Illja Trojanow stellt in Darmstadt seinen neuen Roman vor

Die Stadtkirche war gut besucht am Dienstag bei der Lesung von Illja Trojanow. Er präsentierte Passagen aus seinem Buch „Doppelte Spur“.

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DARMSTADT. Nachdem die Frankfurter Buchmesse ohne Besucher und Veranstaltungen stattfinden muss, bleiben immerhin zahlreiche Lesungen in Südhessen zur Begegnung mit Schriftstellern. Mit 120 Besuchern war dabei am Dienstag die Darmstädter Stadtkirche bei ihrer Veranstaltung mit dem Autor, Kolumnisten und Herausgeber Illja Trojanow bestens besucht. Im Rahmen des „Literarischen Herbstes“ stellte er seinen Roman „Doppelte Spur“ vor, eine Mischung aus Familienhistorie, Verschwörungsthriller und Satire.

Als Vermischung von Fakten und Fiktion führt das Buch zu internationalen Schauplätzen und über die schmale Grenze zwischen Wahrheit und Lüge. Der in Bulgarien geborene und inzwischen in Wien lebende Autor erzählt dabei von Verstrickungen zwischen Russland und Amerika, von mafiösen Strukturen und kriminellen Wirtschaftsmagnaten, von Korruption und Manipulation.

Pfarrer Karsten Gollnow verwies als Moderator auf den Eröffnungssatz „Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich“, denn bereits dort wird das – teils – schelmische Konzept des Buchs offenbar. Und Trojanow, Autor von Romanen wie „Der Weltensammler“ oder dem verfilmten „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, hielt daran auch zunächst fest, indem er in die Haut seines Roman-Alter-Egos schlüpfte, des wenig erfolgreichen Investigativ-Journalisten Illja.

Die Abenteuer eines Investigativjournalisten

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Auf dem Weg von der Frankfurter Buchmesse nach Hongkong erhält der von gleich zwei Whistleblowern, einem Russen und einem Amerikaner, geheime Informationen zugespielt und macht sich mit seinem russisch-jüdischen Kollegen Boris daran, zu klären, was dahinter steckt. Mit Boris geht es in einen abhörsicheren Raum, um auf drei Laptops das Material zu sichten. Abhörprotokolle, Analysen oder Steuererklärungen liefern darin brisante Informationen über Machenschaften der russischen Oligarchie und der US-Finanzwelt. Doch sie leiten auch in die Irre.

Insgesamt las Illja Trojanow vier Passagen aus „Doppelte Spur“, wobei die zweite sich auf die Vergangenheit seines Protagonisten konzentrierte: Dessen Großvater, früher ein Partisanenkämpfer, verliebte sich einst in eine schweigsame blinde Frau, die nur über die Zukunft sprach. Eine weitere Liebesgeschichte flocht der Autor auf der Gegenwartsebene ein. Zum längsten Abschnitt des Abends wurde allerdings die von den Zuschauern gewünschte Zugabe: Sie führte in die Umbruchsituation der frühen Neunziger, als sich die Sowjetunion langsam aufzulösen begann und der Schriftsteller sich lange bei russischen Verwandten aufhielt, um für sein Enthüllungsbuch „Die Piratisierung der russischen Wirtschaft“ zu recherchieren.

Anhand seiner eigenen Person spielt Trojanow in diesem Buch mit Identitäten und Realitäten. Wem kann man im Internet überhaupt noch glauben?, fragt er sich anhand von Verdächtigungen oder Verschwörungstheorien – und die Faktenfülle in den vorgestellten Passagen ließ erkennen, dass dieser Autor mehr auf moralische Denkanstöße denn auf fesselnde Spannungsliteratur abzielt.