Exklusiv aus der Redaktion: Spannende Themen aus Hessen

Neues aus Hessen.

Ministerin weg, Corona weg, Demo-Dorf weg – und noch mehr gute Nachrichten: Ein paar wichtige Themen im Überblick.

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Hessen. Mit „Isch over“ schuf Wolfgang Schäuble einst eine geradezu trapattonieske Formel für: Es ist vorbei, die Zeit ist um. Und weil das gerade für vieles gilt, weicht dieser Newsletter von der Verpflichtung aufs Brandneue ab und kehrt die Trümmer all dessen zusammen, das jetzt over isch.

Als neuer Verteidigungsminister, so viel News müssen sein, kam am Morgen der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius aus dem Gebüsch. Zwischendurch war General Carsten Breuer im Gerede, der im November 2021 die Leitung des Corona-Krisenstabs der Bundesregierung übernommen hatte.

Ein General als Verteidigungsminister? Nicht nur mit Blick auf den TV-Dauer-Dummschwätzer Erich Vad („Die Ukraine ist in 48 Stunden erledigt, näch“) wird’s da manchem mulmig. Mit wenigen Ausnahmen nämlich ist die Forderung Unsinn, dass ein Fachminister im engeren Sinn vom Fach sein muss; das gilt auch für die in Deutschland nicht totzukriegende Frage „Ham Se jedient?“

Noch größeren Unsinn stiftet die mit Pistorius gekippte Frauenquote, zu der Alexander Kissler im Fall Lambrecht das Wesentliche geschrieben hat: „Lambrechts Fehler war es, aus Selbstüberschätzung eine Aufgabe anzunehmen, die ihr aus Paritätsgründen angetragen worden war.“ Alles Übrige steht in einem Kommentar des Kollegen Christian Matz, als dessen Zweitunterzeichner ich mich hiermit zu erkennen gebe.

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Ach, einer geht noch, in diesem Fall vom Verteidigungsexperten Thomas Jäger: „Berlin ist momentan der Ort, der am weitesten von der Realität entfernt ist: Ein Bundeskanzler verliert eine erstklassige Verteidigungsministerin wegen ihrer Darstellung in den Medien.“

Jetzt aber genug damit, wie ein wohlmeinender Twitterer mahnt: Auch bei Christine Lambrecht geziemt es sich nicht nachzutreten.

TOP 3 DES TAGES

Kriegsziele? Over

Das Logo des staatlichen russischen TV-Senders «Russia Today» ist am 27.10.2017 in Moskau (Russland) am Fenster des Firmenbüros zu sehen.
Das Logo des staatlichen russischen TV-Senders «Russia Today» ist am 27.10.2017 in Moskau (Russland) am Fenster des Firmenbüros zu sehen. (© dpa)

Da treten wir doch lieber dahin, wo es sich gehört, zum Beispiel gegen Russland. Dass das dortige Regime nach westlicher Zählung nicht weniger als zwölf Mordanschläge gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angestiftet hat, gehört gewiss zu den am wenigsten überraschenden Enthüllungen des Tages. Sogar die Leichtfertigkeit Selenskyjs, der die Warnungen zunächst in den Wind geschlagen hatte, wurde längst dokumentiert. 

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Beinahe grundstürzend wirkt im Vergleich das, was jetzt auf einem der russischen Propagandakanäle lief. Sie wissen schon, es geht um diese Sendungen, die auch ohne Sensorik-TV den Nebel aus Testosteron und Wodka wittern lassen. In denen wie bei „Per Anhalter durch die Galaxis“ die letzte Antwort so bestürzend einfach wie rätselhaft ist: Atombomben!

In einer solchen Sendung also hob ein gewisser Maxim Yusin an, die Kriegsziele der „militärischen Spezialoperation“ zu sezieren und sie mit der Wirklichkeit abzugleichen. Die ukrainische Armee stärker denn je, die Nato erweitert, russisches Territorium als Zielgebiet feindlicher Raketen – kurzum: Das Gegenteil des Gewünschten habe Putin den Russen eingebrockt.

Der Name Putin fällt natürlich nicht in der Darlegung, aber es wird schon aufmerksam zu verfolgen sein, ob Herr Yusin auch in der nächsten Sendung noch dabei ist oder ob er zwischenzeitlich zu nahe an ein Fenster getreten ist.

