Ausstellung „Fokus Mensch“ in Darmstadt vereint Malerei...

Der Darmstädter Künstler Jörn Ludwig Heilmann hat die Schau mit Werken von Detlef Kraft und Michael Fieseler im Darmstädter Bauvereinsgebäude gestaltet.Foto: André Hirtz  Foto: André Hirtz

„Fokus Mensch“ ist die passende Formel für diese 13. Schau der Bauvereins-Reihe „Treffpunkt Kunst“. Es treffen sich Malerei von Michael Fieseler und Bildhauerei von...

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DARMSTADT. „Fokus Mensch“? Der Ausstellungstitel lässt schmunzeln. Tatsächlich scheint ja gerade die menschliche Betriebsamkeit angrenzender Büros wie ein Hindernis für jeden Kurator, der den Saal im Erdgeschoss des Darmstädter Bauvereinsgebäudes mit Kunst bespielen will. Dazu teilt eine massive Mittelsäule den Raum in schwierige Abschnitte, weswegen Bilder oder Skulpturen viel Stärke beweisen müssen, um hier zum Fokus der Aufmerksamkeit zu werden.

Trotzdem: „Fokus Mensch“ ist die passende Formel für diese 13. Schau der Bauvereins-Reihe „Treffpunkt Kunst“. Es treffen sich Malerei von Michael Fieseler und Bildhauerei von Detlef Kraft, und Kurator Jörn Ludwig Heilmann lenkt den Blick sehr geschickt. Dabei erlebt der Betrachter, wie diese Künstler den Menschen mit präziser Stille zum Sujet ihrer Werke machen, und das bringt schnell auch Ruhe und Konzentration in den Raum selbst.

Die Gegenständlichkeit wird freilich von Rätseln begleitet bei diesen Künstlern, die beide einmal Preisträger der Neuen Darmstädter Sezession waren und auch bereits in mancher Darmstädter Ausstellung gezeigt worden sind. Wer sich auf die Kunst Fieselers (geboren 1966) oder Krafts (Jahrgang 1950) einlässt, lässt sich auch darauf ein, dass hier – ganz in Stille – hintergründige Fragen gestellt werden.

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Warum beispielsweise kann jeder von uns überhaupt Innenwelten entwickeln und seine Persönlichkeit dorthin auch so entschieden zurückziehen, wie Detlef Kraft dies seit langen Jahren thematisiert? Die Präsentation ist eine Mini-Werkschau seiner Plastiken, deren künstlerischer Weg Stringenz beweist: Die auf das Wesentliche reduzierten Menschenbilder wirken seit den späten siebziger Jahren wie fern der Zeit, abgeschottet in sich.

Der Künstler verweigert sich der vorgetäuschten Lebensnähe, die seit der späten Renaissance zum Qualitätsausweis gegenständlicher Skulptur geworden war; er geht in seiner Formenwelt bisweilen sogar zurück zur schmalen Ganzfigur, die sich mittelalterlichen Stelen nähert, oder zur streng geradlinig ansichtigen Porträtbüste, die einst nur Herrscherbildern zugebilligt wurde.

Auf der Suche nach dem Seelen-Ideal

Kraft geht es dabei jedoch um den Menschen an und (ganz wörtlich) für sich. Individualität gesteht er seinen Plastiken nur da zu, wo sie tatsächlich namentlich benannt sind, also Modell gestanden haben. Dann beispielsweise trägt das junge Mädchen nicht nur Reiterstiefel und -hosen, sondern seine Ohren lugen auch frech aus dem langen Haar hervor, und dann bekommen die gezeigten Jazzer vom begeisterten Musiker Kraft erkennbare Gesichtszüge sowie Farben auf den Gips, was sie fast lebendig macht und nahe kommen lässt.

Fieseler führt in andere Welten des Fragwürdigen. In exzellenter Viellagen-Ölmanier erinnern die Bilder dabei malerisch freilich an Werke der Romantik und das Hell-Dunkel des Barock, an Epochen, in denen es ein philosophisches und malerisches Ideal war, dass Menschen sich genau so wohlfühlen in der freien Natur, wie sie hier gezeigt werden. Auf den oft großformatigen Bildern entdeckt der Betrachter dabei thematisch zuerst immer das Vertraute, er stößt auf Gegenwart und Harmonie. Der Blick wird angezogen von dem Miteinander eines männlichen Zwei-Generationen-Duos, von dem springlebendigen Jungen in den kurzen Hosen auf dem Bild gleich daneben oder dem Mann mit der Giftspritze aus dem häuslichen Garten: Menschen von nebenan sozusagen.

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Erst beim zweiten Hinschauen folgt die Irritation: Der Betrachter bemerkt, dass alle Figuren in surrealen Welten agieren. Die Landschaften, in die sich beispielsweise „Der Botaniker“ so selbstverständlich integriert, sind bloße Erfindungen. Der Mensch ist umgeben von bisweilen mächtigen Pflanzen oder Höhlenwelten, die es so nie gegeben hat und wohl auch nie geben wird. Die zarten Schleier, die Fieseler seiner Malerei mitgibt, werden dabei zur schwimmenden Grenze zwischen Realität und Traumwelten.

Von Annette Krämer-Alig