Straßenumbenennung: Kranichstein regt sich auf

Die Grundstraße in Kranichstein soll künftig nach Kinderbuchautorin Mirjam Pressler heißen.

Förder- und Gewerbeverein fühlen sich von den Plänen, die Grundstraße künftig Mirjam-Pressler-Straße zu nennen, überrumpelt. Was ihre Bedenken und Forderungen sind.

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Darmstadt. Unmut in Kranichstein: Obwohl der politische Prozess kurz vor dem Abschluss steht, geht die Debatte um die Umbenennung von Straßen weiter. Wie berichtet soll die Hindenburgstraße künftig nach Fritz Bauer heißen – und die Kranichsteiner Grundstraße statt nach dem Darmstädter Nachkriegsbaustadtrat und vorigen Reichssausstellungsdirektor Peter Grund nach der Darmstädter Kinderbuchautorin und Übersetzerin Mirjam Pressler. Am 13. Dezember sollen die Stadtverordneten darüber abstimmen. Jetzt fordern der Förderverein Kranichstein und der Gewerbeverein des Stadtteils die Aussetzung der Beschlussfassung.

„Sehr große Verärgerung und völliges Unverständnis“ vermeldet der Vorsitzende des Fördervereins Heribert Varelmann. „Nicht die Umbenennung selbst, aber die Art und Weise, wie hier ein aus Sicht zahlreicher Kranichsteiner Stadtteilakteure komplett unpassender und mit dem Stadtteil Kranichstein in keinerlei Verbindung stehender Name dem Stadtteil aufgezwungen und ohne jegliche Rücksprache und Bürgerbeteiligung von oben herab verordnet werden soll“, löse Frust und Enttäuschung aus. Bei der Beteiligungsrunde im vergangenen Jahr war der Vorschlag „Ernst-May-Straße“ anstelle der Grundstraße mit großer Mehrheit der Abstimmenden befürwortet worden. Der Stadtplaner hat mit Neu-Kranichstein „ein Architekturdenkmal der Nachkriegsgeschichte entworfen”, sagt Varelmann. Zudem heißen die Straßen in der Gegend überwiegend nach Stadtplanern, Architekten und Baumeistern.

„Das ist eine emotionale Angelegenheit”, erläutert der Stadtteilaktivist. „Die Kranichsteiner haben seit Jahrzehnten das ständige Gefühl, abgehängt zu sein und nicht gemocht, gewollt und ernst genommen zu werden.” Aus Kranichsteiner Sicht sei das ganz schlecht gelaufen, „es herrscht das Gefühl vor, so geht die Stadt mit uns um”.

Ähnlich äußert sich Santi Umberti vom Gewerbeverein. „Es muss ein Bezugspunkt zum Stadtteil hergestellt werden, der hat eine eigene Identität”, sagt der Vorsitzende. „Seit der Sozialen Stadt ist Bürgerbeteiligung hier gelebte Realität, es gab aber keinerlei Informationen in der Stadtteilrunde”.

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Mit einem Brandbrief hoffen die beiden Kranichsteiner Institutionen, die Stadtverordneten an der Abstimmung zu hindern. „Wir wünschen uns, dass man mit uns redet und auch begründet, dass es dieser neue Name sein muss”, ergänzt Varelmann. „Politik besteht nicht nur aus juristisch korrekten Verfahren. Das wirkt arrogant, von oben herab, von fern.” Beide Vereine kündigen eine enge Zusammenarbeit in gesellschaftlichen Fragen an.

Die SPD hatte Anfang November, am Tag vor dem Magistratsbeschluss zur Umbenennung, eine Pressemitteilung mit einer Liste von eigenen Vorschlägen veröffentlicht. Obwohl die Sozialdemokraten, wie Oberbürgermeister Jochen Partsch damals betonte, im paritätisch besetzten Straßennamenbeirat der Stadt vertreten war. Im Haupt- und Finanzausschuss am 1. Dezember, wo die Umbenennungsvorlage auf der Tagesordnung stand, gab es eine weitere von der SPD und der Linkspartei angestoßene Debatte, dass an der künftigen Fritz-Bauer-Straße eine Tafel an Hindenburg und die Hindenburgstraße erinnern solle. Erinnerung an den Getilgten: Das fanden Redner der grün-schwarz-lila Koalition absurd.

In der von den Kranichsteinern zur Aussetzung geforderten Magistratsvorlage heißt es auch, der Beirat habe sich bewusst gegen Umwidmungen wie Kuhnweg nach Paul Kuhn oder Grundstraße nach „Grund und Boden” entschieden, „weil nur durch eine Umbenennung die gewünschte Zäsur im öffentlichen Bewusstsein deutlich wird”. Von „größtmöglicher Transparenz und Bürgerbeteiligung” im Umbenennungsprozess spricht der OB. „Die schlussendliche Benennung jeder Straße wurde dem Magistrat vom Beirat für Straßenbenennung empfohlen”, einem Gremium, dem neben politischen Akteurinnen und Akteuren auch Expertinnen und Experten aus der Verwaltung und der Zivilgesellschaft angehören, sagt er auf Anfrage. Der Beirat habe Mirjam Pressler vorgeschlagen, „was der Magistrat mit seiner Entscheidung bestätigt hat und ausdrücklich unterstützt”.

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Die Debatte um die Hindenburgstraße währt schon Jahrzehnte, eine rührige Initiative forderte in den vergangenen Jahren immer wieder, sie in Halit-Yozgat-Straße umzubenennen, nach dem letzten Opfer der rechtsextremistischen NSU-Mörder. Vor gut dreieinhalb Jahren entschied dann der Fachbeirat Straßennamen auf Grundlage eines historischen Gutachtens die Umbenennung von insgesamt acht Darmstädter Straße, die nach nationalsozialistisch aktiven Männern hießen.