich sogar erleichtert haben. Soweit jedenfalls der Volksmund.

Fest steht, so der Heimat- und Geschichtsverein Oberkleen, dass der Napoleonstock zur Erinnerung an die napoleonischen Kriege im Jahr 1913 errichtet wurde – damals noch als Denkmal aus Holz, mittlerweile aus Beton. Er ist heute vor allem ein beliebter Anlaufpunkt für Wanderer und Radler. Hier oben treffen sich der Elisabethenpfad, der Schinderhannesweg und ein Fernwanderweg des Taunusklubs. Und: Teil 5 der Reihe "Heimat Erfahren".

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Kaiserliche Pinkelpause hin oder her: Am Napoleonstock rasten wir kurz und lassen es dann einfach laufen

An einem sonnigen Tag hat Peter Fuess, Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), eine buckelige Fahrt arrangiert, die sich an die offizielle ADFC-Tour "Ein kleines Stück vom Taunus" anlehnt. Und die viel mit einer Achterbahn gemein hat: Zwischen Wetzlar, Espa, Weiperfelden und Schwalbach geht es immer wieder hoch und runter. Unterm Strich stehen 1300 Meter vertikale Distanz, das ist die Summe aller Abfahrten und Aufstiege. Dabei kommen die Anstiege sehr sanft daher, die Abfahrten sind dafür umso kerniger. Eine Tour durch den wilden Taunus also, die sich zahm anlässt.

Eine der bemerkenswerten Abfahrten liegt hinter dem Napoleonstock. Wer unsere Tour nachfährt, kann dort darüber sinnieren, ob der Kaiser hier wirklich pinkeln war (und ob die Gemarkung laut Schild deswegen "Schiffberg" heiß;t), und es dann richtig laufen lassen: Denn bis Oberkleen geht es nur noch bergab. Peter Fuess führt über die Landstraß;e, dann nach links in Richtung Vollnkirchen, dann rechts in den Wald. Auf dem weichen Boden geht es endlos leicht bergab, um eine Spitzkehre herum und dann lichten sich die Bäume: Vor dem Auge baut sich die Natur auf – satt grün, wellig, windig und scheinbar unberührt. Wir fühlen uns ganz weit drauß;en im Taunus, allein in wilder, ursprünglicher Natur – und sind doch nur 16 Kilometer von Wetzlar entfernt.

Diesen Effekt gab es schon einmal, kurz nach dem Start: Die Route ist nur elf Minuten alt, als wir nach einer Drittelrunde um den Stoppelberg in ein Tal rollen, das viel weiter von der Stadt entfernt scheint, als der Kilometerzähler glauben machen will: es sind nämlich nur gut drei. Es duftet nach Heu, jemand hackt Holz, die übrigen Sinneseindrücke speisen sich aus dem, was da ist: frische Luft, flauschige Wolken, grüner Bewuchs.

Auf einem Wirtschaftsweg wird nach knapp fünf Kilometern Reiskirchen erreicht, wo im Ortskern ein Stopp an der Kirche lohnt. Die hat einen Anbau in Fachwerktechnik – sehenswert!

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Das gilt auch für den Ausblick, der sich wenige hundert Meter später ergibt: Im Rücken der 400 Meter hohe Stoppelberg, nordöstlichster Ausläufer des Taunus. Rechts ein roter Fleck im Sonnenlicht, Schloss Braunfels, wie sich zeigt, mit zusammengekniffenen Augen und etwas geografischer Kenntnis. Schwalbach davor auf einem Bergrücken und geradeaus der Köhlerberg mit Oberwetz zu seinen Füß;en. Dorthin geht es nun – runter und wieder hoch, dann wieder runter und wieder hoch: Oberhalb des Dorfes, wo die "Oelbaenk" an die Partnerschaft der SG mit dem dänischen Verein "Gedved Idraetsforening" erinnert, geht der Blick noch einmal zurück – und fällt zum vorerst letzten Mal in Richtung Lahn und Westerwald. Denn die Route wechselt jetzt die Seiten. Wir verlassen das Wetzbachtal, der Napoleonstock markiert diesen Wechsel in den Landkreis Gieß;en und ins Kleebachtal.

Dort rollen wir nach der eingangs erwähnten schönen Abfahrt durch den Wald in Oberkleen ein. Ansehnlich sind die 1355 erstmals erwähnte Pfarrkirche und das sichtlich in die Jahre gekomene alte Rathaus. Von Oberkleen bis Cleeberg folgen wir dem Kleebach und dem ihn begleitenden Radweg, auf dem es sich sehr entspannt und nur leicht steigend radelt. Die Oberfläche wirkt neu, die sommerliche Landschaft bietet dem Auge Entspannung.

Cleeberg wird links liegen gelassen, der Aufstieg zur fast 1000 Jahre alten Burg ist kurz, aber zu knackig. Stattdessen geht es am Kleebach hinauf in Richtung Espa – ein anfangs sehr gut, später eher liederlich asphaltierter Weg. Kurz vor Espa lenkt Fuess nach rechts, in einiger Entfernung vom Ort endet dieser längste Anstieg – und wir wechseln wiederum das Tal. Vom höchsten Punkt der Strecke geht es hinab ins Tal des Solmsbachs, auf den wir in Weiperfelden treffen und dem wir von hier bis nach Niederquembach folgen.

Die Fahrt könnte auch Drei-Bäche-Tour heiß;en: Vom Wetzbach zum Kleebach, zum Solmsbach und zurück

Diese 12,5 Kilometer sind eher unspektakulär. Der konsequent beschilderte Radweg verläuft meist über geschotterte und gut befahrbare Waldwege – zunächst dicht am Solmsbach, später auch mal weiter weg. Wer einkehren möchte, findet im größ;ten Ort der Strecke die besten Gelegenheiten: in Brandoberndorf, wo zudem ansehnliches Fachwerk in der Sonne leuchtet. Und wen die Kräfte schon verlassen haben, der steigt hier in den Zug – und lässt fahren.

Denn bis nach Wetzlar zurück steht eine weitere Runde auf der Taunusachterbahn bevor: Von Niederquembach geht es hoch bis Schwalbach, wo wieder Ausblicke warten. Wir rollen hinab und erreichen in Niederwetz das wirklich letzte Tal dieser Reise: das Siebenmühlental. Dann geht es wieder hoch und zwischen Reiskirchen, Oberwetz und Niederwetz folgt das Déjà-vu: Hier treffen sich Hin- und Rückweg, die Route ist bis Wetzlar gleich.

Erst auf der Rückfahrt fällt hier aber dieses auf, quasi der Rausschmeiß;er: In Reiskirchen steht eine Halle mit der Aufschrift "Gesenkschmiede" am Weg. Alte Radler wissen noch Bescheid, Junge fragen ihren Opa, was es damit wohl auf sich hat, und haben bis nach Wetzlar genügend Gesprächsstoff.

TOURINFOS

Name: Achterbahnfahrt mit Mutter Natur

Start+Ziel: Gewerbegebiet Hörnsheimer Eck, Wetzlar

Länge: 54 Kilometer

Dauer: 5 Stunden

Höhenmeter: 1368

Steigung: moderat

Orte: Wetzlar, Reiskirchen, Oberwetz, Oberkleen, Cleeberg, Espa, Weiperfelden, Brandoberndorf, Kröffelbach, Kraftsolms, Niederquembach, Schwalbach, Niederwetz.

ÖPNV: Elsa-Brandström-Straße, Stadtbus 12

Höhepunkte: Aussichten und Abfahrten, zum Beispiel bei Oberwetz, Oberkleen und Weiperfelden.