„Palast der Miserablen“ von Abbas Khider

Abbas Khider liest am 1. Oktober im Literaturhaus Frankfurt, am 2. Oktober in der Stadtkirche Darmstadt. Archivfoto: hbz/Sämmer

Insel der Worte im Strudel der Gewalt: „Palast der Miserablen“ ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

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. Im Gefängnis-Krankenhaus sitzt Shams, ein junger Iraker, und erinnert sich. Die Rahmenhandlung im Roman „Palast der Miserablen“ hat sein Autor Abbas Khider selbst erlebt. Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, nach Flucht, Asyl und Studium in Deutschland seit 2007 deutscher Staatsbürger und auf Deutsch schreibender Autor, stellt seinen neuen Roman auf den Boden der eigenen Erfahrungen von Haft und innerer Rettung durch Literatur.

„Palast der Miserablen“ beruft sich auf „Les Misérables“ (Die Elenden) von Victor Hugo (wobei der Begriff im Deutschen eine doch andere Bedeutung hat) und ist im Roman ein geheimer Zirkel von Literaturbegeisterten in einer Privatwohnung in Bagdad. Kleine, kurzfristige Insel der Seligen im Strudel einer Geschichte von Gewalt, Not und Angst unter der Diktatur Saddam Husseins.

Hauptfigur Shams erinnert sich und erzählt von seiner schiitischen Familie, die aus dem aufgewühlten Süden des Landes in Bagdad Sicherheit sucht und sich dort in einem armseligen Blechviertel wiederfindet. Die Geschehnisse des iranischen Angriffs auf Irak, der Krieg gegen den Iran und schließlich der Irakkrieg fokussieren sich auf Shams Familie und können so anschaulich und konkret werden. Der Blick des Ich-Erzählers wirkt wie eine Lupe, unter der ein menschliches Schicksal im Irak der achtziger Jahre bis zum Ende des Golfkriegs 2003 als Exempel einer zwar armseligen, sich aber nicht aufgebenden Existenz geschildert wird. Der Junge wirkt sympathisch-naiv und berührt in seiner Zähigkeit, im harten Alltag nicht unterzugehen, indem er immer stärker in den Sog der Literatur gerät. Der Palast der Miserablen ist Zufluchtsort und Paradies. Shams wird seine Kollegen und Freunde vom Büchermarkt gleichwohl verraten.

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Es sind die Gefängnisszenen im Präsens, die in Rückblenden des Erzählers den Roman strukturieren und in ihrer schonungslosen Offenheit und Härte im Gedächtnis bleiben. Die Erinnerungen selbst halten einen nüchtern-trockenen Ton, auch langatmig mitunter mit seinen Aufzählungen, Weitschweifigkeiten und manchem Klischee von Heldentum und Schönheit.

Vielleicht aber liegen die Ereignisse des Golfkriegs auch schon zu weit zurück und bleiben zu eng mit des Autors eigener Biografie verknüpft, als dass aus „Palast der Miserablen“ genug Spannung und Druck ausgehen könnte, sich mit Shams Schicksal zu sehr beschäftigen zu wollen. „Gott ist größer als Saddam!“ ist ein veralteter Ruf, und „jeder kämpft nur noch ums Überleben“ ist ja nicht nur für eine Vergangenheit im Irak gültig. „Ich habe verbotene Bücher verkauft“, gesteht schließlich Shams unter der Folter. Die Replik seines Verhörers: „Morgen reden wir über den Palast der Miserablen“ ist eine Drohung. Der Roman „Palast der Miserablen“ eine Abrechnung mit der Vergangenheit in einer Autofiktion seines Autors Abbas Khider.