Jetzt geht es um Integration

Sprachliche Verständigung, soziale Integration oder auch ein Büro: Auf die Flüchtlingshelfer kommen neue Aufgaben zu.Foto: Vollformat/Volker Dziemballa  Foto: Vollformat/Volker Dziemballa

Lang scheint es her, dass das Wort „Willkommenskultur“ in aller Munde war: 2015 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der Flüchtlingsströme die Parole aus,...

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GROSS-GERAU. Lang scheint es her, dass das Wort „Willkommenskultur“ in aller Munde war: 2015 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der Flüchtlingsströme die Parole aus, die tausende Ehrenamtliche auf den Plan rief: „Wir schaffen das“. Im Kreis Groß-Gerau waren es 2015 rund 2164 Menschen, die Zuflucht suchten und es werden – so schätzt Walter Astheimer (Erster Kreisbeigeordneter/Grüne) – Ende 2017 angesichts stagnierender Zahlen insgesamt nicht mehr als 4600 sein, die in der Region leben.

Bei den Helfern entstehen Selbstzweifel

Der zweite Fachtag „Engagement für Geflüchtete“ machte den enormen Wandel deutlich, der die Aufnahme von Flüchtlingen politisch, moralisch und praktisch geprägt hat. Hildegund Niebsch (Diakonie Hessen) gehörte zu den Referenten im Kreishaus, die darlegten, dass Offenherzigkeit und Großzügigkeit vielfach der Angst gewichen sind: „Statt von Menschen in Not wird von ‚Illegalen’ gesprochen, Selbstzweifel kommen sogar bei Ehrenamtlichen auf. Alle reden von Integration, doch zugleich wird abgeschottet.“ Kamen 2016 noch 320 000 Flüchtende ins Land, sind es jetzt, 2017, bislang nur 106 000. Woran liegt das? Niebsch: „Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass, wer kein Recht auf Asyl habe, auch wieder gehen müsse.“

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Bundesweiter Rückkehrdruck bei der „Rückkehrberatung“ durch pensionierte Polizisten sowie die Aussetzung des Familiennachzugs Geflüchteter, die über 2018 hinaus verlängert werden könnte, seien nicht angetan, die Integration Geflüchteter zu fördern, so Niebsch. „Ehrenamtliche haben den Eindruck, ihre Bemühungen werden zunichte gemacht.“

Der Blick über den Kreis hinaus auf die „große Politik“ sollte für die knapp hundert Ehrenamtlichen aber keineswegs Entmutigung sein: „Das Gesetz ändert sich, das Gewissen nicht“, zitierte Niebsch die Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Mittlerweile gäbe es sogar Solidaritätsgruppen für abgewiesene Geflüchtete „von unten“, die Hilfe am Rand des Legalen nicht scheuen. „Widersprechen Sie, wo es geboten ist. Wir sind viele“, so Niebsch. Und Zuhörer fragten dringlich nach, ob es Petitionen gegen die Verlängerung der Aussetzung des Familiennachzugs gäbe, die unterschrieben werden könnten. Es wurde auf „Pro Asyl“ verwiesen. Barbara Weber, Ehrenamtsbeauftragte des Kreises, die den Fachtag geplant hat, sagte: „Ehrenamtliche können sich einerseits freuen, dass sie mal wieder Zeit für private Dinge haben – 650 Geflüchtete wurden uns 2017 bislang zugewiesen, 2015 kamen noch 2164.“ Doch sie fügte auch hinzu: „Man muss wünschen, dass Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten geregelt ihr Land verlassen und zu uns kommen können. Menschen, die Grund haben, zu fliehen, kann man nicht stoppen.“

Es kommen weniger Menschen

Harald Bott, Leiter der Stabsstelle Asyl, sagte: „Jetzt heißt es: Es kommen immer weniger Flüchtlinge, ihr habt doch gar keine Arbeit mehr. Freilich – Woche für Woche 160 Personen unterzubringen, wie es 2015/16 der Fall war, ist nicht nötig. Jetzt sind es vier bis zwanzig Menschen, die uns zugewiesen werden. Und doch: Statt um Willkommen geht es um Integration, die intensiv betrieben werden muss.“ Ab 2018 laufe die Organisation der Integrationsarbeit in etwas veränderter Form ab. „Die 14 Kreiskommunen haben dann insgesamt drei Millionen Euro zur Verfügung, um Integration in Eigenregie zu leisten.“ Und auch Klaus Engelberty (Diakonisches Werk Groß-Gerau/Rüsselsheim) mahnte: „Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt und dafür brauchen wir euch, die Ehrenamtlichen. Ein Sozialarbeiter im Kreis kümmert sich um hundert Flüchtlinge. Integration geschieht aber, wo Menschen zusammenleben – im Alltag, bei der Arbeit, in Schulen, in Kitas, in der Nachbarschaft.“ Er zitierte einen Mann aus Syrien: „Hilfe hat Millionen Wege. Ein Lächeln, ein Wort, ein Gruß. Und manchmal auch Freundschaft.“ Engelberty riet, den Blick nicht nur auf Defizite Geflüchteter zu richten, sondern auf Ressourcen, damit Begegnungen auf Augenhöhe und keine Parallelgesellschaften entstehen. In Kleingruppen wurden dann spezielle Themen diskutiert. „Austausch stärkt“, zeigte sich Barbara Weber berechtigt überzeugt.