Wie zu Großmutters Zeiten

Alte Handwerkskünste live erleben, das ist bei den Brauchtumstagen im Lindenfelser Museum möglich: Louis Krost und Brigitte Pfeifer führen fachkundig vor, wie am Spinnrad Wolle und Garne entstehen. Foto: Cornelia von Poser  Foto: Cornelia von Poser

Die Spinnräder summten. Die Feuerstätten qualmten. Die Schmiedehämmer donnerten. Und dem Backofen entstieg der Duft von frischem Brot. Das sonst so ruhige Lindenfelser Museum...

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LINDENFELS. Die Spinnräder summten. Die Feuerstätten qualmten. Die Schmiedehämmer donnerten. Und dem Backofen entstieg der Duft von frischem Brot. Das sonst so ruhige Lindenfelser Museum war am Wochenende zum Leben erwacht und entführte die Gäste in längst vergangene Zeiten. Dank zahlreicher engagierter Helfer zogen auch die Brauchtumstage hunderte Besucher an.

Auf drei Etagen hatten die großen und kleinen Gäste der Burgstadt die Möglichkeit, traditionelle Handwerkskünste zu erleben, jede Menge über alte Zeiten zu erfahren oder auch selbst Hand anzulegen. So luden die Mitglieder des Vereins Pädagogische Druckwerkstatt „Schwarze Kunst“ um Günther Steinmaus gleich am Eingang dazu ein, eine Schnellpresse von 1888 auszuprobieren und einen Stich, der Lindenfels um 1800 zeigte, zu reproduzieren. Die frisch gedruckten Kunstwerke durften die Nachwuchsdrucker mit nach Hause nehmen. Währenddessen wurde in der benachbarten Schmiede angefeuert und fleißig gehämmert. Auch einem Gäulchesmacher konnten die Besucher über die Schulter schauen.

Vom Gast zum Teilnehmer

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Ein Stockwerk höher fanden Technikbegeisterte Interessantes: Uhrmachermeister Josef Gölz aus Bensheim zeigte Spannendes rund um Uhren. Beispielsweise eine Zahnschneidemaschine von 1800, mit der damals eine regelmäßige Einteilung des Ziffernblattes gewährleistet wurde. Vor etwa 15 Jahren war Gölz selbst Gast bei den Lindenfelser Brauchtumstagen, wie er erzählte. Seitdem kümmert er sich nicht nur um die ehemals verwaiste Uhrenmacherwerkstatt des Museums, sondern erforscht auch die Geschichte der Lindenfelser Uhrendynastie Schmitt.

Im Dachgeschoss der ehemaligen Zehntscheune waren unter anderem Polstermeister, Weberinnen und Schuhmacher tätig. Währenddessen zeigten Ursula Bauer und Annette Stöcker im so genannten Fremdenzimmer, wie früher die Trachtenhäubchen mit den vier Lebensbäumen bestickt wurden. Rund 20 bis 25 Stunden dauert es, bis die geübten Hände ein solches Häubchen komplett fertiggestellt haben, verriet Bauer.

Große Hochachtung erfuhr auch Louis Krost vom Horndreher-Hof in Fischbachtal-Niedernhausen am Wochenende. Der Siebzehnjährige produzierte am Spinnrad überaus versiert farbenfrohe Garne. Der Schüler, der dieses Hobby bereits vor rund drei Jahren für sich entdeckt hat, verriet auch, was er aus den selbst gefertigten Wollen und Garnen macht: „Meist verstricke ich sie.“ Gerade sei ein sehr langer Schal entstanden. Nun habe er sich daran gemacht, einen Janker anzufertigen. „Ich kann auch schmieden“, sagte der junge Mann charmant lächelnd. Und schob erklärend hinterher, er sei eben Waldorfschüler.

Doch nicht nur im Museum selbst, sondern auch im Rathaushof gab es viel zu staunen. Etwa bei den Zimmerleuten, die zeigten, wie in früheren Zeiten mittels der Dohlenbohrer hölzerne Wasserleitungen hergestellt wurden. Zudem zeigten Korbmacher und Steinmetze ihr e Fingerfertigkeit. Im hinteren Bereich des Hofes wurde Kaffee geröstet und im historischen Ofen Brot gebacken, das schnell verkauft war. Außerdem gab es im Museums-Café allerlei Leckereien und frischen „Süßen“ (Apfelmost) aus der eigenen Kelteranlage.

Wer dann noch Zeit und Lust hatte, konnte im Bürgerhaus sowie im Kurgarten an zahlreichen Ständen schauen, einkaufen und verweilen. Denn beim Herbstmarkt gab es neben Kulinarischem aus heimischer Landwirtschaft viele handgefertigte Dekorationsartikel, kuschelige Felle, kreative Holzarbeiten und bereits ersten Weihnachtsschmuck. Am Glasbläserstand durften Kinder zudem ihre eigenen Glaskugeln blasen. So boten denn die Brauchtumstage wieder einmal eine überaus gelungene Mischung aus Erleben, Hinzulernen, Selbermachen, Einkaufen und Genießen.