Wenn das soziale Netz nicht hält

Im Zentrum der Diakonie in Groß-Gerau sind am Montag obdachlose Menschen und Helfer zu einem Brunch geladen. Anlass war der bundesweite Tag der Wohnsitzlosen.Foto: Vollformat/Alexander Heimann  Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Beim Besuch im Übernachtungs- und Männerwohnheim der Diakonie in der Schützenstraße bestätigen Alf (52), Maik (24) und Rico (32) (Namen geändert), was Steffen Müller,...

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GROSS-GERAU. Beim Besuch im Übernachtungs- und Männerwohnheim der Diakonie in der Schützenstraße bestätigen Alf (52), Maik (24) und Rico (32) (Namen geändert), was Steffen Müller, Bereichsleiter der Wohnungsnotfallhilfe, auf den Punkt bringt: „Das eigene Dach über dem Kopf steht in der Bedürfnispyramide Obdachloser ganz oben.“

Wunsch nach eigenen vier Wänden

Gefragt, was für sie „Glück“ bedeuten könnte, antworten die drei Wohnungslosen spontan: „Du brauchst die eigenen vier Wände, um dein Leben in den Griff zu kriegen.“ Den „Tag der Wohnungslosen“ am 11. September, der auf die Situation der bundesweit knapp 300 000 Betroffenen aufmerksam machen soll, können Alf, Maik und Rico nur müde belächeln. „Das ist doch eine dumme Sache. Es gibt auch den Tag der Hunde, der Katzen oder des Schokoladen-Milchshakes. Niemandem, der es nicht mitgemacht hat, kannst du erklären, was es heißt, in der Gosse zu sein“, sagt Maik. Seit eineinhalb Jahren sei er obdachlos, sagt der junge Mann, der stets Wert auf sein Äußeres legt: „Ich will nicht aussehen wie einer, der ganz unten ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Dennoch: „Ich wollte auch schon mal von einer Brücke springen“, setzt er hinzu. Eigentlich sei er aus Leipzig, habe schon mit 15 Jahren „keinen Bock auf irgendwas“ gehabt, habe das Leben mit seinen Anforderungen als „dröge“, als langweilig empfunden. „Ich habe nur Förderschulabschluss, würde jetzt gern den Hauptschulabschluss machen. Aber erst brauche ich eine Wohnung, du kannst nicht als Obdachloser starten“, sagt er. Maiks Lebenslauf ist kein Einzelfall, immer mehr junge Menschen landen in der Obdachlosigkeit, bestätigt Steffen Müller. Lucian Lazar, Leiter der Diakonie Groß-Gerau/Rüsselsheim, sagt: „Und zunehmend kommen Menschen aus Osteuropa dazu, die schwarzarbeiten, bevor sie durch Krankheit oder Unerwartetes aus dem Netz fallen. Ohne Papiere haben sie seit 2017 nicht mal Anspruch auf Tagesgeld von 13,60 Euro.“ Lazar erklärt, im Kreis lebten 2000 bis 3000 Wohnungslose: „Man verliert die Wohnung schneller als gedacht – steigende Mieten sind für viele unbezahlbar geworden.“

Diakonie-Übernachtungsgast Alf, der in Kuba aufwuchs und Ende der achtziger Jahre über die Ex-DDR in den Westen kam, um hier zu arbeiten, erzählt, er sei seit August das erste Mal im Leben obdachlos. „Ich schäme mich“, sagt er. Aber: „Ich bin Schuld – ein bisschen auch die Gesellschaft. Mir hilft keiner mehr, wenn ich mir nicht selbst helfe.“ Er habe als Lagerarbeiter eine feste Stelle gehabt, doch die Scheidung von seiner Frau habe ihn erschüttert. „Diejenigen, die ich für Freunde hielt, verführten mich zum Trinken.“ Er sei alkoholkrank, sagt Alf. „Ich habe Therapien gemacht, war vier Jahre trocken. Dann hab ich mich überschätzt, wurde rückfällig. Jetzt muss ich es selbst schaffen“, erzählt er. Was gibt ihm Halt? „Ich hab Kontakt zu meiner Tochter, die zehn Jahre ist. Wenn sie 18 ist, will ich zurück nach Kuba.“ Alf versucht ein Lächeln: „Ich sag’: AWG – Alles wird gut.“