Zwischen Hoffnung und Resignation

Die Gedichte von Anton Humpe sind allesamt zwischen Wieseck und Lahn entstanden. Foto: Sandra Marie Heppes

Im Berliner Verlag KLAK ist kürzlich ein eigener Gedichtband von Anton Humpe unter dem Titel „endstation panik“ mit allen 93 Quarantänengedichten erschienen.

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GIESSEN. GIESSEN. „…einmal nur nichts machen, / stillstand für die freiheit, / für die hoffnung, / die verloren geglaubten geister, / gegen die zeit, wenn sie sterben. //

die straßen sehen aus wie / immer, noch, und doch / spürt man die melancholie, subtil, / die schwere in den gemütern. // und so könnten die straßen / auch schon leergefegt sein, / oder bin es nur ich, der das sieht, / die geister an der wand?“ Das tippte am 16. März 2020 der Bloggerpoet Anton Humpe in die Tastatur seines Computers. Es war der Tag des Lockdowns in ganz Deutschland, der Tag Nummer eins einer langen Reihe von Tagen, deren Anzahl damals noch nicht abzusehen war. Und im Grunde immer noch nicht abzusehen ist. Humpe schrieb unermüdlich, unter dem Pseudonym „nachmitternacht“ stellte er jeden Tag während des Lockdowns ein Gedicht ins Netz. Mit dem Abschluss seiner Masterarbeit am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen war die Serie vorerst beendet, am 16. Juni erschien das letzte Gedicht im Blog. Während die Gedichte zunächst auszugsweise mit Werken anderer Autoren in zwei Sammelbänden zu lesen waren, ist jetzt im Berliner Verlag KLAK ein eigener Gedichtband von Anton Humpe unter dem Titel „endstation panik“ mit allen 93 Quarantänengedichten erschienen.

Der junge Dichter lebte vier Jahre lang als Student der Angewandten Theaterwissenschaften in einer Wohngemeinschaft in Gießen, seine Gedichte sind alle zwischen Wieseck und Lahn entstanden. Wer allerdings hessisches Lokalkolorit erwartet, der sucht vergebens. Genau nachspüren kann man dafür den Geist der (Corona-)Zeit zwischen Hoffnung und Resignation, Langweile und ohnmächtigem Zorn.

„es raubt mir den verstand, / es gruselt mich zu tode, / es wirkt unwirklich, / es lässt mich fast frieren, / vereinsamt.“: Das schreibt Anton Humpe bereits am 18. März, wie kann das in den langen Quarantäne-Monaten nur weitergehen? Doch der Dichter fängt sich wieder, findet versöhnlichere Töne. Es folgen Naturschilderungen, ironische Blicke auf die Menschen ringsum. Kurze japanische Haikus wechseln sich ab mit langen Gedichten, den experimentellen Aneinanderreihungen von Substantiven folgt ein rhythmischer Vers, fast wie ein Song. „Ein Zeitdokument und lyrischer Debütband eines Autors, von dem wir noch viel lesen wollen“, heißt es in der Einleitung zum Buch. Wer ist dieser Autor, der inzwischen in Frankfurt wohnt und noch nach Gießen kommt?

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Anton Humpe wurde 1992 in Hamburg geboren. Nach Schulzeit und Abitur in Berlin reist er über Land nach Indien und Nepal und engagiert sich in diversen Theaterprojekten. Er absolvierte unter anderem ein Poetry-Intensivstudium in der Summer-Writers-Colony in New York. 2015 studierte er in Bamberg Germanistik und Philosophie und 2016 wechselte er zu den angewandten Theaterwissenschaften in Gießen. Im Rahmen seines Studiums nahm er außerdem performende und inszenierende Rollen in diversen Theaterprojekten ein. Trotz aller Befürchtungen wegen der Turbulenzen zu Zeiten der Pandemie hat er es geschafft, im Juni seine Master-Abschlussarbeit unter dem Titel „overkYll“ vorzustellen, zudem hat er für seine Quarantänengedichte einen Buchverlag gefunden.

Da Aufführungen derzeit coronabedingt aber nur selten stattfinden, arbeitete er unter anderem als Erntehelfer in den Mainzer Weinbergen, „im festen Glauben, dass bald neues Licht auf die Kultur fällt, auch durch begleitende Poesie“. Die Hoffnung ist unverzichtbar in diesen ungewissen Zeiten, und so hat Anton Humpe am 3. November, dem Beginn des Lockdown Light, unter quarantaenengedichte.wordpress.com einen neuen Blog als „nachmitternacht“ gestartet. Jeden Tag ein neues Gedicht, eine Herausforderung. Anton Humpe nimmt es gelassen. Es gibt genügend Erlebnisse und Beobachtungen, die sich in Zeilen fassen lassen. Soweit zum Autor. Für die Leserin und den Leser ist das Buch ein echter Gewinn. Auch gut geeignet zum Vorlesen an langen dunklen Nachmittagen.