„In meiner Seele waren nur Scherben”

Dieter "Maschine" Birr Ex-Puhdys

Der ehemalige Puhdys-Sänger Dieter Birr ist nach dem Ende der Band auf Solopfaden unterwegs. Er singt über querdenkende Fanatiker, Ideale und die erste Liebe. Was treibt ihn an?

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Dieter Birr, auf dem neuen Album singen Sie „Verschwörungstheoretiker, querdenkende Fanatiker – meine Welt braucht keinen Zorn, streiten, aber nicht hassen.“ Hat die Pandemie die Gesellschaft gespalten?

Klar, in der Pandemie waren die Meinungen gespalten. Einige haben sogar behauptet, dass es diese Krankheit gar nicht gibt. Nicht nur in meinem Umfeld sind ganze Familien zerbrochen und Freundschaften auseinandergegangen. Und natürlich wurde die Gesellschaft geschädigt. Viele Erkrankte sind gestorben. Krankenhäuser konnten nicht arbeiten.

Wie autobiografisch sind die Texte ausgefallen?

Drei Lieder - „Mein Freund aus alten Zeiten“, „Meine erste Liebe“ und „Legende aus Budapest“ - sind sehr persönlich.

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Wer ist der Freund?

Mit Klaus habe ich einen prägenden Teil meiner Jugend verbracht. Nachdem er vor dem Mauerbau mit seinen Eltern in den Westen übergesiedelt ist, haben wir uns mal in Westberlin getroffen. Da habe ich erstmals eine Currywurst gegessen. Dann kam der 13. August 1961. Ich hatte nicht mit einer dauerhaften Grenzschließung gerechnet. Das war alles so unwirklich. Wir haben uns nie wiedergesehen. Ende der 1970er Jahre hat mir seine Mutter von seinem Tod berichtet hat

Dann kamen wieder bessere Tage

Haben Sie zur ersten Liebe noch Kontakt?

Ja. Sie war damals 18 und ich 16. Das war das erste Mal, dass ich so etwas wie Liebe gespürt habe. Dann hat sie allerdings Schluss gemacht, da ich noch so jung war. Dann denkste, das wird nie wieder so sein. Deswegen singe ich ja auch „in meiner Seele waren nur Scherben“. Es schien alles hoffnungslos. Aber dann kamen wieder bessere Tage. Wir haben bis heute noch locker Kontakt.

Und die Legende aus Budapest?

Mit Mecky, also dem 2021 gestorbenen Sänger der ungarischen Band Omega, Janos Kóbor, war ich befreundet. Omega, die in Ungarn Nationalheilige sind, hatten bei einem Jubiläumskonzert aus verschiedenen Ländern Gastmusiker eingeladen. Für Deutschland war ich dabei. Im Gegenzug hat Mecky später bei einem meiner Alben mitgesungen. Wir hatten eine enge Verbindung. Eine Art Fernbeziehungsfreundschaft.

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Dieter "Maschine" Birr Albumcover "Große Herzen" 2023
Dieter „Maschine” Birr hat das Album „Große Herzen” veröffentlicht. (© )

Ist „Wenn ich noch einmal leben könnte“ eine Art Abschiedssong?

Nein, aber im gewissen Alter denkt man schon mal nach, ob man alles wieder so machen würde. Die Zeit mit den Puhdys war gigantisch. Das war die schönste Zeit in meinen Leben. Aber ein Abschied bedeutet das neue Album nicht. Ich habe noch viel vor.

In dem Song heißt es: „Ich hätt die gleichen Träume und Ideale, die gleichen Illusionen“ – welche Träume waren das?

Als ich den Rock’n’Roller Bill Haley zum ersten Mal im Radio gehört habe, hat mich das umgehauen. Später gab es Chuck Berry oder Little Richard. Ich habe dann angefangen, Gitarre zu spielen, ohne Lehrer. Die Songs aus dem Radio wurden nach Gehör nachgespielt. Mein Traum war, dass ich als Musiker mal so berühmt werde wie Peter Kraus. Zunächst habe ich aber eine Lehre als Universalschleifer gemacht. Die Musik ließ mich allerdings nicht los. 

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Was waren damals die Ideale?

Gewaltfreiheit und Frieden waren und sind die Ideale. Friedlich und ohne Vorurteile zusammenleben. So habe ich auch meine Kinder erzogen. Wie John Lennon in seinem Song „Imagine“ gesungen hat, stell dir vor, alle Menschen leben ihr Leben in Frieden. Stell dir vor, es gäbe nichts, wofür jemand töten oder sterben muss.

Das ist mit dem Ukraine-Krieg wieder aktuell ...

Keiner will den Ukraine-Krieg. Es ist unvorstellbar, dass man Menschen tötet und Menschen in die Flucht treibt. Wenn ich die Bilder von Leichen sehe, bin ich unendlich traurig. Früher hieß es bei uns, die Russen sind unsere Freunde. Von dort werde nie wieder ein Krieg ausbrechen. Es gibt kein Ziel, das einen Krieg rechtfertigt. Der Krieg hat auf dem Album noch keine entscheidende Rolle gespielt, da die Lieder vorher entstanden sind. Nur in dem Song „Dafür oder dagegen“ habe ich noch einige Zeilen hinzugefügt.

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Sie singen auf Deutsch. Warum sind die Puhdys damals zu deutschen Texten gewechselt?

