Interview mit Schriftsteller Jonas Jonasson

Jonas Jonasson liebt es, die Welt mit einem schelmischen Augenzwinkern zu betrachten. Foto: dpa

Der schwedische Bestseller-Autor spricht über sein neues Buch, Afrika und den schwedischen Corona-Sonderweg.

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. Der schwedische Journalist und Schriftsteller Jonas Jonasson landete 2010 mit seinem Roman-Debüt „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” einen Welterfolg: Das Buch wurde in 45 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Jetzt ist sein neues Werk „Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte“ erschienen. Der heute 59-jährige Jonasson arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist. Der Autor lebt auf einem alten Bauernhof auf der Ostsee-Insel Gotland.

Herr Jonasson, Sie haben Ihr neues Buch an Verleger in der ganzen Welt verkauft, noch bevor Sie einen einzigen Satz geschrieben hatten. Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Absolut nicht. Ich liebe meinen Beruf und gehe stets sehr zuversichtlich an die Arbeit. Ich kann ohnehin nur das schreiben, was ich selbst auch gerne lesen möchte.

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Das Konzept der Rache ist ein Hauptbestandteil des neuen Romans. Sind Sie ein rachsüchtiger Mensch?

(lacht) Nein! Rache ist eine schlimme Sache. Trotzdem denke ich, irgendwo schlummert sie in den meisten von uns. Aber sie kann ja auch einen positiven, sozusagen therapeutischen Effekt haben: Wenn Sie mir etwas Böses antun, dann werde ich angeregt, mir verschiedene Arten der Rache zu überlegen.

Aber nur überlegen, nicht ausführen?

Genau. Das kann ein wichtiger Weg sein, um böse Taten zu verarbeiten. Zudem steckt ja im Konzept der Rache auch ein beträchtlicher Anteil von Humor. Deswegen habe ich sie wohl zu meiner Geschichte hinzugefügt.

Das Aufeinanderprallen von schwedischer und afrikanischer Kultur ist ein weiterer Aspekt Ihrer Geschichte. Wie kamen Sie darauf, Kenia zum Schauplatz zu machen?

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Ich bin Miteigentümer einer Safari-Lodge in Kenia, wo es uns darum geht, die natürliche Landschaft zu erhalten und vor landwirtschaftlicher Nutzung zu bewahren. Wir unterstützen auch eine Schule dort, vor allem, um Mädchen vor dem Ritual der Genitalbeschneidung zu bewahren.

Gibt es einen echten Massai-Krieger, der sich in Ihrem Buch-Helden wiedererkennen könnte?

In Teilen vielleicht, im Ganzen aber nicht. Heutzutage sieht man junge Massai in ihrer traditionellen Tracht die Ziegen hüten – mit dem Smartphone in der Hand. So ist die Massai-Kultur heute: alte Traditionen, verknüpft mit modernster Technik. Für meine Geschichte durfte mein Massai aber kein Handy haben. Deshalb habe ich einen alten Häuptling erfunden, der seinem Stamm elektrischen Strom und damit eben auch das Internet verboten hat.

Wie funktioniert Ihr Schreibprozess? Führen Sie Ihre Figuren durch einen feststehenden Plot? Oder werden Sie von Ihren Protagonisten überrascht, die plötzlich eigene Wege gehen?

Ich habe einen Anfang und ich habe ein Ende, bevor ich beginne zu schreiben. Und zwischen Anfang und Ende habe ich etwa zehn Haltestellen – wenn wir uns die Erzählung mal als Buslinie vorstellen möchten. Das alles ist sehr klar festgelegt. Dann bringe ich meine Figuren hinzu und beginne mit dem Schreiben. Das ist der echte Spaß-Faktor daran. Denn immer dann – unterwegs im Bus, sozusagen – fange ich an, meine Figuren kennenzulernen. Ein Resultat dieser Methode ist, dass ich, wenn ich so ungefähr auf Seite 140 angekommen bin, zurückgehen muss auf Seite 10, 15 oder 20, um bestimmte Aussagen oder Reaktionen einer Figur zu ändern. Denn nun kenne ich ihn oder sie besser.

