„I, Tonya“

Eisprinzessinnen sehen anders aus: Die rüde Tonya Harding (Margot Robbie) passt nicht zum Märchen-Image der Wintersportart. Foto: DCM  Foto: DCM

Wäre es nur um Sport gegangen, hätte die Welt Tonya Harding (Jahrgang 1970) wohl schon vergessen. Im Jahr 1991 wurde sie US-Meisterin und Vize-Weltmeisterin, bei den...

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. Wäre es nur um Sport gegangen, hätte die Welt Tonya Harding (Jahrgang 1970) wohl schon vergessen. Die amerikanische Eiskunstläuferin sprang mit zwölf Jahren den dreifachen Lutz, stand später zwei dreifache Axel-Sprünge in einer Kür. Im Jahr 1991 wurde sie US-Meisterin und Vize-Weltmeisterin, bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville war sie Vierte. Zwei Jahre später in Lillehammer wollte sie Gold – mit aller Gewalt.

Sie war zu ihrer Zeit in der Weltspitze, aber das macht noch nicht unsterblich. Ihre Geschichte kennt man dennoch, denn Tonya Hardings Karriere endete vor Gericht mit einer lebenslangen Sperre: Ihr Mann Jeff Gillooly hatte einen Schläger beauftragt, der Tonyas Konkurrentin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange auf die Kniescheibe schlug. Es war 1994 ein Skandal in den Medien, dem ein ebenfalls öffentlich ausgeschlachteter Zickenkrieg zwischen der Eisprinzessin Kerrigan und der Prolo-Braut Harding vorausgegangen war.

Regisseur Craig Gillespie zeigt in seiner Filmbiografie beides, das Tölpelspiel um den Anschlag und die schwarze Komödie kultureller Kollisionen. Autor Steven Rogers hat mit den Beteiligten Interviews geführt, die teilweise wörtlich ins Skript kamen. Das Gute an diesem Film ist, dass er die Widersprüche nicht auflöst, keine einfache Wahrheit serviert wird, stattdessen die Selbstinszenierungen nebeneinander stehen lässt und dabei das tragikomische Porträt einer Kampf-Sportlerin auf dem Eis gestaltet. In der letzten Szene sehen wir, wie Tonya Harding nach ihrer Kufen-Karriere als spät berufene Boxerin blutig k.o. geht und grimmig wieder aufsteht.

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Am Anfang ist Tonya noch ein kleines Kind, das aufs Klo muss, nicht darf, sich in die Schlittschuhe macht und weiter läuft. „I, Tonya“ zeigt die Titelfigur als zähes Mädchen, als wehrhaftes Girl, das zurückschlägt und -tritt, sich aber der Gewalt von Mann und Mutter nie entziehen kann.

Tonya Harding wächst in schlichten Verhältnissen auf, die geschiedene Mutter LaVona kippt sich Schnaps in den Kaffee, pöbelt übers Eis und wirft mit dem Messer nach der Tochter. Allison Janney verkörpert sie mit Hingabe böse als herzlose Hexe, die auch dann noch selbstgerecht ist, als sie im Alter mit Beatmungsschlauch in der Nase und einem aufdringlichen Papagei auf der Schulter ihr Interview gibt.

Mutters Erziehung hat Tonya hart, aber hilflos gemacht. Die Ehe mit Jeff Gillooly (Sebastian Stan) ist von Gewalt geprägt. Er schlägt sie, sie haut auch mal zurück, sie greift zur Flinte, er zur Pistole. Das ist weniger Sozialdrama als Farce. Tonya Harding soll uns nicht leidtun, wir sollen Respekt vor ihr haben. Und wie Margot Robbie ihrer Figur in Jeansjacke und mit hochtoupierten Haaren zwischen Krafttraining und Kraftausdrücken die Würde erkämpft, das ist sehenswert.

Das Mädchen aus der Unterschicht, das ohne Schulabschluss im Baumarkt und im Imbiss jobben muss, wird als „Trashy Tonya“ beschimpft, „Rednecks on Ice“ höhnen Zuschauer. Und die Juroren punkten auch sehr zurückhaltend, denn eine Läuferin, die zu „ZZ Top“ tanzt, passt nicht zum Märchen-Image der Sportart. Der Film will von dieser Traumwelt so wenig wissen wie Tonya. Über zwei Kinostunden hinweg ist die Biografie durchzogen von Hits der Zeit. Songs von „Foreigner“, „Supertramp“ und „Dire Straits“ bilden immer wieder ironische Kommentare zur Geschichte, treiben die Story aber auch trotzig an.

„Ihr habt mich alle missbraucht“, sagt Tonya Harding irgendwann direkt an die Zuschauer des Films adressiert. Aber sie sagt eben auch immer wieder: „Nicht mein Fehler!“ Was sie in diesem Film zu einer starken Figur macht, ist dieser Widerspruch: Tonya Harding will nicht schuld sein, aber auch auf keinen Fall ein Opfer.

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