„Die Sch‘tis in Paris – eine Familie auf Abwegen“

Valentins Mutter (Line Renaud), sein Bruder Gustave (Guy Lecluyse) und dessen Frau Louloute (Valerie Bonneton) kommen in Paris aus dem Staunen nicht heraus.Foto: Concorde Filmverleih   Foto: Concorde Filmverleih

Regisseur und Hauptdarsteller Dany Boon serviert zehn Jahre nach seiner Erfolgskomödie „Willkommen bei den Sch’tis“ einen Nachschlag. Sein neuer Film ist keine...

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. Das Designerduo Valentin & Constance ist das It-Paar der Pariser Upper-Class. Seine Möbelkreationen werden bei Ausstellungen gefeiert und zieren noble Wohnungen. Doch dann wird Valentin überfallartig von seiner Familie besucht, deren Existenz er bis dato eisern geleugnet hatte. Bruder, Schwägerin, Mutter und Nichte sind waschechte Sch’ti-Landeier und stürzen mit ihrer Herzlichkeit und zupackenden Art das versnobte Paar von einer Peinlichkeit in die nächste. Doch nach einem Autounfall erleidet Valentin eine Amnesie und regrediert mental zu seinem achtzehnjährigen Alter ego. Er beweint den Verlust seines Mofas, erkennt seine Liebste nicht wieder, erinnert sich dafür an Techtelmechtel mit seiner Schwägerin – und spricht tiefstes Chtimi.

Regisseur und Hauptdarsteller Dany Boon serviert zehn Jahre nach seiner Erfolgskomödie „Willkommen bei den Sch’tis“ einen Nachschlag. Sein neuer Film ist keine Fortsetzung, basiert aber wie gehabt vorrangig auf der sprachlich-kulturellen Konfrontation von Hochfranzösisch und einem nordfranzösischen Dialekt, bei dem – knapper und gröber – nicht um den heißen Brei herumgeredet wird. Ein konsterniertes „Wie bitte?“ wird zu einem rausgeblökten „Häh??“. Die Übertragung der pikardischen Chtimi-Mundart ins Deutsche gehört nach wie vor zu den großen Leistungen der deutschen Synchronzunft.

Das fiktive Kauderwelsch, das sich so anhört, als ob man mit einer heißen Kartoffel im Mund spricht, nimmt Anleihen bei rheinfränkischen Dialekten und klingt, wiewohl frei erfunden, verwandt. Am meisten besticht diese Komödie deshalb durch ihren Sprachwitz, etwa wenn ein Sprachlehrer versucht, Valentin richtiges Französisch beizubringen (wobei Valentins Harthörigkeit für deutsche Ohren den Bemühungen von Franzosen, englisch zu sprechen, ähnelt). Valentins Frau Constance lernt gar Ch’ti, um ihrem Liebsten wieder näher zu kommen.

So wird zwar auch das Gehabe der Snobs persifliert, aber vor allem familiär gemenschelt. Abgesehen von den Störmanövern des geldgierigen Schwiegervaters ereignen sich weder schlimmere Culture-Clashs zwischen Hinterwäldlern und Städtern, noch zwischen Valentin und Constance, die nur anfangs als arrogante Zicke rüberkommt. Selbst Valentins Mutterdrachen – Line Renaud so furchterregend wie im ersten Film – findet an ihr nicht wirklich viel auszusetzen. In diesem harmonieseligen Wiedersehen der aus Boons vorigen Komödien bekannten Darsteller bekommt sogar Altstar Pierre Richard ein warmes Plätzchen.

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Diese Versöhnlichkeit geht leider zu Lasten einer spannenden und schlüssigen Handlung: Es wird zum Beispiel nie klar, warum genau Valentin seiner Familie so radikal den Rücken kehrte. Denn die Provinzler, die zwischen Bauernhof, Wohnwagen, Schrottplatz und Öko-Gemüseanbau vor sich hin wursteln, sind zwar ungeschliffen, aber von Anfang an liebenswert.

Biss hat lediglich der Spott über lebensfremde Kunstmätzchen. Wenn das Designerduo etwa seinen Kunden vormacht, wie man auf dreibeinigen Stühlen sitzt, ohne umzukippen, und sich sukzessive herausstellt, dass alle Käufer „Rücken“ haben, fühlt man sich an die Kunstsatire „The Square“ und auch an Jacques Tatis’ Klassiker „Mein Onkel“ erinnert. All das Geplänkel ist mit Drive inszeniert und oft ziemlich lustig, will aber nie mehr sein als eine herzige Komödie für die ganze Familie – und wirkt in dieser Beschränkung ein wenig mutlos.