2000 Jahre Geschichte unter den Reifen

Hier hausten die Kelten: Das Oppidum am Dünsberg bei Fellingshausen gilt als eine der bedeutendsten keltischen Siedlungen. Das im Jahr 2001 errichtete Keltentor soll verdeutlichen, wie die Kelten ihre Siedlungen gegen Angreifer sicherten. Mit dem Rad gut zu erreichen!  Foto: Reeber

Wer 2000 Jahre in die Vergangenheit reisen will, muss nur so tief buddeln: Archäologin Regine Müller hält ihre Hände 50 Zentimeter auseinander. Tiefer liegen die Spuren der...

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Lahnau/Biebertal. Wer 2000 Jahre in die Vergangenheit reisen will, muss nur so tief buddeln: Archäologin Regine Müller hält ihre Hände 50 Zentimeter auseinander. Tiefer liegen die Spuren der Kelten am Dünsberg nicht. Die der Römer schon. Daher wird in Waldgirmes tiefer gegraben.

"Salvete!" Das graue Haar, der Bart, die stattliche Erscheinung, und er spricht auch noch ihre Sprache: Wilfried Paeschke könnte als waschechter Römer durchgehen. Der Ort stimmt auch: Vermutlich unter dem Namen "Mattiacum" war das heutige Waldgirmes, wo uns Paeschke empfängt, um das Jahr 0 eine zivile Siedlung der Römer in Germanien – und nicht mal irgendeine. Es handelte sich um eine römische Stadt mit der Aufgabe, die Provinz "Germania Magna" zu verwalten, erzählt der Vorsitzende des Fördervereins Römisches Forum.

Das 54 mal 45 Meter groß;e Forum ist
 ein Markt- und Handelsplatz im Herzen der römischen Stadt

