Nadia Murad wurde zur Hoffnungsträgerin der Jesiden

Nadia Murad ist zu einer wichtigen Stimme des jesidischen Volkes geworden und wird im Film „On her shoulders“, der im Rahmen der „Globale Mittelhessen“ gezeigt wurde, auf eindrückliche Weise porträtiert. Foto: Sundance Institute

Am 10. Dezember 2018 erhielt Nadia Murad für ihren Kampf gegen den Einsatz sexueller Gewalt als Waffe im Krieg den Friedensnobelpreis. Der Dokumentarfilm „On her shoulders“...

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GIESSEN. Giessen. „Wir dürfen unsere Macht nicht überbewerten, wir haben keine Macht“, sagt Murad Ismael. Der jesidische Rechtsanwalt begleitete Nadia Murad auf ihrer Reise zu den Vereinten Nationen, dem Sicherheitsrat und vielen anderen Plätzen als Dolmetscher. Die Dokumentarfilmerin Alexandria Bombach filmte die Bemühungen der jungen Jesidin, Gerechtigkeit für ihr Volk zu erlangen, das von der faschistischen Miliz IS ausgerottet werden soll. „On her shoulders“ heißt der Film, der im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals „Globale Mittelhessen“ im Gießener Jugendzentrum Jokus gezeigt wurde. 35 Besucher erlebten unter Pandemiebedingungen mit Maske und Abstand die Rückkehr der Kultur ins öffentliche Leben und erfuhren von dem grauenhaften Schicksal einer Minderheit in Irak und Syrien.

Die Jesiden sind eine seit Jahrhunderten verfolgte religiöse Minderheit. Sie leben vor allem im Norden des Irak und Syriens. Schon Karl May beschrieb die Bedrohungslage, in der sich die Jesiden befinden und dass sie von ihren Nachbarn als „Teufelsanbeter“ verunglimpft wurden. Auch die Terrormiliz IS bezeichnet die Jesiden als „Ungläubige“ und „Teufelsanbeter“. In Kocho, dem Heimatdorf Nadia Murads im Norden Iraks, lebten vorwiegend Jesiden. Im Jahr 2014 überfielen die faschistischen Horden des IS das Dorf. Mehr als 700 Dorfbewohner wurden direkt ermordet. Nadia Murad war eine der nur 15 Überlebenden und wurde zunächst von der faschistischen Terrormiliz versklavt. Ein Jahr lang war Nadia Murad in den Händen ihrer Peiniger. Sie wurde gequält, vergewaltigt, misshandelt und mehrfach verkauft. Sie konnte entkommen und es gelang ihr die Flucht nach Deutschland. Hier begann sie die Öffentlichkeit über das Schicksal ihres Volkes zu informieren und verschaffte sich Gehör in den höchsten Gremien der Weltgemeinschaft.

Am 10. Dezember 2018 erhielt Nadia Murad für ihren Kampf gegen den Einsatz sexueller Gewalt als Waffe im Krieg den Friedensnobelpreis. Sie wurde zur Hoffnungsträgerin ihres Volkes und ihr Leben ist jetzt geprägt von Reden vor den Vereinten Nationen, Besuchen in Flüchtlingslagern, belastenden Interviews mit Medienvertretern und persönlichen Treffen mit Regierungsmitgliedern. Der Dokumentarfilm „On her shoulders“ begleitet die Friedensnobelpreisträgerin bei ihrem Versuch, öffentliche Aufmerksamkeit für das Massaker zu erlangen, macht dabei aber auch deutlich, welche emotionale Last durch diese Form der Bekanntheit auf Nadia Murads Schultern liegt.

Zur Diskussion nach dem Film war mit Dr. Irfan Ortac der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden ins Jokus gekommen. Ortac berichtete von seiner schwierigen Suche nach den immer noch mehr als 3400 vermissten jesidischen Frauen und Kindern, die von IS-Milizionären zum Teil im Darknet als Sklaven angeboten werden. „Um diese Verbrecher des IS vor Gericht zu bringen, muss man ihre wahre Identität herausfinden“, so Ortac. Da sich die Faschisten für den Kampf Tarnnamen zugelegt hätten, sei das schwierig. Den jesidischen Ermittlern sei es aber bereits gelungen, einige Kinder aus den Händen der Verbrecher zu befreien und einige der Rückkehrer des IS zu enttarnen.

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Die „Globale Mittelhessen“ findet noch bis zum 4. Juli an vielen Orten in der Region statt und bietet neben Dokumentarfilmen zu sozialen und politischen Themen eine Vielzahl von Veranstaltungen.

Von Klaus-J- Frahm