Gäste aus Wien bei der Maifestspiel-Spezialausgabe

„Musik war Hoffnung“ heißt der Abend, der den Opfern des KZ Theresienstadt eine Stimme gibt: Für das Merlin-Ensemble gab es in Wiesbaden großen Beifall eines kleinen Publikums.

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WIESBADEN. Nach dem kräftigen Schlussbeifall wurde die Sache doch länger als geplant. Hermann Beil wollte als Zugabe gerne ein Gedicht wiederholen und verirrte sich bei der Suche nach der letzten Strophe in den Blättern seines Manuskripts, das Merlin-Ensemble spielte zur Überbrückung ein Stück aus dem längst beendeten Programm, dann noch eines und ein weiteres, dann las Beil ein anderes Gedicht, suchte weiter, die Musiker spielten noch einmal, und irgendwann wurde das Gedicht über den Koffer aus Frankfurt am Main dann von der Seite hereingereicht, was mit einem weiteren Musikstück belohnt wurde.

Das Publikum nahm es im Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters gelassen zur Kenntnis. Dem Wiener Trio um den Geiger Martin Walch mag man ja auch gerne zuhören, zumal sich die Abstimmung des Klangs und die Fülle des Geigentons in der ersten Viertelstunde merklich gesteigert hatten. Und das schließlich wiedergefundene Gedicht „Ein Koffer spricht“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis aus dem Konzentrationslager von Theresienstadt. Ilse Weber hat es geschrieben, die mit ihren Texten der Not und Verzweiflung die Stirn geboten hat, die in Theresienstadt kranke Kinder versorgte und in Auschwitz mit ihrem Sohn ins Gas ging. Menschen werden ermordet, die Dinge aber bleiben, und sie erzählen treu von ihren früheren Besitzern. So wie der Koffer aus Frankfurt am Main, und Beil hat die Gabe, solche Texte einfühlend und anrührend, aber ohne unangebrachte dramatische Zuspitzung zu lesen. „Musik war Hoffnung“ heißt der Abend mit Kompositionen und Dichtung aus Theresienstadt, mit dem das Merlin-Ensemble in Trio-Besetzung (neben Walch der Pianist Till Alexander Körber und Luis Zorita am Cello) beim Maifestspiel-Spezialprogramm Premiere feierte.

Viele Arrangements neu geschrieben

Etliche der Stücke waren so noch nie erklungen. Körber hat nicht nur viele Arrangements neu geschrieben, sondern auch den verschollenen Klavierpart einer Violinsonate von Viktor Ullmann komponiert. So könnte das schöne Werk geklungen haben mit seiner kleinteilig verzweigten Melodik, den Klanglinien, die den Bogen musikantisch von der Saite abfedern lassen, dem dichten Klaviersatz, der tragfähige Grundlage und charakterstarker Widerpart zugleich ist und trotz seiner modernen Entstehung authentisch wirkt.

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Es sind sehr unterschiedliche musikalische Charaktere, die das Programm zusammenbringt, das expressive Adagio aus einer Cellosuite des Chemikers und Reger-Schülers Otto Manasse, die präzisen Miniaturen der „kleinen Reigen“ von Erwin Schulhoff, die mitreißenden Bühnenmusiken aus der Kinderoper „Brundibár“ des damaligen Erfolgskomponisten Hans Krása. In einem Suitensatz von Pavel Haas setzt das Trio die Stimmungswechsel raffiniert in Szene, ein brillantes Stück für die betont unakademische Musizierweise der Gäste aus Wien.

Die musikalische Folge ist eng verflochten mit den Texten Hermann Beils, der unter anderem an den Komponisten Gideon Klein erinnert, von dem Walch und Zorit ein fragmentarisch überliefertes Streicherduo spielen. Die Deutschen waren gerade in Prag einmarschiert, da vertonte der junge Mann das Hölderlin-Gedicht „Hälfte des Lebens“. 1945 verpasste er im Auschwitz-Außenlager Fürstengrube knapp die Rettung.

Musik war Hoffnung: Besonders erschütternd an dieser musikalisch-literarischen Dokumentation ist, wie lange die Hoffnung hielt, wider alles bessere Wissen, wider alle Not und Demütigung. Dabei zeigen schon die Aufzeichnungen Milena Jesenskás vom Einmarsch der Deutschen in Prag, dass das kommende Unheil nicht zu übersehen war. „Aber Fräulein, wir können doch gar nichts dafür“, sagte damals ein deutscher Soldat zu einem tschechischen Mädchen. Große Ereignisse kommen leise: „Noch nie“, notierte Jesenská, „habe ich so viele Menschen schweigen hören.“