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Rund um die früheren römischen und keltischen Siedlungen im Raum Wetzlar-Gießen ist die vierte Tour der Reihe "Heimat Erfahren" im Jahr 2017 angesiedelt.
Startpunkt: Mit Kelten und Römern wenig zu tun haben die spiegelnden Gebäude im Leitzpark in Wetzlar.  Wir parken hier, steigen in den Sattel und fahren zur ersten Rast, die tatsächlich in Verbindung zur heutigen Tour steht.....
Da steht er:  Mit knapp 500 Metern Höhe ist der Dünsberg so etwas wie der Hausberg von Wetzlar und Gießen. An seinen Hängen siedelten in den Jahrhunderten vor Christi Geburt die Kelten. Das Keltengehöft auf der  Ostseite des Berges ist das höchstgelegene Ziel der heutigen Tour.
Doch bevor wir den Dünsberg erklimmen, besuchen wir die Römer in Waldgirmes. Der Weg führt durch die Lahnwiesen zwischen Garbenheim und Naunheim.
Die Geschäftsstelle des Fördervereins Römisches Forum in der Georg-Ohm-Straße in Waldgirmes.
Zentraler Anlaufpunkt auf dem in Originalgröße nachgebildeten Marktplatz der römischen Stadt in Waldgirmes ist das Reiterstandbild des Kaisers Augustus. Dort erklären Hartmut Krämer (links, in der Montur eines Präfekten) und der Vereinsvorsitzende Wilfried Paeschke (rechts) dem ADFC-Kreisvorsitzenden Peter Fuess die Bedeutung der römischen Aktivitäten im heutigen Waldgirmes um das Jahr 0 herum.
Der Marktplatz war der zentrale Punkt der römischen Stadt.  Die weiße Fläche zeigt die Dimensionen des eigentlichen Marktplatzes, der dunkle Kies soll Gebäude symbolisieren. Das gesamte Forum im Zentrum der römischen Stadt war 54 mal 45 Meter groß.
Als Weg vom römischen Forum zu den Kelten am Dünsberg wählen wir den sanften Anstieg über die Dicke Eiche nördlich von Waldgirmes: Idyllisch.
Da liegt sie: Die Dicke Eiche, heute ein Wanderziel und beliebter Treffpunkt,  soll fast 1000 Jahre lang im Wald nördlich von Waldgirmes gestanden haben. 2002 wurde der Baum wegen schwerer Schäden niedergelegt und wenige Monate später eine neue Eiche am alten Standort gepflanzt. Ob auch sie 1000 Jahre lang steht?
Wenn die Radler Hof Haina an der Straße zwischen Waldgirmes und Bieber passieren, stecken schon einige Kilometer in den Beinen. Das wird auch dadurch deutlich, dass der Dünsberg mit seinem markanten Funkturm wesentlich näher ist. Die Anlage, in der sich heute ein Bauernhausmuseum befindet, wurde im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt.
Nach einer kurzen Passage durch Rodheim-Bieber erreichen wir Fellingshausen, das Dorf am Fuße des Dünsbergs. In der Ortsmitte sind vor allem die Kirche und das Backhaus wahre Schmuckstücke.
Weg von Fellingshausen zum Keltentor hinauf: Gar nicht mal so steil, aber mit feinem, weißen Schotter belegt und daher halbwegs schlecht zu fahren.
Hier oben also hausten die Kelten: Das Oppidum am Dünsberg gilt als eine der bedeutendsten keltischen Siedlungen überhaupt. Für Standort und Form des Tores gibt es vor Ort keine Belege. Man weiß aber, dass Tore wie dieses von den Kelten angelegt wurden.
Steinfratzen und ein keltischer Hof sind hinter dem Tor zu sehen. Dereinst sicherten drei Ringwälle am Hang des Dünsberges die keltische Siedlung, deren genaue Einwohnerzahl unbekannt ist, aber gut und gerne bei 1000 oder 2000 Personen gelegen haben könnte.
Zurück: Durch Rodheim-Bieber fahren wir auf einem ruhigen Schotterweg, weit ab von der Hauptstraße.
Auf dem Weg zurück zu den Römern in Dorlar kommen wir auch am Bieberlies-Erinnerungsareal vorbei. Die Biebertalbahn war eine Schmalspurbahn, die von Gießen bis nach Bieber führte, Steinbrüche und Gruben erschloss und auch von den Bewohnern  des Biebertals zur Fahrt in die große Stadt genutzt wurde. Das Erinnerungsareal hat der Heimatverein Rodheim-Bieber im vorigen Jahr angelegt.
"Die kurz vor dem Ortseingang von Rodheim-Bieber am Bieberbach gelegene Schmitte - ursprünglich ein Eisenhammer, der wegen seiner Nähe zum Wald „Waldsmith", also Waldschmiede, genannt wurde - ist 1412 erstmals als zur Besitzung des Hauses Gleiberg gehörig erwähnt." So beschreibt die Denkmalpflege das Anwesen, dass auf dem Weg von Rodheim nach Kinzenbach linkerhand vom Radweg zu sehen ist.
Wir rollen - in einiger Distanz zum Dünberg - durch das Gleiberger Land und haben die Burgen Gleiberg und Vetzberg meist fest im Blick. Hier führt die Route aus Rodheim-Bieber heraus und wendet sich am Ende dieser Geraden nach rechts in Richtung Kinzenbach. Vorne links ist Burg Gleiberg zu sehen.
Oberhalb von Dorlar und etwa zwei Kilometer von der zivilen Siedlung in Waldgirmes befand sich im ersten Jahrhundert nach Christus ein Römerlager, das von den Legionären offenbar als Marschlager genutzt wurde. Heute erinnert vor allem der Name dieser Straße  an die Geschichte, denn auf der Fläche entstand das Dorlarer Gewerbegebiet.

Dieses Forum, eine Art Markt- und Handelsplatz im Herzen jener römischen Stadt, ist heute noch auszumachen. Der Platz, dessen Größ;e und Lage bei Ausgrabungen festgestellt wurde, ist mit hellem Kies ausgestreut, die Gebäude, die ihn einst umrahmten, werden von dunklem Kies symbolisiert. Das gesamte Forum im Zentrum der römischen Stadt war etwa 54 mal 45 Meter groß;.

