Starke Protagonisten, bedrückende Realität

aus Tatort & Polizeiruf 110

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Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) erleben diesmal auch eine ganz eigene Geschichte. Foto: rbb/Gordon Mühle

Je länger der Berliner "Tatort" mit Mark Waschke und Meret Becker läuft, desto besser wird er. Umso bedauerlicher ist es, dass Becker in nur noch zwei weiteren Filmen zu sehen...

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. Das ist auch dahingehend eine Ungeheuerlichkeit, weil sich die Redaktion in "Die dritte Haut" endlich traut, den beiden Charakteren ein bisschen Raum zur Entwicklung zu geben. Vermutlich rührt der Mut daher, dass diese Geschichten nicht in die Endlosigkeit gezogen werden können, wenn klar ist, dass ein Hauptdarsteller die Reihe verlässt. 2022 übernimmt übrigens Corinna Harfouch für Becker.

Autorin Katrin Bühlig hat mit "Die dritte Haut" nicht nur eine sehenswerte Sozialstudie abgeliefert, sondern eben auch einen astreinen Krimi. Platz für das große Problem Mietenwahnsinn in Berlin blieb dann auch noch – denn genau darum geht es im Film. Otto Wagner (Peter René Lüdicke) wird zwangsgeräumt. Nach der Übernahme des Mietshauses durch Ceylan Immobilien wird das Haus allmählich entmietet. Gülay Ceylan (Özay Fecht), die Chefin des Unternehmens, will das Wohnhaus luxussanieren und die Wohnungen in Eigentumswohnungen umwandeln. Ein Problem, dass zwar vor allem Hauptstadt-Bewohnern, aber auch vielen anderen Zuschauern bekannt sein dürfte.

Dramatisch wird der Film, weil es bei den Mietparteien Widerstand gibt. Nicht alle sind bereit, ihre Wohnungen zu verlassen. Bühlig hat, um diesen menschlichen Aspekt der Wohnungsnot herauszuarbeiten, ganz unterschiedliche Charaktere geschaffen, deren Problem in kurzen, aber intensiven Szenen eindrücklich aufgezeigt wird. Die junge Familie Malovcic bekommt Nachwuchs, die alte Frau Kirschner (Friederike Frerichs) lebt schon fast 60 Jahre im Haus, Jenny Nowack (Berit Künnecke) ist alleinerziehend, ihre Kinder haben im Kiez ihre Freunde und Peter de Boer (Tijmen Govaerts) verdient als freischaffender Journalist kaum etwas. Er kämpft mit seinen Mietrebellen in den sozialen Netzwerken gegen die Ungerechtigkeit auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Dann wird Juniorchef Cem Ceylan (Murat Dikenci) tot vor dem Haus gefunden.

"Die dritte Haut" schafft es, all diese kleinen Komponenten, die Bühlig erzählen will, szenisch perfekt umzusetzen. Regisseur Norbert ter Hall schlägt sogar noch eine Schneise in die Realität der Obdachlosigkeit. Ob das am Ende zu viel des Guten ist, darf jeder für sich selbst entscheiden. Der Film jedoch bleibt angenehm uneitel und zurückhaltend. Eine besondere Erwähnung muss Berit Künnecke als alleinerziehende Mutter Jenny Nowack finden, die so manchen ihrer Kollegen eindrucksvoll an die Wand spielt.

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Und über allem schweben diesmal auch Robert Karow (Waschke) und Nina Rubin (Becker) als Kommissare, die in Corona-Zeiten nicht nur einen Mörder finden müssen, sondern auch sich selbst suchen. Viel besser geht es nicht.

Das Erste zeigt den "Tatort: Die dritte Haut" am Sonntag, 6. Juni, um 20.15 Uhr.