„Frauen der 1920er Jahre“ von Thomas Bleitner

Frau im Scheinwerferlicht: Magazintitel aus den 20er Jahren, aus dem hier vorgestellten Band des Elisabeth Sandmann Verlags. Foto: Ullstein Bild / Axel Springer Syndication

Hundert Jahre nach den „Goldenen Zwanzigern“ porträtiert Thomas Bleitner unkonventionelle Frauen jener Zeit.

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. Die Gemetzel des Ersten Weltkriegs waren vorbei. Am Nullpunkt angekommen, konnte man nur noch gewinnen. Besonders viele Frauen befreiten sich von den muffig gewordenen, abgestandenen Regeln, die die Gesellschaft ihnen auferlegt hatte. Dass ihre Arbeitskraft jetzt gefragter war denn je, half ihnen dabei. Sie trugen wadenfreie Röcke, schnitten sich die Haare radikal kurz, tranken, rauchten, tanzten, fuhren Auto und hatten es gründlich satt, dem weiblichen Idealbild der Männer zu entsprechen. Endlich konnten sie so leben, wie sie es wollten: selbstbewusst, unabhängig und sexuell befreit.

Der wunderschöne Bild- und Textband „Frauen der 1920er Jahre – Glamour, Stil und Avantgarde“ stellt achtzehn legendäre Frauen dieser faszinierenden Dekade aus Film, Fotografie, Sport, Mode und Kunst vor. Sie alle personifizierten den innovativen, modernen Frauentyp: Von Zelda Fitzgerald und Dorothy Parker über Luisa Casati, Coco Chanel und Elsa Schiaparelli hin zu Louise Brooks oder Josephine Baker, die den Charleston nach Frankreich brachte und das Publikum begeisterte. Vom Fieber gepackt, tanzte man fortan, als hätte man „Ameisen in den Waden“.

Die unkonventionellen Frauen lebten in Berlin, London oder New York. Und natürlich in Paris, der liberalsten aller Metropolen. Sie übte die größte Anziehungskraft aus. Paris war gleichsam die Keimzelle neuer Ideen, die dann um die Welt gingen.

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Anita Berber (1899–1928), Tänzerin, Schauspielerin, Selbstdarstellerin, besaß eine außerordentlich starke Ausstrahlung. Mit ihr kam der Nackttanz in Mode. Die Kult- und Skandalfigur des Berliner Nachtlebens hatte jede Menge Affären, mit Männern wie mit Frauen. Mal im Smoking mit Hut und Monokel, mal in dekolletierter Robe mit Äffchen im Ausschnitt: Anita Berber verkörperte den Zeitgeist und setzte Trends, sodass die Berlinerinnen zeitweise „à la Berber“ gingen.

Clärenore Stinnes dagegen fuhr erfolgreich Autorennen, war der rennfahrerischen Routine jedoch bald überdrüssig. Sie wurde zur Ikone einer neuen, grenzenlosen Mobilität, indem sie eine gewagte Expedition unternahm: Als erster Mensch umrundete Stinnes, gemeinsam mit dem Fotografen und Kameramann Carl-Axel Söderström, von 1927 bis 1929 die Erde mit dem Automobil. Ein schwieriges Unterfangen, denn zu jener Zeit gab es auf der 47 000 Kilometer langen Strecke kaum geeignete Straßen. Stinnes hatte unter anderem „148 hart gekochte Eier, 3 Abendkleider und 3 Pistolen“ im Gepäck.

Der Literaturwissenschaftler Thomas Bleitner stellt die Protagonistinnen wortgewandt ins Scheinwerferlicht. Die Lektüre ist so anregend, dass man oft mehr erfahren möchte und selbst weiter recherchiert, liest, Bilder anschaut. Etwa die berühmt gewordenen Fotos des ehemaligen Fashion Models Lee Miller aus dem Zweiten Weltkrieg. Die im Buch enthaltenen, meist ganzseitigen Fotografien geben eine Ahnung vom Zauber der Zwanzigerjahre. Sie stammen von bekannten Fotografen wie Man Ray, Edward Steichen, Madame d’Ora oder Claude Cahun.

Der New Yorker Börsenkrach von 1929 löste eine Weltwirtschaftskrise aus. Auch in Europa brachen die Aktienmärkte und Währungen zusammen. Zahllose Unternehmen gingen bankrott, Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Die Goldenen Zwanziger, The Roaring Twenties, Les Années Folles endeten abrupt. Und mit ihnen das freizügige Klima, die wilden Partys und leider auch die Autonomie der Frauen. Politische Spannungen wuchsen, faschistische Ideologien machten sich breit, und in Deutschland keimte die Idee des nächsten Krieges.