„Der seidene Faden“

Er kann auch nett sein: Reynold Woodcock (Daniel Day-Lewis) hat durchaus Charme, was Alma (Vicky Krieps) für ihn einnimmt. Doch wehe, der Modeschneider ist bei der Arbeit, dann stört eine liebende Frau nur noch. Aber am Ende zeigt sich wieder einmal: Liebe geht durch den Magen. Foto: Laurie Sparham/Focus Features  Foto: Laurie Sparham/Focus Features

Man muss bei der Geschichte unweigerlich an Henry Higgins und Liza Doolittle aus „My Fair Lady“ denken. Paul Thomas Anderson, der mit Daniel Day-Lewis 2007 das Drama...

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. Der Junggeselle Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) hat keine Zeit für eine Frau, denn er ist umgeben von Frauen. Er lebt für ihre Anmut, er arbeitet an ihrer Verschönerung. Woodcock ist Couturier im London der Fünfziger, sein Anwesen ist bevölkert von emsigen Schneiderinnen, die an mondäner Mode nähen. Schwester Cyril (Lesley Manville) führt ihm streng den Haushalt, auf dass kein weibliches Wesen dem Herzen ihres Bruders näher kommt als seine selige Mutter, deren Locke sich Woodcock in die Jackettbrust eingenäht hat und die ihm bisweilen noch im Fiebertraum erscheint.

Doch dann ist da die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) in ihrem roten Kleid. Woodcock legt sie nicht flach, sondern nimmt Maß. Wenn er Frauen auszieht, dann um sie anzuziehen. Charme schenkt er sich: „Sie haben keine Brüste“, sagte er zu Alma „Es ist meine Aufgabe, Ihnen welche zu geben, wenn ich will.“ Sie wird sein Model und seine Muse, sein Geschöpf aber wird das auf widerborstige Weise geduldige Mädchen nicht. Es ist eine tragikomisch ungleiche Beziehung: Er zieht sie an. Und sie zieht auch ihn an. Aber das sind eben zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Man muss bei der Geschichte von „Der seidene Faden“ unweigerlich an Henry Higgins und Liza Doolittle aus „My Fair Lady“ denken. Dabei hatte Regisseur, Autor und Produzent Paul Thomas Anderson („Magnolia“) bei seinem ersten Film außerhalb der USA nicht das Musical um den Linguisten und das Blumenmädchen im Sinn, sondern eher Daphne Du Mauriers Schauerromanze „Rebecca“ und Hitchcocks Verfilmung. Doch bevor es gruselig werden kann, muss es erst schön schräg und strapaziös schrullig sein.

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Woodcock hat ein sicheres Händchen für Stoffe, aber keinerlei Gespür für die Damen. Sie nerven den verschrobenen Pedanten nur. Das Ekel von der edlen Gestalt ist Daniel Day-Lewis wie auf den Leib geschneidert. Die junge Luxemburgerin Vickie Krieps setzt ihm die sture Schlichtheit ihrer Figur entgegen.

Paul Thomas Anderson, der mit Daniel Day-Lewis 2007 das Drama „There Will Be Blood“ drehte, studiert lange und allzu ausführlich, wie der egozentrische Exzentriker bis zur Erschöpfung schneidert und dabei immer unleidlicher wird. So stur er ist, so handfest bleibt sie, gibt unbeeindruckt Widerworte, lässt den Toast auf dem Teller krachen und zieht den Löffel knirschend durch die Zähne, dass es ihrem geliebten Pedanten die Konzentration raubt.

Es ist zu bisweilen aufdringlicher Musik von Johnny Greenwood („Radiohead“) wie in einem Stummfilm ein virtuoses Duett zwischen Anziehen und Abstoßen, bis man als Zuschauer von ihrem absurden Alltag fast ebenso von Herzen erschöpft ist wie Alma und bis ins Mark genervt wie Woodcock. Da kann einem der seidene Geduldsfaden durchaus reißen.

Erst im Schlussdrittel kippt die Story von Screwball zu Gothic, entfaltet sich kurioser Schrecken in der Küche. Liebe geht durch den Magen, denkt sich Alma und macht ihm grünen Spargel in Butter. Woodcock aber macht ihr eine Szene. Danach tischt Regisseur Paul Thomas Anderson Omelett mit Pilzen auf, was der längst erkalteten Liebesgeschichte endlich die richtige Würze gibt. Es ist wohl eine eher unfreiwillige Pointe, dass diese Romanze aus dem Ankleidezimmer erst am Esstisch richtig eingefädelt wird.