Soweit die bloß;en Fakten, doch es fehlt wohl noch an Kontext. Römer-Kelten-Tour – so lautet der Arbeitstitel dieses vierten Teils der Reihe "Heimat Erfahren". Beide Völker spielen in der Geschichte des heutigen Deutschlands eine gewichtige Rolle. Zeugnisse ihrer Existenz in der Region finden sich vor allem im Gleiberger Land – zwischen Waldgirmes im Süden und dem Dünsberg im Norden. Diese Spuren und die Zentren der jeweiligen Kultur in der Region wollen wir mit dem Fahrrad erkunden. Dafür ist Waldgirmes die erste Anlaufstelle und Wilfried Paeschke, der vor 2000 Jahren einen respektablen Centurio abgegeben hätte, der Ansprechpartner der Wahl.

Die römische Siedlung in Waldgirmes, weiß; der Vorsitzende, wurde 3 oder 4 vor Christus gegründet. An Hölzern, die man in alten Brunnen fand, lasse sich das sehr genau datieren. "Dendrochronologie" nennt sich das Verfahren. Nur gut 20 Jahre waren die Römer in der Region, gaben ihre Stadt nach der verlorenen Schlacht am Teutoburger Wald auf. Was Waldgirmes so besonders macht – auß;er dem Pferdekopf, der 2009 bei Grabungen in 9,40 Meter Tiefe in einem Brunnen gefunden wurde? Dass es sich um eine entstehende zivile römische Stadt rechts des Rheins handelte – die bislang einzige bekannte.

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Hinter Waldgirmes wird es waldig: Leicht bergan geht es nach Norden, in Richtung "Dicke Eiche". Der Baum, im Jahr 2002 wegen schwerer Schäden niedergelegt, stand seit jeher an einer wichtigen Wegekreuzung im Wald zwischen Blasbach, Waldgirmes, Rodheim-Bieber und Königsberg. Fast 1000 Jahre alt soll der "Baumveteran" geworden sein, wie eine Infotafel vor seinen Resten erklärt. Für diese Radtour ist der Baum eine wichtige Wegmarke und ein Orientierungspunkt.

Weiter geht es. Wir wählen einen der sechs Wege, die sich an der Eiche treffen, und rollen bergab, Richtung Atzbach, in einem weiten Bogen nach links, an Hof Haina vorbei und hinein nach Bieber. Kurz werden die Beine ausgeschüttelt, dann folgt der Anstieg nach Fellingshausen, in das Dorf am Fuß;e des Dünsberges, der hier schon mächtig groß; die Landschaft dominiert.

Wenige hundert Meter oberhalb des Dorfes begrüß;t Regine Müller vom Verein "Archäologie im Gleiberger Land" die Radler. Der Ort ist das Keltentor, 2001 vom Dünsbergverein errichtet – mit gutem Grund: Das Oppidum am Dünsberg gilt als eine der bedeutendsten keltischen Siedlungen überhaupt. Drei Erdwälle sicherten die Anlage ab, liefen einmal rings um den Berg herum. In diesen Wällen gab es Tore – wobei es für Standort und Form des Keltentores von 2001 vor Ort keine Belege gibt, wie Archäologin Müller betont. Man wisse aber, zum Beispiel durch Grabungen in Frankreich, dass die Kelten so bauten. Hinter dem Tor ist ein keltischer Hof zu sehen, aufgebaut im Jahr 2006 nach der Bauweise, die auch die Kelten nutzten. Im Garten wachsen die Kräuter, die seinerzeit genutzt wurden. Die genaue Größ;e der Siedlung übrigens ist unbekannt. Und Archäologin Müller will sich ungern "festnageln" lassen. Gut und gerne 1000 oder 2000 Personen könnten hier aber gelebt haben, sagt sie.

