Indie-Band „Kapelle Petra“ spielt im Mainzer Landesmuseum

„Kapelle Petra“ mit Ex-Bassist Timo „Gazelle“ Sprenger als lebende „Sitz-Skulptur“ im Camping-Stuhl. Foto: hbz/Kristina Schäfer

Eins muss man der Band, die an „Sportfreunde Stiller“ erinnert, lassen: Sie kreiert eingängige Slogans und Refrains für aufmüpfige Songs über Gott und die Welt.

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MAINZ. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: „An irgendeinem Tag wird die Welt untergeh’n, doch an allen andern Tagen halt nicht“. Der Titelsong von Sebastian Pufpaffs ZDF-Corona-Kabarettsendung wurde nicht nur vor Corona geschrieben, er stammt auch von der seit 25 Jahren durch Clubs tingelnden Indie-Band „Kapelle Petra“ aus Hamm.

Eigentlich also gute Voraussetzungen für ein Konzert der Reihe „Fenster zum Hof“ im Landesmuseum, wären da nicht die Wetterprognosen und diverse Gratiskonzerte... So finden sich rund 80 Fans der Band ein, die Stimmung machen und Songs textsicher mitsingen. Denn eines muss man der Band, die an „Sportfreunde Stiller“ erinnert, lassen: Sie findet eingängige Slogans und Refrains für ihre Songs über Gott und die Welt.

Der Opener „Geht mehr auf Konzerte“ ist ein Appell an die Jugend aus den Anfängen des Trios samt lebendiger „Bühnenskulptur“. Die feinere Art, mit ehemaligen Musikern umzugehen, kulminiert bei „Kapelle Petra“ nämlich darin, den ehemaligen Bassisten Timo „Gazelle“ Sprenger als grinsenden Sitzsack vors verdutzte Publikum zu setzen. Der lümmelt sich denn auch träge in seinen Campingstuhl, wenn er nicht gerade dem Bassisten „Der tägliche Siepe“ ein Glockenspiel reicht oder das Publikum als Winkekatze zum Armeschwenken motiviert.

Den härtesten Job macht Trommler Markus „Ficken“ Schmidt, der mit kraftvollem Spiel den Songs Rückhalt gibt. Guido „Opa“ Scholz ist nicht nur ein herausragender Sänger. Als Rhythmusgitarrist ohne Gegniedel und eine Note zu viel feuert er Akkorde im Spitzentempo ab.

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In Corona-Zeiten ist man nirgendwo sicher, weder „Auf der einsamen Insel“ noch unter der „Jugend heutzutage“. Minirock und Babypille, Stromgitarre und Haschischspritze hätte es früher nie gegeben und führen zum Untergang des Abendlandes singen sie, als hätte es anno 1968 nicht gegeben. Die meisten Lieder stammen übrigens von den aktuellen EPs „Frühling“ und „Sommer“ und der LP „Nackt“. Dass sie mit Vivaldi und dem „Weltkulturerbe“ nichts am Hut haben, zeigt schon ihr respektloser, gleichnamiger Song, in dem die Freundin mit Dosenbier und Champagner euphorisch gefeiert wird. Überhaupt ist so gut wie jedes Lied eine Hymne auf die Liebe und das Leben mit erheblichem Pathosanteil. Klangtechnisch sind die Uptempo-Songs aus einem Guss und werden gelegentlich mit Orchesterklängen oder Pianosamples aufgewertet, wenn nicht gerade Bassist Siepe gleichzeitig Melodika spielt.

„Bundesjugendspiel-Teilnahmebescheinigungen“ und „Schützenvereine“ bekommen ebenso ihr Fett weg wie Kindernamen („Curly Sue“) oder die überhitzte „Dachgeschosswohnung“. (Über)Lebenslieder wie „An irgendeinem Tag“, „Reißt die Fenster auf“ und „Also stoßen wir an“ lassen, mit vielen LaLaLas angereichert, das Publikum freudig mitsingen.

Der Zugabenteil beginnt mit „Seitdem ich Johnny Cash bin“ und einem Intro aus „Ring of Fire“. Nun wird es höchste Zeit für Bühnenskulptur „Gazelle“ aufzustehen und die Sau rauszulassen: Mit Erobique-Tänzen macht er sich fit für die „Olympiade“ und reißt sich am Ende die Kleider vom Leib. Ausrasten geht kaum besser.

Das Vorprogramm bestritt die Mainzer R&B-Beat-Metal Band „Killed by Death“. Obwohl Benny Geyer am Schlagzeug und Alex Hassinger an der Gitarre als Duo auftreten, repräsentieren sie den Sound des britischen Rhythm‘n‘Blues bis hin zum Dampframmenrock von Black Sabbath. Postapokalyptische Endzeittexte treffen hier auf poetische Liebeslyrik, manchmal im gleichen Song! Knochentrockener Bluesrock und White Stripes Riffs kommen hinzu, ohne dass man den Bassisten vermisst. Der wird nämlich durch ein Effektgerät eine Oktave tiefer gelegt. Und für den fetten Sound bedient Schlagzeuger Benny nebenbei ein Korg-Keyboard.

Von Fred Balz