„Bei den Schimpfwörtern wurde es schwierig“

Eine lädierte Dorfrichterin namens Adam: Am Samstag schlüpft Carolin Weber in die Hauptrolle des Lustspiels von Heinrich von Kleist. Foto: Rolf K. Wegst

Heinrich von Kleists Lustspiel-Klassiker „Der zerbrochene Krug“ feiert am Samstag Premiere im Gießener Stadttheater – mit komplett vertauschten Rollen.

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GIESSEN. Dies ist ein Stück, mit dem wohl so ziemlich jeder leidenschaftliche Theatergänger schon einmal auf die ein oder andere Art in Kontakt gekommen ist: Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“. Doch so, wie es nun im Stadttheater Gießen inszeniert wird, war das im Jahr 1808 uraufgeführte Lustspiel dennoch wohl noch nie zu sehen. Denn Regisseurin Katharina Ramser hat alle Männerrollen mit Frauen besetzt – und umgekehrt. Ihre Version des Klassikers feiert an diesem Samstag, 16. Oktober, Premiere im Großen Haus.

Beim Wiederlesen der Vorlage habe sie ein etwas mulmiges Gefühl befallen, erzählt die Schweizerin im Pressegespräch. Denn der im Mittelpunkt stehende ältere Mann, Dorfrichter Adam, der ein junges Mädchen verführt (oder gar vergewaltigt) und nun vor Gericht seine Schuld verbergen muss, sorge nicht nur für ein unangenehm aktuelles Motiv. Er repräsentiere auch Machtstrukturen, die in der Vorlage allein von Männern repräsentiert würden. Daher habe sie sich zum Tausch der Geschlechterrollen entschieden, der eine „unglaublich interessante Reibung“ erzeuge.

Im Ensemble habe es dabei zunächst durchaus engagierte Diskussionen gegeben, berichtet Schauspiel-Dramaturgin Carola Schiefke. Denn so habe manch einer der Darsteller gefragt: Soll die Botschaft dieser Version etwa lauten, dass sich Frauen genauso verhalten, wenn sie einmal das Sagen haben? Doch genau das war nicht die Intension der Regisseurin. Der auf der Bühne durchgespielte Verfremdungseffekt verdeutliche vielmehr, wie absurd die vorherrschenden Rollenbilder seien. Der Blick auf diesen Missstand werde auf diese Weise umso schärfer, erklärt Ramser.

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Ganz leicht war es allerdings nicht, die Textvorlage auf links zu drehen. „Wir haben gemerkt, dass die im Stück fallenden Schimpfwörter für Männer einen ganz anderen Klang haben als die für Frauen“, berichtet Carola Schiefke. Während bei Männern oft auch etwas Wohlwollendes, Respektvolles mitschwinge, gehe es bei den Frauen am Ende doch immer „um die sexuelle Verfügbarkeit“, sagt die Regisseurin. Auch das lasse sich an der neuen Version des Stücks erkennen, mit dem im Jahr 1907 das Stadttheater eingeweiht wurde.

Katharina Ramser, die mit „Capitalista, Baby!“ und „Lazarus“ bereits zwei Stücke in Gießen inszeniert hat, musste die Textvorlage aber auch aus einem anderen, unfreiwilligen Grund verändern. Da sie ihre Fassung erstmals bereits im Frühjahr 2020 erarbeitete, ging sie noch von stärkeren Einschränkungen durch die Corona-Pandemie aus. Weil sie damals noch ohne Pause plante, hat sie die Spielzeit auf rund 90 Minuten verkürzt und verdichtet, in denen dennoch auch der Witz nicht zu kurz kommen werde. „Das Publikum soll auch etwas zu lachen haben, das ist mir wichtig“, betont Ramser, die für das Lustspiel auch die Mittel der Groteske einsetzt.

Zur Verfügung steht ihr dabei neben dem siebenköpfigen Ensemble um Hauptdarstellerin Carolin Weber als Dorfrichterin Adam auch ein Bühnenbild, das nicht die klassische Gerichtssituation imaginieren soll, sondern auf Abstraktion setzt. Michael Böhler hat dazu einen weißen Flokati-Teppich ausgebreitet, auf dem sich die Geschichte abspielt. „Unter diesem Teppich liegt etwas verborgen – und das soll gelüftet werden“, kündigt die Regisseurin an.

Die Premiere von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ ist am Samstag, 16. Oktober, um 19.30 Uhr im Stadttheater Gießen zu sehen.

Von Björn Gauges