Ist Deutschland ein „Idiotenland“?

Querdenker, die an Verschwörungstheorien glauben, sind nur eines der Phänomene unserer Zeit, die in „Idiotenland“ beschrieben werden. Foto: dpa

Peter Grünlich zeigt in seinem neuen Buch auf, wie wir „vom Land der Dichter und Denker zum Land der nicht ganz dichten Querdenker“ wurden.

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. Sollte Corona doch noch für was gut sein? Peter Grünlich meint, ja, unbedingt: „Man kann gegen das Virus sagen, was man will: Als Deppendetektor ist es nicht zu übertreffen. Leute, die nicht mal geradeaus denken können, wollen plötzlich querdenken.“ Zu dieser Erkenntnis kam er, als er sich jene anschaute, die in Berlin ohne Mundschutz gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten und versuchten, den Reichstag zu stürmen. In seinem aktuellen Buch „Idiotenland“ geht der Bestsellerautor jetzt dem Phänomen nach und belegt anhand von 62 Listen wie wir „vom Land der Dichter und Denker zum Land der nicht ganz dichten Querdenker“ werden konnten.

Querdenker, die an Verschwörungstheorien glauben, sind nur eines der Phänomene unserer Zeit, die in „Idiotenland“ beschrieben werden. Foto: dpa
Peter GrünlichIdiotenland. Vom Land der Dichter und Denker zum Land der nicht ganz dichten Querdenker. Yes Publishing, 224 Seiten. 14,99 Euro.

Hört sich gut an. Vom knalligen Titel aber sollte sich keiner täuschen lassen. Handelt es sich doch nicht um eine kulturkritische Betrachtung, sondern nur um eine Auflistung von besonders dämlichen Zeiterscheinungen. Da ist von dem Vegan-Koch und Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann zu lesen, diesem „Gemüse-Hitler“, wie Grünlich ihn nennt, der allen Ernstes erklärt, Angela Merkel sei eine Satanistin, weil sie nicht unweit des Pergamonaltars wohnt, auf dem früher Menschenopfer gebracht wurden. In einem anderen Post behauptet Hildmann, wer sich gegen Corona impfen lasse, dem würden Nanopartikel in die Blutbahn injiziert, die mit 5G-Technologie zum Kochen gebracht werden. Wer kann sich so was ausdenken? Wie kann es sein, fragt Grünlich, „dass monatelang nur noch über die hirnlosen Beiträge in den Telegram-Gruppen von Xavier Naidoo und Michael Wendler berichtet“ wird?

Wissenschaftler der Universität Oslo haben 730 000 IQ-Tests überprüft und in den vergangenen Jahrzehnten ein Absinken der geistigen Leistung registriert. „Wir leben am Übergang zur Idiokratie“, formuliert Grünlich markig, statt die Studie genauer vorzustellen und auszuwerten, inwiefern Internet, soziale Netzwerke und Globalisierung für die kollektive Verblödung verantwortlich sind. In dem er nie analytisch wird, in Listen nur Phänomene kolportiert, macht er aber genau das, was er kritisiert. Sein Buch, das er als Hommage an jene verstanden wissen will, „die aus unserem Land ein Idiotenland gemacht haben“, bleibt oberflächlich, dringt nie zur Ursache vor. Grünlich gibt den Motzki. Er listet „Unworte des Jahres“ auf („Corona-Diktatur“, „Klimahysterie“), kuriose Rechtschreibfehler („Narzissmus wird nach Studien in sieben Prozent der Verwendungen falsch geschrieben“) und nennt eher ungünstige Kombinationen von Vor- und Nachnamen („Marion Nette“, „Georg Asmus“).

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Mitunter wirkt das leidlich komisch und beliebig. Zumal es sich oft nicht um aktuelle Beispiele handelt. Unter gängigen Verschwörungstheorien ist da von der fingierten Mondlandung der Amerikaner zu lesen, oder von den Anschlägen aufs World Trade Center am 11. September 2001, die angeblich vom FBI initiiert worden seien. Alte Hüte also.

Realsatire als Lektürestoff auf der Gästetoilette

Aber das ernsthaft zu kritisieren, ginge am Thema vorbei. Mit Titeln wie „Der Alleswisser. Wie ich versucht habe, Wikipedia durchzulesen, und was ich daraus gelernt habe“ (2020) hat Peter Grünlich es bis auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. In diese Reihe muss man auch „Idiotenland“ einordnen. Das Buch ist Realsatire. Comedy. Ein Buch zum Verschenken oder was zur schnellen Lektüre für die Gästetoilette. Nimmt man es als das, was es ist, weiß es durchaus zu unterhalten. Wenn Grünlich etwa von den dämlichsten Verbrechern berichtet. Zwei Bankräuber in Recklinghausen, die so tun, als wollten sie ein Konto eröffnen, nach dem Raub aber ihre Ausweise am Schalter vergessen. Auch nicht schlecht: das Dream-Team, das in der Nähe von Potsdam mit einem Lkw in eine Bank zurücksetzt, um mit einem Tau einen Automaten abzuschleppen. Das Gerät bleibt dummerweise in der Tür stecken, die Täter fliehen als sie merken, dass sie ohnehin nicht den Geldautomaten erwischt haben, sondern nur den Kontoauszugdrucker.

Von Welf Grombacher