Womit wir zur wichtigsten Frage kommen: Kelten und Römer – hatten die miteinander zu tun? "Bis heute ist kein Schlachtfeld gefunden worden", sagt Müller – das hatte zuvor auch Paeschke festgestellt. "Wobei das nicht heiß;t, dass es keines gibt. Nur, dass eben bisher keines gefunden wurde", schiebt Müller hinterher. Bekannt ist aber auch, dass die Hauptsiedlungszeit der Kelten zwischen 150 und 50 vor Christus lag. Und dass sich die Spuren der Kelten vor der Ankunft der Römer in Waldgirmes verlieren – vermutlich zogen sie Richtung Köln.

Förderverein richtet am 2. Juli wieder einen Römertag aus – 
auch die Kelten vom Dünsberg sind zu Gast

Seine Erkenntnisse über die keltische Geschichte verdankt der Verein "Archäologie im Gleiberger Land" den Grabungen, die seit 1999 regelmäß;ig am Berg durchgeführt werden. Spuren der Siedlung werden dabei gefunden, Scherben oder Waffen. Manchmal hilft auch der Zufall, so wie Anfang 2016, als nach einem Wintersturm plötzlich ein einschneidiges Hiebschwert aus dem Boden ragte. Seine Funde präsentiert der Verein dann in seinem Museum in Rodheim-Bieber, im Keller der Gemeindeverwaltung – die Route führt daran vorbei. Geöffnet ist jeden ersten und dritten Sonntag im Monat.

Womit sich der Kreis schließ;t: Einen Ort zur Ausstellung seiner Funde wünscht sich auch der Förderverein in Waldgirmes. Doch noch fehlt Geld für den Bau des Besucherzentrums – 50 000 bis 100 000 Euro, wie Paeschke erläutert. Vor allem die Spendierfreudigkeit der Wirtschaft sei überschaubar. Und Paeschke erinnert wieder an den Pferdekopf, um den gerade prozessiert wird. "Das Interesse lässt nach", stellt der 77-Jährige fest, "mit jedem Monat, in dem der Pferdekopf nicht öffentlich zu sehen ist".

Um für den Verein und die Bedeutung der römischen Spuren in Waldgirmes zu werben, richtet der Verein am 2. Juli von 10 bis 17 Uhr einen Römertag aus. Dort soll ein friedliches Zusammenleben von Römern und Germanen zu Zeiten des Kaisers Augustus gezeigt werden. Legionen, Gladiatoren und römische Musik werden vorgestellt. Der Archäologieverein vom Dünsberg stellt seine Funde vor. Eintritt frei.

Wieder auf die Strecke: Vom Keltentor geht es zurück durch Fellingshausen und Rodheim-Bieber. Dorlar ist das Ziel und dorthin rollen wir an zwei markanten Punkten vorbei: Dem Bieberlies-Erinnerungsareal, das an die Biebertalbahn erinnert, die von Gieß;en bis nach Bieber führte, Steinbrüche und Gruben erschloss und auch von den Bewohnern des Biebertals zur Fahrt in die groß;e Stadt genutzt wurde. Und an Hof Schmitte, kurz vor dem Ortseingang am Bieberbach gelegenes Hofgut mit langer Geschichte.

Der Weg nach Kinzenbach führt noch einmal hinauf, irgendwo zwischen Pferdekoppeln radeln wir kurz auf Gleiberg und Vetzberg zu.

In Dorlar, am Ende dieser Tour, befand sich im ersten Jahrhundert nach Christus ein römisches Militärlager, von Legionären als Marschlager für Offensiven nach Germanien angelegt. Heute ist die Fläche ein Gewerbegebiet, eine Straß;e nach dem Lager benannt. Einen Keltenweg gibt es nicht ...

TOURINFOS

Name: 2000 Jahre Geschichte unter den Reifen

Start: Leitzpark Wetzlar

Ziel: Römerlager Dorlar

Länge: 34 Kilometer

Dauer: 3 Stunden

Höhenmeter: 1005

Steigung: moderat bis stark

Orte: Wetzlar, Garbenheim, Waldgirmes, Rodheim-Bieber, Fellingshausen, Kinzenbach, Atzbach, Dorlar.

ÖPNV: Am Leitz-Park, Stadtbus 11

Höhepunkte: Römerforum, Dicke Eiche, Keltentor, Ausblicke zum Dünsberg.