Kampfbahn Lützerath? Over

Polizisten drängen Demonstranten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath zurück. Die Polizei habe „hochprofessionell“ gearbeitet, so NRW-Innenminister Reul.
Polizisten drängen Demonstranten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath zurück. Die Polizei habe „hochprofessionell“ gearbeitet, so NRW-Innenminister Reul. (© Oliver Berg/dpa)

Gegen Lützerath habe ich überhaupt nichts. Aber ein Dorf, das zu retten wäre, kann ich dort nicht erkennen. Nur ein paar seit langem verlassene Häuser auf einer Fläche, deren Abbaggerung auf politischer wie juristischer Ebene beschlossene Sache ist.

Nicht für diejenigen, denen die eigene Haltung bedeutsamer erscheint als demokratische Entscheidungen demokratischer Institutionen. Dieser Hochmut spornte anscheinend zu Höchstleistungen im Feld an, der Titel „Aktivist“ will schließlich verdient sein. 154 Ermittlungsverfahren meldet die Polizei, ferner 30 beschädigte Dienstautos und exakt 32 aufgestochene Reifen, was der Steuerbürger sicher gern begleicht.

Die Tatarenmeldungen über zahlreiche schwerverletzte Demonstranten, nach Lesart der Angreifer Opfer unprovozierter Polizeigewalt, kommentiere ich lieber nicht. Auf diesem Gebiet haben sich auch die Darlegungen der Polizei zu oft am Rande der Fiktion bewegt.

Wichtiger scheint der Hinweis auf einen fundamentalen Unterschied, der gern eingeebnet wird: Die Entscheidung gegen Lützerath darf man ablehnen und auf angemeldeten Demonstrationen im Rahmen von Recht und Gesetz geißeln. Ein Recht auf gewaltsamen Widerstand gegen den Vollzug rechtsstaatlicher Entscheidungen gibt es dagegen nur in der schmutzigen Fantasie aktiver Demokratieverächter.

Lebenskunst? Over

Bürgerhaus Bensheim von aussen.
Bürgerhaus Bensheim von aussen. (© )

Bin mir nicht sicher, ob man Daniele Ganser so nennen darf. Offiziell ist der Mann Historiker. Inoffiziell aber verdingt er sich als Prediger des Antiamerikanismus‘ mit solider verschwörungsgläubiger Grundierung. Dass die Amerikaner das World Trade Center selbst gesprengt haben und nun einen Krieg gegen Russland angezettelt haben, gehört zum Repertoire des Mannes – der von einem Pfarrer nach Bensheim eingeladen wurde.

„Achtsam leben in einer unfriedlichen Welt“ lautet der betont harmlose, offenkundig auf den Rahmentitel „Lebenskunst“ getrimmte Name von Gansers Vortrag. Dass der Referent gelegentlich den Corona-Impfstatus in die Nähe einer Selektion gerückt hat, muss ja nichts zu bedeuten haben. Zumal der Pfarrer und Organisator der „Lebenskunst“ selbst die Begriffe Maskenpflicht und Körperverletzung verquer zusammengebracht hat.

Nennen wir das Kind beim Namen: In Bensheim wird auf großer Bühne geschwurbelt (viermal volles Haus wären annähernd 2000 Besucher), die Sponsoren trollen sich, und die Stadt steht als begossener Pudel da. Das Bürgerhaus gehöre einer städtischen Tochter, hieß es auf Anfrage aus dem Rathaus, da sei leider gar nichts zu machen. „Läppisch“ nennt das Johannes Breckner sehr zu Recht. 

ZU GUTER LETZT

Corona? Over

Das hat „Welt“-Journalist Olaf Gersemann sogar wörtlich geschrieben. Von ihm, ich gebe es zu, stammt der Isch-over-Leitfaden. Jahrelang hat er sich durch die Zahlen gewühlt, sie verständlich aufbereitet und dabei nicht mit kritischen Kommentaren gespart. Das hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nicht davon abgehalten, Gersemanns „einfach gute Arbeit“ zu würdigen.

Und dabei die Chance zu nutzen, Gersemanns Chefredakteur Ulf Poschardt gleich noch einen mitzugeben. Der reagiert wie erwartet, sein Redakteur springt ihm bei, und… jetzt wird es zu kompliziert für einen Dienstag.

Exklusiv aus der Redaktion „Hessen am Mittag”

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