Da wir nie Englisch gelernt hatten, haben wir anfangs Texte phonetisch abgehört. Ich habe damals alle Radiosendungen von AFN aufgenommen. Rock’n’Roll und später Beatmusik waren unsere Vorbilder. Rockmusik auf Deutsch konnten wir uns nicht vorstellen. Dann hatten wir das Angebot eines Auftritts im DDR-Fernsehen, bei dem wir aber deutsch singen sollten. Wir haben dann den Dramaturgen am Berliner Friedrichstadtpalast, Wolfgang Tilgner, als Texter angefragt. Das war der Beginn. Deutsch klingt etwas sperrig, aber es geht. Später haben dann auch Kurt Demmler und Ulrich Plenzdorf Texte für die Puhdys geschrieben. Aus dieser Zeit stammt beispielsweise „Wenn ein Mensch lebt“ zu dem Film „Die Legende von Paul und Paula“.

Wie weit konnten Sie beim Texten gehen?

Das war alles verschlüsselt und philosophisch. Man hat viel mit Metaphern gearbeitet. In einem Song hieß es beispielsweise „Steige Ikarus. Fliege uns voraus.“ Die DDR-Bürger wollten raus und ganz einfach die Welt sehen, aber nicht unbedingt abhauen. Du konntest damals nicht einfach über bestimmte Zustände oder die Regierung singen. Auch zur Umwelt konnte man nichts Kritisches sagen. Da hatte man schon die Schere im Kopf. Die verschlüsselten Texte haben die Leute aber trotzdem verstanden.

Wie haben Sie in den 1970er Jahren die geteilte Ost-Westdeutsche Musikszene erlebt?

Es war turbulent. Als wir 1976 das erste Mal in der Fabrik in Hamburg gespielt haben, kam Udo Lindenberg an, der sich stark für die Puhdys interessiert hatte, und hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Wir haben öfter mit westdeutschen Bands gespielt.

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Dieter „Maschine” Birr hat den „Echo” für sein Lebenswerk bekommen. (© Dana Barthel)

Wie lief das ab? 

Bevor man im Westen spielen konnte, musste man erst mal ein Angebot von Veranstaltern dort haben und konnte dann einen Antrag stellen. Die DDR war an Devisen interessiert. Wir haben vor der Wende ja etwa 20 Millionen Alben verkauft. Der Plattenmanager Peter Schimmelpfennig hat einen Veranstalter organisiert, der mit uns mehrere Touren gemacht hat. Das wurde alles bei den DDR-Behörden beantragt, freigegeben, wir haben Pässe bekommen, konnten rüberfahren und mussten danach die Pässe wieder abgeben.

Welchen Unterschied gab es zwischen West- und Ostpublikum?

Eigentlich gab es kaum Unterschiede. Im Osten musste das Publikum allerdings zunächst auf Stühlen ein Konzert verfolgen. Im Westen durfte das Publikum schon stehen. Da war natürlich eine super Atmosphäre und mehr Stimmung.

Die Puhdys spielten damals Konzerte im Westen unter anderen 1977 auch auf dem OPEN OHR Festival in Mainz. Welche Erinnerungen haben sie an die Westkonzerte?

Eigentlich war es immer gut auf Festivals. Ich kann mich noch an den Liedermacher Hannes Wader erinnern. Dessen Songs waren sehr berührend.

Zigaretten in der Viererpackung gekauft

Viele ostdeutsche Künstler sind von Ost nach West gewechselt – war das für Sie damals eine Option?

Für uns war immer klar, dass wir in den Osten zurückwollen. Wir hatten unsere Familien hier. Uns ging es nicht schlecht. Ich kannte den Westen aus der Zeit vor dem Mauerbau, da ich in Späthsfelde an der Grenze gewohnt habe. Bis zur Sonnenallee konnte man mit dem Rad fahren. Wir sind häufig rübergefahren nach Westberlin und haben Zigaretten in der Viererpackung gekauft. Mit Filter, die gab es im Osten nicht. Das waren die ersten Rauchversuche. Und wir sind oft ins Kino gegangen. Das war für mich nie eine Option in den Westen zu ziehen. Obwohl wir gerne rübergefahren sind, Klamotten und Musikinstrumente kaufen und Konzerte besuchen.

Wie war das möglich?

Wir konnten als Musikkapelle quasi zu Studienzwecken auf Antrag Konzerte im Westen besuchen. Da haben wir vor allem in Berlin Bands wie Jethro Tull, Deep Purple, Status Quo, Queen oder Pink Floyd gesehen. Ich erinnere mich noch 1980 an das letzte Konzert von Led Zeppelin in der Berliner Eissporthalle, bevor der Schlagzeuger John Bonham gestorben ist. Da durften wir auch zum Soundcheck rein. Das war für uns gigantisch. Die waren so weit entfernt, wie von einem anderen Stern. Auch die Stones haben wir gesehen, da konnten wir aber keinen Antrag stellen, da sie in der DDR verpönt waren. Deshalb haben wir unseren Westmanager angebettelt, dass er einen Auftritt in Hannover aufreißt und wir dann am nächsten Tag zu den Stones ins Stadion gehen können. 

Was sind die Pläne für die Zukunft? Werden Sie das Album live auf die Bühne bringen?

Mit dem Silly-Gitarristen Uwe Hassbecker bilde ich ein Duo, das heißt „Maschine intim“. Da spielen wir auch neue Songs. Die meisten Termine sind im Osten, ich hoffe aber, dass auch im Westen noch Termine dazukommen.