In Ihrem neuen Buch spielen auch die Gemälde von Irma Stern, einer südafrikanischen Künstlerin deutsch-jüdischer Abstammung, eine Rolle.

Bei meinen Bushaltestellen war Irma Stern nicht von Anfang an da. Sie tauchte erst auf, als ich bei der Kunstauktions-Firma Bukowskis in Stockholm recherchierte. Ich fragte einen der Kunstexperten dort, ob er mir helfen könne, Fälle von Kunst-Betrug zu konstruieren. Wir gingen gemeinsam afrikanische Künstler durch. Er brachte Irma Stern ins Spiel. Ich hatte schon von ihr gehört, hatte im Museum in Kapstadt schon Bilder von ihr gesehen. Als er ihren Namen nannte, war mir schlagartig klar, dass sie die Richtige für meine Geschichte sein würde: Sie würde zur Brücke werden zwischen meinem Afrika und meinem Europa.

Und nicht nur das.

Nein, sie gab auch den Anstoß dazu, in dem Buch meine Sorgen über unsere Zukunft und die weitere Entwicklung der Demokratie auszudrücken. Die Freiheit der Kunst steht dem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Pressefreiheit sehr nahe. Damit haben wir zurzeit einige Schwierigkeiten. Und plötzlich sah ich, dass wir – genau als Irma Stern Anfang der Dreißigerjahre auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft war – schon einmal an so einem Punkt waren.

Beschäftigt es Sie, dass die Menschen nichts aus der Vergangenheit zu lernen scheinen?

Oh ja, das beschäftigt mich sehr. Schon beim “Hundertjährigen” wollte ich – auf meine Art – die Leute daran erinnern, dass wir gerade das schrecklichste Jahrhundert aller Zeiten durchlebt hatten, zumindest was die Zahl der Opfer von Kriegen und Konflikten angeht. Das Buch hat sich rund zehn Millionen Mal verkauft. Die Welt jedoch ist kein bisschen besser geworden. Sie können also mit Fug und Recht behaupten: Ich bin gescheitert (lacht). Aber: Noch gebe ich nicht auf (lacht).

Im Mai waren Sie und Ihre Frau an Covid-19 erkrankt. Wie geht es Ihnen beiden heute?

Uns geht’s gut, wir sind vollkommen gesund. Aber schon aus Respekt gegenüber anderen kann man sich nicht so verhalten, als wäre man unbesiegbar. Das würde die falschen Signale senden.

Glauben Sie, der schwedische Weg, mit der Pandemie umzugehen, war – und ist – der richtige Ansatz?

Ich denke, darauf werden wir die Antwort erst in zehn Jahren oder so kennen. Noch gibt es keinen Nachweis dafür, dass der schwedische Ansatz falsch war. Wenn Sie mich fragen, dann hat die Pandemie – aus schwedischer Sicht – tatsächlich einen ganz anderen Systemfehler aufgedeckt: Sie zeigte uns, wie schlecht unsere Seniorenheime organisiert sind, wie extrem unterbezahlt die Menschen sind, die dort arbeiten. Covid-19 war hier unser Weckruf: Wir müssen etwas ändern!

In Deutschland sind wir mitten in der zweiten Welle, weite Teile des öffentlichen Lebens sind im Lockdown. Das Positive daran: Die Menschen haben wieder Zeit zum Lesen. Könnten Sie Bücher – neben Ihren eigenen – empfehlen für diese stillen Winterabende?

(schmunzelt) Nun, mir haben immer die Bücher meines finnischen Kollegen Arto Paasilinna sehr gut gefallen, vor allem sein „Das Jahr des Hasen“. Paasilinna ist ein guter Covid-19-Schriftsteller (lacht).

Das Interview führte Andrea Herdegen.