„Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicki Baum

Aufmerksame Beobachterin menschlicher Abgründe: Vicki Baum, aufgenommen 1937 als Zuschauerin eines Mordprozesses. Foto: inp/dpa

Sechzig Jahre nach dem Tod von Vicki Baum wird ihr wunderbarer Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ neu entdeckt – ein Glücksfall für Liebhaber der gehobenen Belletristik.

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. „Menschen im Hotel“ ist ihr wohl bekanntestes Werk, „Vor Rehen wird gewarnt“ eines ihrer schönsten. Nun wurde der lange in Vergessenheit geratene Roman der in Wien geborenen Autorin Vicki Baum (1888–1960) wieder aufgelegt – ein Glücksfall für Liebhaber der gehobenen Belletristik, die ebenso psychologisch ausgefeilte wie auch bitter-humorige Menschenzeichnungen zu schätzen wissen. Baum schrieb die „Rehe“ 1951. In diesem Jahr, am 29. August, jährt sich der Todestag der Schriftstellerin und Musikerin zum 60. Mal.

Gleich zu Beginn des teils in Wien, hauptsächlich aber in San Francisco spielenden Romans wird klar gestellt, dass das Reh für die liebreizende, zarte Ann Ambros steht. Sie ist eine Frau, die überaus zerbrechlich und hilfsbedürftig wirkt, tatsächlich aber stahlhart und manipulativ ist. Überall, wo sie aktiv eingreift, hinterlässt sie verbrannte Erde. Im Gegensatz zum Leser und zu einigen Menschen in Anns Umfeld durchschauen nur wenige sofort den wahren egozentrischen Charakter der Frau, deren Maxime lautet: „Ich kriege immer, was ich will.“

Selbst ihre Stieftochter Joy liebt zunächst die Frau, die ihr die Mutter und den Vater nimmt – bis sie die Fassade der schönen Ann zwar durchschaut, sich ihr aber weiterhin verpflichtet fühlt. Der Leser erfährt schon nach wenigen Seiten, dass Joy nach einem Handgemenge ihre inzwischen um einiges gealterte Stiefmutter von einer Zugplattform stößt. Auch wenn diese Ausgangsposition mehr oder weniger auf das Ende weist, bleibt die Geschichte ungemein spannend und unterhaltsam, vor allem, wenn Baum ihrer scharfzüngigen Ironie freien Lauf lässt.

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So also wird der Werdegang der Familie in Rückblenden skizziert. Ann und ihre Schwester Maud sind Sprösslinge eines wohlhabenden Unternehmers in San Francisco. Hier lernen sie den jungen, begabten und attraktiven Wiener Violinisten Florian Ambros kennen, in den sich Ann schon als 15-Jährige verliebt. Ambros aber heiratet die stille, unscheinbare Maud, ist glücklich mit ihr und der gemeinsamen Tochter Joy. Ann hingegen angelt sich aus Frust und Geldgier einen steinreichen Briten, den sie verabscheut. Klar, dass ihr das Glück der Schwester ein Dorn im Auge ist. Geschickt arbeitet sie an dessen Zerstörung, unter Einsatz ihrer erfolgreichsten Mittel: Intrige und Manipulation. Um dann Mann, Kind und Haus an sich zu reißen.

Neben der umwerfenden Charakterisierung Anns lernt der Leser den zwischen zwei Frauen hin und her gerissenen, schwachen Geigenvirtuosen Florian Ambros sowie dessen eigenwillige Tochter Joy näher kennen. Und selbst das Wesen jeder Nebenfigur ist überzeugend gezeichnet. Ja, Vicki Baum versteht etwas davon, Menschen auf den Grund ihres Herzens zu sehen. Vor allem aber versteht sie es, diese Erkenntnisse in unwiderstehlicher Weise zu Papier zu bringen.

Dieses tiefe Verstehen liegt auch im Leben der Frau begründet, deren Werke 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, und die als Jüdin in die USA emigrierte. Nach Deutschland sollte sie nie wieder kommen, und auch ihre Bücher schrieb sie nie wieder in deutscher Sprache. Nach 1945 entdeckte der Literaturmarkt die begnadete Erzählerin hierzulande wieder neu, was wohl nicht zuletzt auch der oscarprämierten Verfilmung von „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo zu verdanken war. Es sollte nicht der einzige Film nach einem Werk von ihr sein. Und auch mehrere Bühnenadaptionen gab es.

Schön, dass jetzt der für lange Zeit in der Versenkung verschwundene Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ wieder vorliegt. Er macht klar, weshalb das Kompliment von Klaus und Erika Mann so zutreffend ist, die einmal schrieben: „Vicki Baum weiß so viel von der Welt, sie kennt so gut die Menschen, sie begreift so genau und warmherzig ihre Schicksale und die Beziehungen, die sie miteinander verknüpfen.“

Von Frauke Kaberka