Eine Tagesdosis Bedeutung

Mittagessenzubereitung in der Tagesstätte des Sozialpsychiatrischen Vereins in Groß-Gerau in der Mainzer Straße. Unser Foto zeigt Leiter Michael Hüttenberger und Martina Meyer beim Gemüseschnippeln.  Foto: Vollformat/Alexander Heimann   Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Freundlich wirkt die Tagesstätte des Sozialpsychiatrischen Vereins (SPV): Michael Hüttenberger, seit 17 Jahren Leiter des SPV-Zentrums Groß-Gerau mit integrierter...

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GROSS-GERAU. Freundlich wirkt die Tagesstätte des Sozialpsychiatrischen Vereins (SPV): Michael Hüttenberger, seit 17 Jahren Leiter des SPV-Zentrums Groß-Gerau mit integrierter Tagesstätte für psychisch Kranke, merkt an: „Manchmal, wenn ganz normale Leute bei uns reinschauen, sagen sie überrascht: Schön ist’s bei euch. Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“

Freilich: Hinterm Wohlfühlambiente der mit Sitzecken, Werk-, Computer- und Esstischen sowie Küchenzeile ausgestatteten Räume, verbergen sich bewegende Schicksale von Menschen, die seelisch krank sind. Sie kommen hierher, um dem Alleinsein zu entfliehen, um Gesprächspartner und Freunde zu treffen, beim Einkaufen und Kochen zu helfen oder andere, kleine Aufgaben zu übernehmen.

Magdalena Böhm, Nusrat Saddal und Pedro Abbalus falten jetzt sorgsam die SPV-Programme mit Freizeitangeboten für 2018, die dann an alle SPV-Mitglieder verschickt werden. Vertraut unterhalten sie sich. Andere Besucher suchen sich still einen Platz und sind dankbar, von Menschen umgeben zu sein, die sie nicht bewerten. Denn wer anders ist, wer seelisch nicht mithalten kann in der Arbeitswelt mit all ihren Verantwortlichkeiten, sieht sich oft irritierten oder gar ablehnenden Reaktionen gegenüber.

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„Jeder Mensch braucht seine Tagesdosis an Bedeutung, jeder will wahrgenommen und in seinem So-Sein akzeptiert werden“, betont Peter Hüttenberger. Der empathische Sozialarbeiter erläutert: „Menschen mit psychosozialen Handicaps finden in unserer Tagesstätte Annahme und Ansprache, können sich nützlich machen oder entspannen. Es sind Klienten jeden Alters, die derzeit keine stationäre oder tagesklinische Behandlung brauchen, die aber auf dem freien Arbeitsmarkt aktuell nicht vermittelbar sind und sich Tagesstruktur wünschen.“

Alle Besucher erfahren vom Team der 15 Mitarbeiter – es gehören Sozial- und Heilpädagogen, Ergotherapeuten und Fachkrankenpfleger dazu – Wertschätzung. „Talente und Fähigkeiten werden gefördert“, so Hüttenberger. Montage-, Verpackungs- und Konfektionierungsarbeiten, die Klienten für Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet ausführen, bedeuten für sie erste Teilhabe an Arbeitsprozessen, sind sinn- und identitätsstiftend. Andere Besucher bringen Computerkenntnisse oder Kochkünste ein. „Keiner muss sich beteiligen, doch jeder hat die Chance dazu. Unsere Tagesstätte ist ein niedrigschwelliges Angebot für jene, deren Dünnhäutigkeit sie, oft verbunden mit lebensgeschichtlichen Krisen, seelisch krank werden ließ“, sagt Peter Hüttenberger.

Doch: Warum wird ein Mensch seelisch krank, ein anderer nicht? Hüttenberger: „Ich meine, es sind Gänsehautmenschen, Menschen, denen es nicht gegeben ist, sich ein dickes Fell zuzulegen.“ Schritt zu halten in unserer leistungsorientierten, temporeichen Welt, gelinge bei Weitem nicht jedem. „Der Hilfsbedarf ist wachsend.“

Knapp 50 Besucher kommen täglich in die Tagesstätte im Zentrum Mainzer Straße, das 2016 den 20. Geburtstag feierte. Manfred Markus, ein Klient, der seit Langem dazugehört, hat heute einen stillen Nischenplatz ausgewählt. „Ich hatte kürzlich eine Krise, war in der Gerontopsychiatrie. Mir geht es gerade nicht gut. Hier bin ich wenigstens nicht so allein“, sagt er.

Für ihn und für viele andere, die in Wohnheimen und Gastfamilien des SPV oder eigenständig im Betreuten Wohnen leben, ist die Tagesstätte eine zweite Familie, denn es wird jedem, seiner Lebensgeschichte und seiner Krankheit, respektvoll begegnet.

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Martina Meyer und Mohammad Arif sind jetzt dabei, Gemüse fürs Mittagessen zu putzen – appetitlicher Duft steigt auf. „Alle SPV-Besucher haben hier täglich von 8 bis 16 Uhr kostenfreien Aufenthalt, sind als Gäste beim Landeswohlfahrtsverband angemeldet. Nur für die Mahlzeiten wird ein kleiner, symbolischer Obolus fällig“, sagt Peter Hüttenberger.