Hilfe, wenn es mit der Sprache hapert

Die stellvertretende Leiterin der Astrid-Lindgren-Schule, Doris Schorr, macht mit den Schülern der Klasse 1a Sprachübungen. Foto: Vollformat/Alexander Heimann  Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Vor 25 Jahren hat die Groß-Gerauer Astrid-Lindgren-Schule (ALS) ganz klein angefangen. Mit zwei Klassen startete die Sprachheilschule damals. Nachdem die Herder-Schule in...

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GROSS-GERAU. Vor 25 Jahren hat die Groß-Gerauer Astrid-Lindgren-Schule (ALS) ganz klein angefangen. Mit zwei Klassen startete die Sprachheilschule damals. Nachdem die Herder-Schule in Darmstadt nicht mehr alle Kinder aufnehmen konnte, richtete der Kreis eine eigene Schule für Kinder mit Sprachstörungen ein.

Heute ist die Lindgren-Schule in andere Dimensionen vorgedrungen. 19 Klassen, 208 Schüler, 25 Lehrkräfte, zwei Referendarinnen, zwei FSJ’ler, zwei Mitarbeiter in der Betreuung mit 30 Plätzen und acht Teilhabeassistenten – das sind die nackten Zahlen. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Claus Huber und seufzt. Computer- und Musikraum waren zwischenzeitlich zu Klassenräumen umfunktioniert worden, ein neuer Container soll zumindest etwas Abhilfe schaffen. Die Kapazitäten aber reichten nicht aus, mehrere Schüler hätten in Griesheim untergebracht werden müssen, erklärt der 47-jährige Vater dreier Kinder, der im vorigen Jahr die Leitung der Schule von Günther Müller übernommen hat. Auch wenn sich an der ALS vieles verändert hat – eines ist gleich geblieben. Nämlich das Ziel, die Kinder möglichst rasch wieder in eine sogenannte Regelschule abzugeben, damit sie wieder mit ihren Nachbarskindern zusammen sein können. „In sehr vielen Fällen gelingt uns das nach der vierten Klasse, oft auch schon früher.“

Viele Kinder haben umfassende Störungen

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Wer an die Lindgren-Schule kommt, leidet unter umfassenden Sprachbeeinträchtigungen. Das sind Probleme mit Grammatik und Satzbau, aber auch Artikulationsschwierigkeiten und Wortschatzdefizite, oft gepaart mit auditiven Wahrnehmungsstörungen. Viele Kinder hätten Probleme, sich die Abfolge der Laute in einem Wort zu merken, andere auch Hörschwierigkeiten.

Die ALS setzt hier auf individuelle Förderung, die Klassen werden in der Regel von nicht mehr als zwölf Kindern besucht. Wichtig bei Arbeitsaufträgen etwa sind kurze, gut artikulierte Sätze, erklärt Huber. Die Lehrer müssten zudem ein gutes Mundbild haben, damit die Kinder auch den visuellen Kanal als Hilfestellung nutzen können.

Werde auf Sprachstörungen nicht rechtzeitig eingegangen, drohe Frustration, weil die Kinder das Gefühl – und nicht nur das Gefühl – hätten, nicht verstanden zu werden. Daraus könnten Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten erwachsen. Manche Kinder fingen auch an, draufzuhauen, um sich Gehör zu verschaffen, sagt Huber. Dem Kollegium der ALS, das ausgesprochen eng und harmonisch zusammenarbeite, komme es darauf an, nicht nur an der Sprache zu arbeiten, sondern auch soziale Kompetenzen zu vermitteln. Teil der Schulgemeinschaft sind die beiden Schulhunde Alonso und Tomte, zu den besonderen Angeboten gehören unter anderem das therapeutische Reiten, die Schach-AG und Trommeln.

Dass der Bedarf an Sprachförderung in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist, liegt für Huber auch an gesellschaftlichen Veränderungen und dem Mediennutzungsverhalten. In vielen Familien müssten beide Elternteile arbeiten. Es werde weniger gesprochen, die Kinder säßen vor dem Fernseher oder Computer. In einer Trainingsgruppe für Eltern biete die ALS derzeit das Projekt „Digitales Bilderbuch“ an. Immer häufiger kämen auch Kinder, die ihre Erstsprache nicht richtig gelernt hätten – und sich dann mit der Zweitsprache entsprechend schwertäten.

Für Grundschullehrer und Lehrkräfte an den Beratungs- und Förderzentren (BFZ), die Kinder im Rahmen der Inklusion an allgemeinbildenden Schulen betreuen, gestaltet die ALS Fortbildungen, arbeitet gut mit ihnen zusammen. Ab dem Schuljahr 2019/20 wird es an der ALS laut Schulentwicklungsplan keine fünften und sechsten Klassen mehr geben, die Schule soll sich auf die Jahrgänge von der Vorklasse bis Klasse vier konzentrieren.

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„Grundsätzlich ist Inklusion eine tolle Sache“, sagt Huber. Man müsse aber auch schauen, die Kinder zu befähigen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Einige Kinder hätten indes so umfassende Störungen, dass es nach Klasse vier noch schwierig werde. In einem ist sich Huber daher sicher: „Man braucht uns so lange, bis jedes Kind auch mit umfassenden Sprachbeeinträchtigungen in der Inklusion zufriedenstellend gefördert werden kann.“