"Eleanor und Colette"

Sie sucht einen Rechtsbeistand und findet eine Freundin: Eleanor Riese (Helena Bonham Carter, links) lässt sich vor Gericht von Colette Hughes (Hilary Swank) vertreten.Foto: Bernd Spauke  Foto: Bernd Spauke

In einer für Helena Bonham Carter perfekt erstellten Rolle spielt sie die paranoide Eleanor Riese, die für ihre Rechte kämpft. Das Drama, welches auf wahren Begebenheiten...

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. Das ist wieder so eine Rolle, in der Helena Bonham Carter (51) all ihren verwegenen Mut zur Hässlichkeit und alle Lust auf Irrsinn bündeln kann: Mit weißen Socken in Sandalen, klobigen Kitteln und Krähennestfrisur spielt sie die paranoide Eleanor Riese, die Anfang der Achtziger in einer kalifornischen Klinik eine Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka durchleidet. Sie zappelt und wehrt sich, Pfleger stürzen sich auf sie, spritzen ein Medikament, das sie nicht verträgt. Ganz dumpf und dabei doch hellwach ist sie, erlebt, wie Krämpfe ihren Körper schütteln, sie das Wasser nicht mehr halten kann. Zugedröhnt kann sie nur noch lallen, aber es reicht, um eine Anwältin zu rufen. Dieser Auftakt ist dramatisch.

Eleanor Riese schrieb 1987 Rechtsgeschichte, als der kalifornische Supreme Court entschied, dass auch Psychiatriepatienten Mitsprache bei der Medikation zu gewähren ist. Eigentlich eine gute Story für einen Film, zumal die Figur der Anwältin entfernt an jene Kanzleigehilfin im Kampf gegen einen Umweltskandal erinnert, die Julia Roberts im Jahr 2000 in Steven Soderberghs Bürgerrechtsdrama „Erin Brockovich“ verkörperte. Von Statur und Physiognomie her haben Roberts und Hilary Swank (43) ja auch durchaus Ähnlichkeit. Doch ist die ehemalige Krankenschwester Colette Hughes, die erst spät zur Juristerei kam, eine eher undankbare Rolle.

Eleanor humpelt und lallt, betet und flucht, ist herrisch und herzlich, wirr und sprunghaft, aber auch sarkastisch scharf und verblüffend aufmerksam. Und Colette? Ist immer beherrscht und verkniffen, spröde und stur, eine arbeitswütige Perfektionistin, die sich Urlaub mit ihrem Freund verbittet und noch Akten studiert, als sie die Gürtelrose schwer plagt. So hibbelig die eine, so steif die andere, beharrlich aber sind sie beide.

Das macht ihren Erfolg aus. Und daraus erwächst eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, was der dänische Regisseur Bille August (69) als mühsame Annäherung porträtiert. Um das packende Psychiatriedrama ist es nämlich schon nach knapp einem Viertel des Films geschehen. Da klagen Patientenrechtlerin Hughes und Verfassungsrechtler Morton Cohen (Jeffrey Tambor) ihre Mandantin aus der geschlossenen Anstalt heraus. Es folgen diverse Rechtsstreitigkeiten, die aber zwischen Anhörung und schriftlichen Eingaben nie jene Dynamik entfalten wie klassische Gerichtsdramen mit ihrer Kreuzverhör-Dramaturgie.

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Drehbuchautor Mark Bruce Rosin gelingt es auch sonst nicht, die Geschichte erzählerisch zu bündeln. So zerfasert der Plot immer mehr in Episoden. Daran arbeitet sich Bille August getreulich, aber uninspiriert ab. Mal kommt Eleanor überraschend ins Krankenhaus, mal will sie Möbel kaufen, mal in der Kirche einer Hochzeit lauschen. Und dann darf sie auch noch ihrer verhärteten Anwältin Hühnersuppe kochen und herzerweichende Lebensweisheit servieren. Da muss Helena Bonham Carter plötzlich ganz klar und verständig spielen. Und man spürt, dass dieses im Grunde doch empörende Drama über rücksichtslose Medikamentengaben an einer Überdosis Wohlwollen krankt.