Eva Leitschuh stellt im Darmstädter Baltenhaus aus

Markanter Akzent im Baltenhaus: Eva Leitschuh in ihrer Darmstädter Ausstellung. Foto: Andreas Kelm

Ein gutes Dutzend Bilder, entstanden zwischen 2018 und 2020, peppt derzeit die düster-historischen Räume auf. Darin verbirgt sich auch ein autobiografischer Bezug.

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DARMSTADT. „Ichthys“ heißt das titelgebende Bild der Ausstellung, altgriechisch für Fisch. Doch mit der daran anknüpfenden christlichen Symboltradition dürfte das weniger zu tun haben. In der linken Hälfte ist übergroß ein Frauengesicht zu erkennen, womöglich ein Selbstporträt. Das Gemälde wirkt wie eine Collage – so überlagert ist das Menschenbild mit Farbschwüngen und Formzwickeln, aus denen sich tatsächlich, blau inmitten eines Mahlstroms von Gelb, Grün, Braun und leuchtendem Purpur, schuppige Fischkörper abheben, die zum Bildrand streben. Nicht nur hier scheint die Naturauffassung von Eva Leitschuh die eines Kosmos in ewiger strudelnder Bewegung. Die Einzelphänomene, durch Abstraktion aufgelöst und zergliedert, entwinden sich dem nach Eindeutigkeit suchenden Zugriff des Auges wie ein glitschender Fisch.

Verzicht auf gezeichnete Kontur

Ursprünglich einmal war es die Zeichnung, womit diese Künstlerin auf sich aufmerksam machte: Porträt- und Aktblätter, die das übliche Steif-Akademische hinter sich ließen zugunsten von Vitalität und Individualität. Seit einigen Jahren rückt Eva Leitschuh mit Malerei nach. Eine Malerei überraschenderweise, die auf gezeichnete Kontur nahezu vollständig verzichtet. Ein gutes Dutzend Beispiele, entstanden zwischen 2018 und 2020, peppt derzeit die düster-historischen Räume des Baltenhauses auf. Leitschuh hat sich auf die Kombination bewusst eingelassen, und mit autobiografischem Bezug: Ihre Mutter stammt von der kurischen Nehrung, einem den baltischen Staaten benachbarten Teil Ostpreußens. Wo ihre Vorfahren den Beruf des Fischers ausübten.

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Das Dunkle, auf das sie sich mit dem Ausstellungsort eingelassen hat, ist trotz gelegentlich mediterran glühender Koloristik präsent auch auf ihren Bildern. In Gestalt nämlich jener schon rauschaft-mystisch zu nennenden Auffassung von bis ins letzte Detail belebter Natur, die, laut Bildtitel, aus einem Strauch einen „Sturm der Rosen“ losbrechen lässt oder ein „Kornfeld“ in ein flirrendes Patchwork diverser Kleinstrukturen verwandelt. Hier tun sich Querverbindungen auf einerseits zum Post-Impressionismus und Symbolismus der Zeit um 1900, andererseits zur modernen Romantik eines Peter Doig. Im Gegensatz zu dessen aquarellhaft fließendem Farbauftrag sind die Leitschuh’schen Leinwände kompakt mit Ölfarbe bedeckt, sogar haptisch griffig dank untergearbeiteter Stoffstreifen.

So auch in einem Hochformat, das zum Eindrucksvollsten der Auswahl gehört. Sein bewaldeter Steilhang – er könnte durchaus an der Ostsee liegen. Aus dem Himmelsblau der oberen Bildhälfte führt ein schmaler Einschnitt in die tiefen Blaugrün- und Rotbrauntöne der unteren, auf einen in Richtung Betrachter zielenden Bootssteg. Auf ihn schreiten zwei schemenhaft unscharfe, hellgekleidete Figuren herab, umschwirrt von den „Gelben Schmetterlingen“, die dem magischen Ganzen seinen Namen geben.