Vom Comic zur deutsch-französischen Freundschaft

Asterix und Völkerverständigung? Abwegig ist das nicht, schließlich sind die Hefte längst ein weltweites Phänomen, wie dieses bei einem internationalen Asterix-Fantreffen aufgenomme Foto zeigt. Vor 60 Jahren erschien die deutsch-französische Begegnung „Asterix und die Goten“ (unten links in der portugiesischen Version zu sehen) allerdings in besonderem Kontext – nur 16 Jahre nach Kriegsende. Archivfoto: dpa

Die Deutschen alias Goten als kriegslüsterne Nachbarn – vor 60 Jahren wurde „Asterix und die Goten“ in Frankreich veröffentlicht. Welches Bild der Deutschen zeichnen die Autoren?

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PARIS/STUTTGART. Auch die Comic-Welt ist bisweilen kompliziert. Obelix fehlt der Durchblick. Asterix klärt auf: „Die Westgoten leben im Westen, die Ostgoten im Osten! Die Westgoten sind aber von uns aus gesehen im Osten!“ Wie soll ein einfacher Gallier das auch verstehen? Aus heutiger Sicht ist dieses Abenteuer der beiden kultigen Helden ein ebenso kurioses wie lehrreiches Spiegelbild des Zeitgeistes der beginnenden 1960er Jahre. Der Band „Asterix und die Goten“ ist eine unterschwellige Bestandsaufnahme des französischen Blicks auf die Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In einem satirischen bis polemischen Ton wird die große Nachbarnation hier auf die Schippe genommen. Ab dem 18. Mai 1961 wurde die Geschichte in den Ausgaben 82 bis 122 des Magazins „Pilote“ vorveröffentlicht.

Autoritätsgläubige Deutsche alias Goten mit Pickelhauben

Die Besonderheit des Albums liegt in der spezifischen Darstellung der Goten, die inhaltlich und visuell innerhalb der Reihe einmalig erscheint. Warum eigentlich überhaupt Goten? Die Ahnherren der Deutschen waren doch die Germanen. Es erschien den Machern René Goscinny und Albert Uderzo wohl passender, auf diesen Stamm zu rekurrieren, da sich so auf vielfältige Weise Anspielungen und Klischees vertiefen ließen. Das betrifft natürlich die Seitenhiebe auf die West-Ost-Thematik im Kalten Krieg, aber auch das deutlich negativere Bild der Goten, die – wie die Vandalen – als ein besonders kriegerisches und grausames Volk gelten. Im Comic wird das überdeutlich, wenn selbst die unzivilisierten Gallier die Goten als Barbaren betrachten.

Aber der Gotenbegriff wird von den Autoren auch kulturgeschichtlich ausgeschlachtet. So entspringt die Bezeichnung „Gotik“ für die Architektur der Kathedralen einer Abwertung durch die Renaissance, die die Zierformen als fremdartige Verunstaltung der klaren Romanik der Antike empfand. Zudem wird die unverständliche Sprache der Goten in Frakturschrift ausgedrückt, die dem Spätmittelalter entstammt und in anderen Ländern auch synonym als „gothic“ bezeichnet wird. Das erscheint als klarer Verweis auf die Deutschen, da die Fraktur bis 1941 die vorherrschende Schriftart in den Druckmedien war. Dadurch wird die Analogie zwischen den Goten und den Deutschen erkennbar. Die Goten waren Eroberer und Besatzer in der Spätantike, die Deutschen verwickelten die Franzosen zwischen 1870 und 1945 in drei verheerende militärische Konflikte.

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Die Goten im Comic tragen preußische Helme, haben geschorene Köpfe und gebrauchen Hakenkreuze als Schimpfwörter. Ferner sind sie streitsüchtig, autoritätsgläubig, pedantisch, rechthaberisch, lieben das exerzieren und marschieren auch gern in andere Länder ein. Das wird besonders im Kontrast zu den Galliern deutlich, die lediglich der römischen Besatzungsmacht Widerstand leisten. Das Ziel der Goten hingegen ist, mithilfe des Zaubertranks eine große Invasion zu starten. Somit schließen die Gallier mit ihnen auch nie Freundschaft. Am Ende machen sich Asterix und Co. deren Führerkult – ein jeder will gerne Chef sein – zunutze und hetzen die Goten gegeneinander auf. So kommen sie nicht auf die Idee, ihre Nachbarn anzugreifen. Das erscheint als Seitenhieb auf die Kleinstaaterei, aber es ist in gewisser Hinsicht auch ein Plädoyer Goscinnys für die deutsche Teilung.

Diese spitzen Implikationen sind verständlich, waren doch gerade erst 16 Jahre seit Kriegsende vergangen. In den 1950er Jahren hatte es zwar bereits eine politische und wirtschaftliche Annäherung gegeben, aber erst durch den Élysée-Vertrag 1963 wurden die Bande enger geknüpft – im gleichen Jahr erschien „Astérix et les goths“ auch als eigenständiges Comic-Album. Dennoch sind die Anspielungen durchaus auch spielerisch gemildert. So dient der Aspekt „Wer dringt nun gerade in welches Land ein?“ als Running Gag. Albert Uderzo merkte 1999 rückblickend an: „Die Karikatur der Goten und damit der Deutschen ist letztendlich ganz nett im Vergleich zu der, die wir damals gewohnt waren, da der Zweite Weltkrieg bei der Veröffentlichung dieses Albums noch nicht lange zurücklag.“

In den späteren Comic-Bänden erscheinen die Goten ohne einen derart expliziten Subtext und agieren – abgesehen von den üblichen ironisch zugespitzten Eigenarten – kaum anders als andere Stämme, die den Weg der Gallier kreuzen. Das Verhältnis hat sich normalisiert. Genauso wie das diffuse Unbehagen und vorsichtige Misstrauen im Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit nach und nach der nunmehr seit Jahrzehnten bestehenden deutsch-französischen Freundschaft wich. Als Ausdruck des Selbstverständnisses der Grande Nation war Asterix zwar stets ein selbstbewusster Kulturkämpfer im Dienste des französischen Nationalstolzes, aber vor allem auch ein populärer Brückenbauer und liebenswerter Botschafter zwischen beiden Ländern – bis heute.