Schriftensammlung des Reformators Johannes Brenz rückt...

aus 500 Jahre Reformation

Thema folgen
Große Bücher sind das Metier von Erwin Müller. Hier stellt er Christoph Strohm (links) von der Universität Heidelberg den berühmten „Kolumbusbrief“ von 1493 vor. Aktuell erfreut sich die Michelstädter Büchersammlung besonderer Aufmerksamkeit.Foto: Manfred Giebenhain  Foto: Manfred Giebenhain

Die Nicolaus-Matz-Bibliothek der Stadt Michelstadt hat ihre neueste historische Buch-Entdeckung nicht nur restauriert, sondern auch mit zusätzlichen Erkenntnissen zurück....

Anzeige

MICHELSTADT. Die Nicolaus-Matz-Bibliothek der Stadt Michelstadt hat ihre neueste historische Buch-Entdeckung nicht nur restauriert, sondern auch mit zusätzlichen Erkenntnissen zurück. Denn die Kölner Spezialisten, die sich der Sicherung der im September 2016 identifizierten Handschrift des badischen Reformators Johannes Brenz (1499-1570) annahmen, haben bei ihrer Arbeit auch Hinweise auf die mögliche Herkunft des Buches gefunden. Der gesamte Vorgang bestätigt dabei den Ruf der ursprünglich kirchlichen Büchersammlung als Fundgrube geschichtsträchtiger Schriften.

Wie berichtet, war Professor Dr. Thomas Wilhelmi bei einer Recherche in der Matz-Bibliothek auf das Brenz-Buch aufmerksam geworden. Es gehörte zu den noch nicht katalogisierten neueren Handschriften des Archivs und wurde vermutlich in der Zeit um 1550 bis 1560 angefertigt. Der Germanist identifizierte das Werk als eine Sammlung von Schriften des Reformators, die vor allem wegen der enthaltenen bisher unbekannten Predigten von Bedeutung für die deutsche Kirchengeschichte sein könnten.

Eine große Resonanz in der Fachwelt

Anzeige

Entsprechend groß fiel die Resonanz in der Fachwelt aus. „Das besondere Interesse an dem Fund ist dem aktuellen Reformationsjahr zu verdanken gewesen“, lässt Wilhelmi zu dieser Erfahrung wissen. „So stand auch außer Frage, das wertvolle Stück in die Hände von Fachleuten zu legen, um die fast vollständig beschädigten Buchdeckel ersetzen zu lassen“, ergänzte Bürgermeister Stephan Kelbert nach der Wiedereingliederung des Bands in die Kirchenbibliothek. Dabei präsentiert dieser sich nicht nur in einem neuen Einband aus Buchenholz, sondern auch genauestens untersucht. Die Kölner Fachleute haben den Buchschnitt mit ultravioletten Aufnahmen analysiert und sind dabei auf den Namen Hans Gamper gestoßen. Das lasse Rückschlüsse auf den möglichen Besitzer zu, erläuterte Wilhelmi. Bis dahin waren der Heidelberger Experte und Erwin Müller, der die Bibliothek ehrenamtlich betreut, davon ausgegangen, dass Pfarrer Daniel Lorsbach aus dem damals kurpfälzischen Beedenkirchen die Handschrift angefertigt hat. Von 1569 an predigte er in Vielbrunn, das der Grafschaft Erbach angehörte.

„Der Name Gamper ist in Heppenheim zuhause“, ordnet Wilhelmi die Erkenntnisse ein, „also in einem Ort, der damals ebenfalls der Kurpfalz angehörte“. Und diese war zu jener Zeit auf die Reformation nicht gut zu sprechen. Dies könnte erklären, weshalb in der Schrift der Name Brenz an mehreren Stellen unkenntlich gemacht wurde. Ein Heidelberger Forschungsprojekt wird dieser Sache nun noch näher auf den Grund gehen. Auch deshalb sahen sich Forschungsstellenleiter Professor Dr. Christoph Strohm, Ordinarius für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg, und mit ihm angereiste Dozenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten nun näher in der Bibliothek um. „Insgesamt gehen wir von rund 35 000 Briefen aus, Handschriften, die wir an etlichen Orten sichten werden“, stellte Strohm den Gesamtumfang des auf 15 Jahre angelegten bundesweiten Auftrags vor. Rund 1000 werden es in die engere Auswahl schaffen. Am Ende stehe deren vollständige Digitalisierung, um sie für den Druck vorzubereiten.

Angesichts der Erfahrungen mit den Brenz’schen Handschriften stünden die Chancen nicht schlecht, dass weitere Exemplare aus der Matz-Bibliothek Einzug halten könnten in den „Theologenbriefwechsel im Südwesten des Reichs in der Frühen Neuzeit (1550-1620)“, so der Titel des Forschungsprojekts.