"In den Gängen"

Alles Gute: Christian (Franz Rogowski) schenkt seiner neuen Kollegin Marion (Sandra Hüller) ein Küchlein mit Kerze.  Foto: Zorrofilm  Foto: Zorrofilm

Thomas Stuber zeigt in seinem Film das Innenleben eines Großmarktes. So wird beispielsweise die Arbeitswelt der Mitarbeiter beschrieben, die mit Christian (Franz Rogowski)...

Anzeige

. „In den Gängen“ spielt irgendwo im Nirgendwo der ostdeutschen Provinz. Von Ferne grüßt dort ein alter Finne. So lakonisch wie Thomas Stuber die Welt der Arbeiter in einem Großmarkt zeigt, erinnert das an Aki Kaurismäkis „Proletarische Trilogie“ vom Ende der Achtziger. Vor allem Christian, der neu anfängt zwischen den Hochregalen, den Mund nicht aufkriegt, weil er verlegen ist und sich schämt für das, was er mal war, ist so eine introvertierte Figur, die sich auch neben Kaurismäkis „Mädchen aus der Streichholzfabrik“ gut hätte ausschweigen können.

Franz Rogowski verleiht dem Gabelstaplerfahrer, der am liebsten ganz tief stapelt, eine zarte Zurückhaltung, die im Kontrast steht zu seiner athletischen Physis und den Tätowierungen, die davon erzählen, dass er mal wild gelebt hat, lange bevor seine alten Saufkumpane Ärger machen wollen.

Bei der Arbeit aber ist Christian sicher, hier ist er fast schon zuhause. Vor allem dank Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung, dem die Schach-Partien im Dienst so wichtig sind wie die Raucherpausen, denn: „Ohne Dampf kein Kampf!“ Bruno wird sein väterlicher Freund, zeigt Christian, wie man die Kisten von ganz oben nach unten kriegt, und er sieht, was mit dem Jüngeren los ist: „Du stapelst wie ein Irrer, weil es Dich erwischt hat!“

Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung flirtet mit Christian. Er schenkt ihr einen Schokoriegel mit Kerze zum Geburtstag, sie neckt ihn („Mensch, Frischling!“), doch viel mehr als ein Nasenreiben traut er sich nicht, denn sie ist verheiratet, wenn auch unglücklich. Aber Ärger hatte Christian draußen wohl schon genug.

Anzeige

Drinnen aber ist alles anders. Die Geometrie der Regale scheint den Figuren einen Halt zu geben, den sie im Leben nicht haben. Draußen ist nichts: ein Parkplatz und große Brachen. Spät erst schaut Thomas Stuber bei seinen Figuren daheim vorbei und entdeckt hier ein Nachtlager auf dem Sofa, dort eine Matratze auf dem Boden und selbst im schicken Neubau ein halb fertiges Puzzle vom unerreichbaren Palmenstrand.

Zuhause sind alle einsam, bei der Arbeit aber finden sie Gemeinschaft. Gewiss kein Zufall, dass diese Geschichte in Ostdeutschland spielt, wo die Vorstellung verbreitet ist, das alte Zusammengehörigkeitsgefühl sei nach der Wende verloren gegangen. Zwischen den Regalen scheint es erhalten zu sein. Die Angestellten kennen sich, tratschen wie auf dem Dorfplatz, feiern Weihnachten mit Heizstrahlern an der Lieferrampe, dass es schon märchenhaft anmutet.

Dass dies ein proletarischer Traum von Gemeinschaft sein mag, ahnt man schon ganz am Anfang, wenn der Donau-Walzer von Johann Strauß erklingt wie in Kubricks „2001“, aber eben nicht Raumschiffe durchs All tanzen, sondern Flurförderzeuge, wie sie offiziell heißen, in den Gängen ein Ballett aufführen. Es liegt ein Zauber im Neonlicht zwischen den Regalwänden, die an manchen Stellen wie Hecken in einem Barock-Labyrinth den Blick durchlassen, damit der Junge aus der Getränkeabteilung und das Mädchen von den Süßwaren zueinanderfinden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stapeln sie noch heute.